Auf einem Straßenschild steht der Name "Neikesstraße". (Foto: SR Fernsehen)

Saarbrücker Straßen mit NS-Hintergrund sollen umbenannt werden

Mit Informationen von Patrick Wiermer   03.09.2021 | 12:42 Uhr

Vier Straßen in Saarbrücken sollen wegen Bezügen zum Nationalsozialismus umbenannt werden. Eine Kommission hatte zuvor Dutzende Straßennamen untersucht. Die Diskussionen waren dabei sehr kontrovers.

Die Saarbrücker Straßen, die bald anders heißen sollen, tragen die Namen von Persönlichkeiten, die im Zusammenhang mit den Verbrechen der NS-Zeit stehen. „Der Maßstab ist dabei nicht: Würden die Person heute als Namensgeber für eine Straße verwenden? Sondern einfach: Ist der Name noch tragbar oder nicht“, sagte Jens Rosenbaum, CDU-Fraktionschef im Bezirksrat Mitte.

Saarbrücker Straßen mit NS-Hintergrund sollen umbenannt werden
Audio [SR 3, Patrick Wiermer, 03.09.2021, Länge: 03:12 Min.]
Saarbrücker Straßen mit NS-Hintergrund sollen umbenannt werden

Druck von außen

„Das Thema wurde uns ja praktisch aufgedrückt, weil auch andere Städte und Gemeinden damit angefangen haben. Dann ist das herüber geschwappt “, so Herbert Jacob (Linke). Auch die Grünen-nahe Heinrich-Böll-Stiftung wollte schon länger eine Umbenennung etwa der Neikesstraße. Im Mai war bereits der Beschluss gefallen, die Neikeshalle in Nauwieserhalle umzubenennen.

Noch in diesem Jahr soll der Oberst-Petersen-Weg entwidmet werden, die Neikes- und die Dr-Vogeler-Straße umbenannt. Im kommenden Jahr soll dann die Heinkelstraße folgen.

Um diese Personen geht es

  • Erich Petersen (1889-1963) war zwar kein NSDAP-Mitglied, aber ein ranghoher Militär, zuletzt General der Flieger der Luftwaffe. Nach Angaben des Stadtarchivs befürwortete er bis zum Schluss den „totalen Krieg“ und verlängerte damit das Sterben von Menschen unnötig.
  • Hans Neikes (1881-1954) war ab 1921 Bürgermeister, von 1928 bis 1935 Oberbürgermeister von Saarbrücken. Ein Verehrer Hitlers, verlieh er dem "Führer" 1934 die Ehrenbürgerschaft der Stadt. Nachdem er trotz seines Engagements 1935 zur Pensionierung gedrängt worden war, arbeitete er bis Kriegsende in Berlin für staatliche und kommunale Stellen. Dort war er laut Kommission daran beteiligt, Juden zwangsweise aus ihren Mietwohnungen zu entfernen.
  • Dr. Friedrich Vogeler (1883-1945), zunächst Landrat von Ottweiler und Saarbrücken, später dann Regierungspräsident im Sudetenland, steht als NSDAP- und SA-Mitglied im Verantwortungszusammenhang mit NS-Unrecht.
  • Flugzeugbauer Ernst Heinkel (1888-1958) wertet die Kommission als Profiteur des verbrecherischen Angriffskrieges. Seine 1922 gegründeten Flugzeugwerke bauten für die Luftwaffe Maschinen.

Lüderitz bleibt

Ursprünglich stand auch die nach dem Kolonialisten Adolf Lüderitz (1834-1886) benannte Lüderitzstraße auf der Roten Liste. Die Fraktionen sahen dies am Ende aber als unverhältnismäßig. Lüderitz hatte in Afrika zu Zeiten der deutschen Kolonien dort eine Niederlassung betrieben.

50 Straßen wurden insgesamt untersucht. Auf über 140 Seiten hat die Kommission, die aus Mitgliedern der Parteien und dem Leiter des Stadtarchivs, Hans-Christian Herrmann, besteht, Fakten zusammengetragen.

Kontroverse Debatten über Namen

Zuvor hatte eine vom Bezirksrat Mitte eingesetzte Kommission Dutzende Straßen untersucht. Zum Teil gab es kontroverse Debatten, etwa über die Hindenburg-Straße oder die Straße des 13. Januar, die an den Anschluss des früheren Saargebiets an Hitler-Deutschland erinnert. Eine Entfernung könnte als Verschweigen der Geschichte gewertet werden, sagt das Stadtarchiv.

Die Grünen sehen es anders. Überhaupt wollte die Partei insgesamt zehn Straßen umbenennen, die CDU nur fünf. Auch über die Matthias-Iven-Straße, benannt nach dem Saartoto-Mitgründer und NS-Sympathisanten, wurde heftig diskutiert.

Erklärungen online

Mehr als 40 Straßen, die laut Stadtarchiv nach "historisch problematischen" Personen benannt sind, sollen mit zusätzlichen Erläuterungen versehen werden. „Ich denke, dass die Kommentierung, die wir vorhaben, in Form eines Onlineglossars, es sehr wert ist, dass wir uns damit beschäftigt haben und dass es alle Kontroversen und Kontextualisierungen, die es um verschiedene Personen gibt, gut aufgreifen kann“, so der Grünen-Fraktionsvorsitzende Alexander Schrickel.

Trotz aller Kontroversen: Auffällig ist, wie sich alle Parteien um einen Konsens bemühen. Und so sollen letztlich auch die Anwohner gefragt werden, wie denn ihre Straße in Zukunft heißen soll. Denn es geht um mehr als nur Namen, sagt Gunter Feneis von der FDP. „Denn für Betroffene ist es ein Kostenfaktor.“

Über dieses Thema hat auch aktuell im SR Fernsehen am 02.09.2021 berichtet.


03.09.2021, 09:16 Uhr

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels war mit Bezug auf eine geplante Entwidmung der Name Oberst-Petersen-Straße enthalten. Tatsächlich ist der bislang korrekte Name der Straße Oberst-Petersen-Weg. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

04.09.2021, 13:28 Uhr

Hinweise der Redaktion: In einer früheren Version war der Name des FDP-Bezirksratsmitglieds Gunter Feneis falsch geschrieben. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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