Roboter arbeiten ein einer Auto-Karosserie (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt)

Die Saar-Wirtschaft im Umbruch 2021

Yvonne Schleinhege   11.01.2021 | 09:01 Uhr

Der zweite harte Lockdown läuft nun vorläufig bis Ende Januar. Fest steht: Die Saar-Wirtschaft wird noch lange mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen haben. Auch wenn Teile der Wirtschaft optimistisch auf die kommenden Monate blicken und schon eine „Aufholjagd“ begonnen haben: Viele alte Probleme bleiben.

Um vorauszuschauen, muss man in diesem Jahr an vielen Stellen besonders genau zurückblicken:

2020 war in all seinen Facetten ein historisches Jahr - im negativen Sinne. Auch wenn man am Ende „mit einem blauen Auge davongekommen“ sei, so die auf den ersten Blick vielleicht überraschende Einschätzung von IHK-Hauptgeschäftsführer Heino Klingen, der Ende 2020 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Noch im Sommer waren die Aussichten für die Saar-Wirtschaft mehr als düster. Zeitweise waren die Aufträge in der Industrie, dem Rückgrat der hiesigen Wirtschaft, um die Hälfte eingebrochen.

Export:
Nach dem Einbruch kommt die Aufholjagd

In Zahlen hieß das zum Jahresende: Die Wirtschaftsleistung (genauer: das Bruttoinlandsprodukt) im Saarland ist um rund zehn Prozent abgestürzt. Der Einbruch ist damit fast doppelt so stark wie im Rest Deutschlands. Mal wieder zeigt sich, dass die Exportabhängigkeit der saarländischen Wirtschaft Fluch und Segen zugleich ist.

Im Corona-Krisenjahr 2020 verzeichnet die IHK einen Exporteinbruch von über 16 Prozent. Damit wurden erstmals seit über 20 Jahren im Saarland mehr Waren importiert als exportiert. Doch in diesem Jahr sind die Vorzeichen andere, heißt es bei der IHK: „Der Rückenwind für die Konjunktur kommt vor allem vom Export.“ Zugpferde könnten China und die USA sein, die inzwischen zweitwichtigster Handelspartner der Saar-Wirtschaft sind.

Fünf Prozent Wachstum hält die Industrie- und Handelskammer für möglich. Allerdings mit dem kleinen, aber entscheidenden Nachsatz: sollte sich das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben wieder normalisieren. Denn vieles hängt natürlich davon ab, wie es nach dem Winter-Lockdown weitergeht. Aktuell sind die Auftragsbücher zumindest in der Industrie und auch in der Autobranche für das erste Halbjahr gut gefüllt.

Monsterwelle oder ruhige See?
Insolvenzen als Corona-Folge

Zieht man daraus das Positive, ist das eine gute Gesamtperspektive für dieses Jahr. Doch klar ist auch, dass jede Woche, um die der Shutdown verlängert wird, schwere wirtschaftliche Schäden verursacht. Einzelhandel, Gastronomie und die Veranstaltungswirtschaft haben mit bisher kaum gekannten Existenznöten zu kämpfen. Wie lange die Betriebe diesen Kampf noch durchhalten und wie viele ihn nicht überleben werden, das ist eine der großen Unbekannten 2021.

Pandemie-gebeutelte Unternehmen müssen im Januar noch keinen Insolvenzantrag stellen, selbst wenn sie eigentlich pleite sind. So lange ist die Antragspflicht noch ausgesetzt. Sicher ist aber, dass es in diesem Jahr eine Pleitewelle geben wird. Wann die kommt und vor allem wie groß sie wirklich wird, mag niemand in der Saar-Wirtschaft vorhersagen. Und auch die Folgen für den Arbeitsmarkt sind noch schwer abzuschätzen. Klar ist aber, die Frage der Insolvenzen wird in diesem Jahr zur ersten Belastungsprobe.

Krise trifft Transformation:
Trotz Corona heißt die Herausforderung „Strukturwandel“

Doch bei all dem muss man auch eines festhalten: Die Corona-Pandemie hat die eigentlichen Probleme nur überlagert. Die Wirtschaft im Land war bereits vor Corona in einer Strukturkrise. Seit zehn Jahren läuft das Saarland beim Wirtschaftswachstum dem Bund hinterher, teils sehr deutlich.

Das Schlagwort, das auch 2021 über allem steht, heißt Transformation. Das meint nichts anderes als einen grundlegenden Struktur- und Technologiewandel. Mit seiner Stahl- und Autoindustrie ist das Saarland hier wie unter einem Brennglas, und die Corona-Krise wirkt wie eine Art Brandbeschleuniger.

Eine Zahl vom Arbeitsmarkt lässt dabei aufhorchen: Über 5700 Jobs sind in den letzten zwölf Monaten im verarbeitenden Gewerbe, der Stütze der Saar-Wirtschaft, weggefallen – so viele wie in keiner anderen Branche. Dabei treffen gleich mehrere zentrale Zukunftsfragen aufeinander: Wie können wir die Umstellung auf CO2-freien Stahl schaffen? Wie werden unsere Autos in Zukunft angetrieben? Und wie werden sich die weltweiten Handelskonflikte auswirken?

Wirtschaftspolitik:
Strukturwandel gestalten und neue Industrieflächen entwickeln

Dass die Situation kritisch ist, auch ohne Corona, dass weiß man auch im saarländischen Wirtschaftsministerium. „Wir wollen das nicht demütig ertragen, sondern Unternehmen und Beschäftigte stützen und stabilisieren, den Veränderungen konstruktiv begegnen und die Chancen beim Schopfe ergreifen,“ formuliert es Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) positiv.

Auch deshalb steht für dieses Jahr der Masterplan Industrieflächen II auf der politischen Agenda. Dafür will die Landesregierung 65 Millionen Euro investieren. Aber der neu geschaffene Platz will auch gefüllt sein. Der neue Hoffnungsträger ist dabei der chinesischen Batteriehersteller SVolt. Batterieherstellung im Autoland Saarland, dass passt zusammen. Dementsprechend überschwänglich auch die Reaktionen in der Politik. Dass eine Ansiedlung dieser Art bei all den offenen Zukunftsfragen nicht ausreicht, ist klar. Aber sie weckt die Hoffnung, dass andere Unternehmen nachziehen.

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