Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) bei der Feierstunde zum "Saarhundert" in der Kongresshalle Saarbrücken (Foto: Oliver Dietze/dpa)

Hans sieht Sonderrolle für Saarländer

Klaus Pliet   10.01.2020 | 21:42 Uhr

Kein Neujahrsempfang wie viele zuvor: Bei der Feierstunde, zu der Ministerpräsident Tobias Hans in die Saarbrücker Congresshalle rund 1900 Gäste eingeladen hatte, wurden in diesem Jahr 100 Jahre saarländische Geschichte gefeiert. Was dieses „Saarhundert“ so besonders macht, damit beschäftigten sich alle Redner des Abends.

Video [aktueller bericht, 10.01.2020, Länge: 4:31 Min.]
Neujahrsempfang des Ministerpräsidenten - erste Schalte

Video [aktueller bericht, 10.01.2020, Länge: 3:36 Min.]
Neujahrsempfang des Ministerpräsidenten - zweite Schalte

Ministerpräsident Tobias Hans (CDU), Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) und der Freiburger Geschichts-Professor Jörn Leonhard betonten, das Saarland habe durch die Erfahrungen der vergangenen 100 Jahre eine Sonderrolle in Europa. Prägend sei vor allem die Konfrontation zwischen Deutschen und Franzosen gewesen, später dann die Aussöhnung.  Der Versailler Vertrag, in Kraft getreten am 10. Januar 1920, gilt als Geburtsstunde des Saarlandes.

Erinnerung auch an Nazi-Verbrechen im Saarland

Neujahrsempfang und Jubiläumsfeier
Audio [SR 3, Florian Meyer, 10.01.2020, Länge: 03:38 Min.]
Neujahrsempfang und Jubiläumsfeier

Das „Saarhundert“ sei eine Geschichte von Krieg und Frieden, von Auseinandersetzung und Annäherung mit Frankreich und von Europa, so Ministerpräsident Hans. Deutlich sprach er auch Verbrechen von Saarländern in der Zeit des Nationalismus um Erziehung an. Auch die Verstrickung in das NS-Regime gehöre zur saarländischen Geschichte, auch im Saarland hätten sich Täter schuldig gemacht. Die Opfer bat Hans in seiner Rede um Vergebung.

Hans: „Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen“

Die vergangenen 100 Jahre seien auch eine Geschichte von Kohle und Stahl, von permanentem Strukturwandel. Keine Region in Europa habe sich wegen wirtschaftlichen Krisen so oft und so hart umorientieren müssen. „Wir können den Wandel“, sagte Hans und gab sich mit Blick auf Stahl- und Autokrise zuversichtlich.  „Wir werden auch diesen Wandel meistern. Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen. Wir werden für die Zukunft unserer heimischen Wirtschaft alles geben als Landesregierung.“

Das wünschen sich prominente Saarländer für 2020

Der saarländische Landtag will auf seiner Sitzung am kommenden Mittwoch dazu einen Antrag verabschieden: CDU und SPD fordern darin vom Bund etwa Unterstützung für den Strukturwandel in der Industrie, die Ansiedlung von Bundesbehörden, eine bessere Fernverkehrsanbindung des Saarlandes und einen Schuldenschnitt für die Kommunen.

Maas warnt vor Rückbesinnung auf das Nationale

Bundesaußenminister Maas sprach in seiner Rede von gewaltigen Herausforderungen, gerade für die exportabhängige saarländische Wirtschaft. Er warnte vor Protektionismus und Schranken für freien Handel in der Welt. „Sonst wird das Saarland außerordentlich große Probleme bekommen.“ Wenn sich Länder in Europa nur noch von nationalen Interessen leiten ließen, „werden wir alle verlieren“, so der Außenminister aus dem Saarland.

Im Saarland gebe es „mehr Europa als sonst irgendwo“. Er kenne auf der Welt keine Zusammenarbeit wie die zwischen Deutschland und Frankreich „Dafür bin ich unfassbar dankbar“, sagte Maas in Anwesenheit der französischen Botschafterin. Das „Saarhundert“ lehre: „Es ist kein Widerspruch, Saarländer, Deutscher oder Europäer zu sein. Es ist ein großes historische Glück, dass man das alles zugleich sein kann.“

Weniger Facebook, mehr Saarland

Professor Jörn Leonhard, Historiker an der Uni Freiburg mit saarländischen Wurzeln, ist überzeugt, dass die Saarländer aufgrund ihrer Geschichte besonders sensibel für den europäischen Gedanken sind. Ministerpräsident Hans und Außenminister Maas sehen noch weitere Eigenheiten der Menschen an der Saar: Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn. Dorf- und Vereinsfeste würden oft belächelt, so Maas. Er halte sie aber für wertvolle Chancen zur Begegnung in einer Zeit, in der Menschen mehr Freunde auf Facebook hätten als im echten Leben. Maas wünscht sich angesichts der Digitalisierung im Alltag „weniger Facebook und mehr Saarland“.

Ministerpräsident Hans schätzt „die Offenheit gegenüber dem Fremden. Man hat schließlich oft genug gesehen, wie schnell das Fremde im Saarland heimisch wurde, die Heimat aber niemals fremd.“  Außerdem hätten die Saarländer „eine gesunde Skepsis gegenüber jeglichen Verheißungen und großen Worten.“

Saarland-Jubiläum
Saarhundert
Vor 100 Jahren - am 10. Januar 1920 - feierte das Saarland, damals noch Saargebiet, seine Geburtsstunde. Wir blicken zurück auf die Entstehungszeit und zeigen zudem die Entwicklung des Saarlandes vom Saar-Statut bis zu seinem 60. Geburtstag.

Draußen Klima-Demo, drinnen Botschafter-Empfang

Taten statt Worte in Sachen Klimaschutz hatten vor dem Beginn der Feierstunde Aktivisten der Bewegungen „Extinction Rebellion“ und „Fridays für Future“ gefordert. Allerdings versuchten nur etwa ein Dutzend Demonstranten, sich vor der Congresshalle Gehör zu verschaffen. Drinnen fand zunächst der traditionelle Empfang für das diplomatische und konsularische Corps statt. Vom Ministerpräsidenten und seiner Frau gab es gute Wünsche für das neue Jahr oder ein „happy new year“ für Botschafter und Konsuln aus insgesamt 23 Ländern. Wie in jedem Jahr waren außerdem viele ehrenamtlich Engagierte zum Neujahrsempfang eingeladen. Nach dem Festakt wurde eine Wanderausstellung zur hundertjährigen Geschichte des Saargebiets eröffnet.

Über dieses Thema hat auch der „aktuelle bericht“ vom 10.01.2020 berichtet.

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