Luftbildaufnahme von Saarbrücken (Foto: SR/Alexander M. Groß)

Die Malocherstadt wird moderner

Christian Leistenschneider   13.06.2021 | 08:35 Uhr

Weniger Tradition, mehr Karriere, mehr Umweltschutz: Saarbrücken und seine Bürger haben sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich verändert. Das zeigt eine neue Milieustudie zu Einstellungen und Werten der Bewohner der Landeshauptstadt.

Saarbrücken war immer eine eher untypische Landeshauptstadt: Während viele Länder-Hauptstädte eher als Verwaltungssitze auffielen, war die saarländische schon immer stark durch die Industrie geprägt. Saarbrücken war nicht nur Krawatten-, sondern auch "Malocherstadt".

Die Industrie ist nicht verschwunden, doch sie hat sich verändert. Und die Bewohner der Landeshauptstadt haben sich in den vergangenen zehn Jahren besonders gewandelt. Das zeigt eine neue Studie, die die unterschiedlichen Milieus in der Stadt untersucht. Es ist die zweite sogenannte Sinus-Milieustudie nach 2011.*

Stark geschrumpfte Unterschicht

Zentrales Ergebnis der Studie: In den vergangenen zehn Jahren wurde die Stadt insgesamt ausgeglichener. Das 2011 mit einem Anteil von gut 56 Prozent klar stärkste Milieusegment der "Unteren Mittel- bzw. Unterschicht" ist stark geschrumpft, der Anteil an der Gesamtbevölkerung ist um gut 24 Prozentpunkte zurückgegangen. Demgegenüber sind die Segmente der "Mittleren Mittelschicht" und der "Ober- bzw. oberen Mittelschicht" jeweils um etwa 12 Prozentpunkte gewachsen.

Besonders frappierend ist der Rückgang bei den sogenannten Traditionalisten, die auf Ordnung und Sicherheit bedacht sind und konservative Wertvorstellungen hegen. 2011 bildeten sie mit einem Anteil von gut einem Fünftel noch die mit Abstand größte Gruppe. Doch das Milieu hat sich mehr als halbiert. Mit einem Anteil von nur noch zehn Prozent liegt Saarbrücken inzwischen sogar leicht unter dem bundesdeutschen Wert.

Demografischer Wandel

Wie genau es zu der Entwicklung kam, darüber geben die Erhebungen keine Auskunft. Lothar Kuntz, Leiter der Entwicklungsplanung im Amt für Entwicklungsplanung, Statistik und Wahlen bei der Stadt Saarbrücken und verantwortlich für die Studie, hat aber ein paar Erklärungsansätze. "Der demografische Wandel spielt da sicherlich eine Rolle. Das Traditionelle Milieu ist das mit dem höchsten Altersdurchschnitt aller Milieus: 67 Jahre."

Aus jüngeren Generationen gebe es für diese Gruppe kaum Nachwuchs. "Man kann sagen, dass dieses Milieu ‚ausstirbt‘, ein Trend, der nicht nur in Saarbrücken, sondern bundesweit zu beobachten ist. Wenn sie sterben, rücken Menschen mit anderen Wertvorstellungen nach, die deren Häuser oder Wohnungen übernehmen."

Aber auch bei vielen älteren Menschen habe durch die gesellschaftliche Diskussion in den vergangenen zehn Jahren ein Wertewandel stattgefunden: "Da geht es dann vielleicht mehr um den Erhalt der Umwelt als um die Höhe der Rente."

Andere Werte, andere Herausforderungen

Jedenfalls seien es weniger große Wanderungsbewegungen, die das Gepräge der Stadt verändert hätten, viel eher hätten sich die Menschen gewandelt, sagt Kuntz. "Es sind in vielen Fällen die gleichen Menschen, die heute eine andere Einstellung haben als vor zehn Jahren."

Orientierungen, Wertvorstellungen und Wertmuster würden sich im Laufe der Zeit ändern - und das habe Folgen. "Die Menschen sind kritischer geworden, sie stellen die Dinge mehr infrage und stellen höhere Ansprüche an ihr Wohn- und Arbeitsumfeld. Das ergibt viele Herausforderungen für Politik und Verwaltung."

Beispiel Gersweiler

Wie sich ein solcher Wandel in einzelnen Stadtteilen konkret auswirken kann, zeige das Beispiel Gersweiler und die Widerstände, auf die die Firma Woll bei der Erweiterung ihrer Betriebsstätte dort traf. "Das ist ein Stadtteil mit einer langen Tradition als Industriestandort und einer etablierter Arbeiterkultur. Und die Firma Woll ist als traditionelles Gersweiler Unternehmen da lokal so verankert, wie es eine Firma nur sein kann." Deshalb hätte er nicht erwartet, dass es so viele lokale Proteste gegen das Vorhaben der Firma gibt, sagt Kuntz.

Hier lieferten die Daten der Studie einen möglichen Erklärungsansatz: Innerhalb von zehn Jahren habe etwa das Sozialökologische Milieu, das unter anderem durch ein ausgeprägtes ökologisches und soziales Gewissen und Engagement für die Belange des Natur- und Umweltschutzes gekennzeichnet sei, in Gersweiler einen deutlichen Zuwachs erlebt: plus 12,9 Prozentpunkte. Dieser Zuwachs sei im Vergleich zur Entwicklung in Saarbrücken insgesamt mehr als doppelt so hoch.

Demgegenüber sei der Anteil des eher kleinbürgerlichen, an Traditionen und althergebrachten Werten orientierten Traditionellen Milieus im gleichen Zeitraum um rund 26 Prozentpunkte geschrumpft. "Daraus ergeben sich dann ganz andere Fragestellungen: Wie lässt sich die Umwelt schützen? Was ist ein familiengerechtes Wohnumfeld?"

Orientierung für die Politik

Informationen, wie sie in der Milieustudie zu finden sind, können der Politik helfen, ihre Vorhaben besser zu planen: Was bedeuten solche Veränderungen beispielsweise für die Ansiedlung von Betrieben? Wo sind welche Investitionen sinnvoll, wo überhaupt willkommen? Wie lassen sich Wohnprojekte besser planen, welche Ansprüche stellen die Milieus an ihr Wohnumfeld?

Was die Stadt letztlich daraus macht, worin die Nutzanwendung der Studie besteht, das hängt vom politischen Prozess ab. Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU), der nach eigenen Angaben Wert auf die spezifischen Verhältnisse in den einzelnen Stadtteilen legt und die Bürger dort in ebendiesen Prozess besser einbinden will, weiß damit zumindest genauer, mit wem er es eigentlich zu tun hat.

Für Lothar Kuntz ist jedenfalls klar: Saarbrücken ist urbaner geworden, moderner - und hat sich mehr dem bundesdeutschen Durchschnitt angenähert. Ob die Stadt dadurch auch ein Stück ihres Charakters verliert? "Franz-Josef Degenhardt hat sich bereits Ende der 60er Jahre über die ‚Butzenscheibenseligkeit‘ von Saarbrücken kritisch geäußert. Wandel ist immer vielfältig und bedeutet zwangsläufig auch Verlust von Liebgewordenem, von eingeübten Traditionen. Hier zeigt der starke Rückgang des Anteils des Traditionellen Milieus innerhalb der letzten zehn Jahre die beeindruckende Dimension der Veränderung. Aber nur durch Wandel und Veränderung kann es Zukunft für die Attraktivität Saarbrückens als Lebens- und Arbeitsort geben."


* Zu Sinus-Studien

Für Städte ist es wichtig, zu wissen, wer dort eigentlich wohnt. Sie können dann besser planen und auf ihre Bevölkerung reagieren. Um Bürger einer Stadt einzuordnen und zu gruppieren, gibt es verschiedene Modelle. Sogenannte Sinus-Studien teilen Menschen in Milieus ein, die wiederum in den Segmenten "Untere Mittel- bzw. Unterschicht", "Mittlere Mittelschicht" und "Ober- bzw. oberen Mittelschicht" zusammengefasst werden. Milieus werden von Menschen in ähnlicher sozialer Situation und mit gleichen Wertvorstellungen gebildet. Dazu gehören etwa Bürgerliche Mitte, Traditionelle, Performer, und viele weitere. Für die Sinus-Studie 2020 hat die Landeshauptstadt Daten von rund 100.000 ihrer etwa 105.000 Haushalte ausgewertet.

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