Mitarbeiter von Ford arbeiten in einer Produktionshalle. (Foto: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa)

Saarwirtschaft leidet unter Brexit

Karin Mayer   01.02.2021 | 07:58 Uhr

Der Brexit hat massive Folgen für die Saarwirtschaft. Die Exporte nach Großbritannien sind um bis zu 60 Prozent eingebrochen. Mehr Unternehmen lassen sich bei der Industrie- und Handelskammer beraten – zum Beispiel zu Zollbedingungen.

Vor dem Brexit-Votum war Großbritannien der wichtigste Handelspartner für das Saarland mit Exporten im Wert von 2,7 Milliarden Euro etwa im Jahr 2015. 2019 gingen noch Waren für 1,6 Milliarden ins Vereinigte Königreich, im Corona-Jahr 2020 waren es bis Ende November Waren im Wert von 1,1 Milliarden. Die Importe haben sich halbiert.

IHK berät Unternehmen

Die Folgen des Brexit für die Saarwirtschaft
Audio [SR 3, Studiogespräch: Renate Wanninger/Karin Mayer, 01.02.2021, Länge: 04:12 Min.]
Die Folgen des Brexit für die Saarwirtschaft

Infolge des Brexit zum Jahresbeginn habe die Unsicherheit bei Unternehmen im Saarland zugenommen. Bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) gebe es mehr Beratungsbedarf, berichtet IHK-Geschäftsführer Oliver Groll. Es gebe Anfragen zu Zollbedingungen und zu Aufenthaltsgenehmigungen für britische Mitarbeiter. IHK-Hauptgeschäftsführer Frank Thomé sieht nach dem Brexit auch die Chance, britische Unternehmen im Saarland anzusiedeln, die eine Niederlassung in der EU errichten möchten. 

Trotz großem Exportvolumen sind insgesamt nur wenige Unternehmen vom Brexit betroffen. 80 Prozent der Exporte sind Fahrzeuge oder Autoteile. 

Ford-Werk Saarlouis stark betroffen

Wer wissen will, was der Brexit für einen wichtigen Exportmarkt bedeutet, muss auf das Ford-Werk Saarlouis schauen. Hier wird der Focus gefertigt. "Großbritannien ist traditionell der größte Markt von Ford in Europa und der Ford Focus ist eines unser absatzstärksten Modelle", bestätigt ein Ford-Sprecher. Die Brexit-Debatte und fallende Pfund-Kurse waren für das Werk früher ein Problem als für andere Unternehmen. Der Markt schrumpfte, allerdings nicht nur wegen des Brexits.

Der Umbruch in der Autobranche, die Suche nach neuen Antrieben, weniger Pkw-Verkäufe und ein internes Sparprogramm kamen dazu. Ein Ergebnis für den Standort: die Nachtschicht wurde gestrichen, 1500 Jobs gingen verloren. Wie groß der Anteil des Brexits an dieser Entwicklung ist, ist schwer zu beziffern, sagt ein Insider. Fakt ist: aktuell hat das Werk ganz andere Probleme. Weil die Halbleiter für Elektronikteile fehlen, steht die Produktion. Schwierigkeiten am Zoll gibt es aktuell also nicht.

Zollvorschriften erschweren Geschäft der Alu-Gießerei Nemak

Wenige Kilometer weiter bei der Alu-Gießerei Nemak in Dillingen sieht es anders aus: Ein Fünftel der Motorblöcke, die hier gegossen werden, gehen nach Großbritannien. Die Zollvorschriften machen das Geschäft komplizierter, bestätigt Werkleiter Marc Speicher. Ob es gelinge, die zusätzlichen Kosten weiterzugeben, sei unklar. Wichtig für ihn: Verzögerungen in der Lieferkette durch Wartezeiten an der Grenze hat es bisher nicht gegeben. Den Brexit bedauert Marc Speicher trotzdem. Denn der Auftrag aus Großbritannien, den das Werk seit 2015 bedient war vielversprechend. Die Produktionsmenge bleibe nun hinter den Erwartungen zurück.

Viasit will eigene Produktion in Großbritannien starten

Dem Büromöbelhersteller Viasit ist es gelungen, trotz Brexit den Marktanteil in Großbritannien zu steigern. Unternehmer Thomas Schmeer hat den Vertrieb im Vereinigten Königreich gestärkt und zahlreiche neue Kunden gewonnen. Der Umsatz stieg in dieser Zeit um über 200 Prozent. Thomas Schmeer will eine eigene Fertigung in Großbritannien aufbauen. Ein Partnerunternehmen soll ab April 2021 die Viasit-Stühle zusammenbauen. Der Vorteil: für Komponenten der Sitzmöbel gilt ein einfacheres Zollverfahren.

Über dieses Thema hat auch die SR 3-Rundschau am 01.02.2021 berichtet.

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