Ein Mann sitzt mit einem Buch alleine in der Natur (Foto: Sebastian Knöbber)

Wie es Älteren in der Coronakrise geht

Thomas Braun   28.11.2020 | 08:54 Uhr

Aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus haben viele Senioren ihre Kontakte derzeit eingeschränkt - Gruppenangebote und Veranstaltungen sind ohnehin längst auf Eis gelegt. Auch wenn viele gut damit zurechtkommen: Für manche wird die Einsamkeit und Eintönigkeit zum großen Problem.

Vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie war Diethild Loch sehr aktiv. Die 80-Jährige traf sich gerne mit Freunden, ging ins Restaurant und zu Kulturveranstaltungen und engagierte sich als "Grüne Dame" im Saarbrücker Winterbergkrankenhaus, um dort Zeit mit den Patienten zu verbringen.

All das ist im Moment nicht möglich, dennoch nimmt die 80-Jährige die Situation eher gelassen: "Ich bin ein Kriegskind. Ich kannte noch bis zu meinem 20. Lebensjahr ganz andere Einschränkungen", erzählt sie. Statt mit Freunden verbringt sie ihre Zeit jetzt überwiegend alleine, geht häufiger auf den Friedhof und beschäftigt sich intensiver mit ihrem Smartphone und Tablet - etwas, was sie sich sonst wohl nicht mehr angeeignet hätte.

Viele fühlen sich kaum eingeschränkt

So wie Frau Loch geht es vielen älteren Menschen in der Coronakrise. In einer bundesweiten Umfrage unter 500 Menschen, die 75 Jahre oder älter sind, kamen Forscher der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zu dem Ergebnis, dass sich 82 Prozent der Befragten durch die Coronapandemie und die damit verbundenen Maßnahmen "weniger stark" oder sogar "gar nicht" eingeschränkt sehen.

Allerdings gab auch mehr als die Hälfte der Senioren an, dass ihnen der Kontakt zu anderen Menschen fehle. Etwa jeder Zehnte fühlte sich hin und wieder alleine gelassen.

Telefonkette statt Seniorennachmittag

Dass sich niemand alleine gelassen fühlen muss, dafür gibt es im Saarland viele Initiativen. Wo Gruppenangebote weggefallen sind, haben die Hilfsorganisationen vor Ort neue Möglichkeiten für Kontakte gesucht - von Einzelangeboten über Fenstergespräche bis hin zu Telefonketten. Auch wurden vielerorts Unterstützungsangebote wie etwa Einkaufshilfen etabliert, die zwar mit steigender Tendenz nachgefragt werden - aber längst nicht in dem Umfang, wie man erwartet hatte, berichtet etwa das Seniorenbüro Püttlingen.

Balkongespräche gegen die Einsamkeit (Foto: Brigitte Berg)
Mit Balkon- oder Fenstergesprächen ist soziale Nähe auch auf Abstand möglich.

Aber die Menschen zu erreichen, die sich nun alleine gelassen fühlen und eigentlich Unterstützung bräuchten, ist gar nicht so einfach, wie Lothar Arnold erzählt. Als Vorsitzender des Landesseniorenbeirats und des Beirats der Stadt Saarbrücken hat er einen guten Überblick über die derzeitige Situation. Viele Betroffene würden dicht machen. "Sie haben Angst vor Kontakten, lassen keinen mehr rein."

Es ist nicht schlimm, auch mal um Hilfe zu bitten.

Er würde sich wünschen, dass die Menschen auch von sich aus aktiver werden. "Es ist nicht schlimm, auch mal um Hilfe zu bitten", so Arnold. Es sei oft eine größere Bereitschaft da zu helfen, als letztlich abgerufen wird.

Als eine der wenigen Möglichkeiten, hier tatsächlich etwas zu bewegen, sieht Arnold die Familien - sofern sie vorhanden sind. Es sei wichtig, dass jetzt die familiären Bande stärker aktiviert würden, um die betroffenen Senioren aus ihrer Einsamkeit herauszuholen.

Pflegebedürftige haben schnell abgebaut

Welche Folgen die Einsamkeit und die Eintönigkeit haben können, beschreibt Marianne Bastian-Kleinhempel, Pflegedienstleiterin im Altenheim St. Nikolaus Hospital in Wallerfangen. Als die Tagespflege in dem Heim geschlossen war, hätten die Familien oft berichtet, dass sich schnell eine gewisse Antriebslosigkeit bei ihren Angehörigen breit gemacht habe. "Die Menschen haben furchtbar schnell abgebaut - vor allem in der Mobilität", sagt Bastian-Kleinhempel.

Sie sieht in der aktuellen Situation vor allem ein Problem für die Menschen, die auf eine gewisse Motivation, auf Impulse von außen angewiesen seien. Wer hingegen noch in der Lage sei, seinen Alltag selbst sinnvoll zu gestalten, komme auch vergleichsweise gut durch die Krise, berichtet Bastian-Kleinhempel von ihren Erfahrungen.

Ein älteres Paar geht spazieren. (Foto: Pixabay/pasja1000)
Sinnvolle Beschäftigungen - vor allem Bewegung und Spaziergänge - helfen gegen eine depressive Verstimmung.

Sinnvolle Tagestruktur wichtig

Die sinnvolle Tagesgestaltung ist auch ein Tipp, den Experten geben, um gut durch die Krise zu kommen. Dass Menschen aufgrund der aktuellen Situation eine depressive Stimmung verspüren, sei erst einmal "eine normale Reaktion", erklärt die Psychologin-Professorin Eva-Lotta Brakemeier. Sie ist eine von mehreren Autoren und Autorinnen auf der Internetseite psychologische-coronahilfe.de - einem Angebot der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Sie betont in ihrem Beitrag, dass man selbst aktiv etwas gegen die depressiven Verstimmungen tun kann, sich zum Beispiel eine Tagestruktur mit positiven Aktivitäten schaffen kann. Dass man trotz Distanz Nähe suchen soll, zum Beispiel über Telefonanrufe und Videochats. Und wenn das alles nichts hilft, soll man sich auch trauen, Hilfe zu suchen und in Anspruch zu nehmen.

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