Ein Stahlarbeiter in Schutzanzug vor geschmolzenem Eisen (Foto: picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa | Patrick Pleul)

Alte Probleme unter neuer Führung in der Stahlindustrie

Yvonne Schleinhege   13.01.2021 | 08:00 Uhr

Die saarländische Stahlindustrie kämpft seit Jahren mit Problemen - Unternehmensleitung, Beschäftigte und die Landesregierung oft Seite an Seite. Im Sommer trafen die schwierige Lage der Branche und ein Sparprogramm auf Corona-Kurzarbeit. Der neue Vorstandschef steht jetzt vor einer gewaltigen Aufgabe.

Die saarländische Stahlindustrie hofft auf ein Jahr der Entscheidungen, in dem Weichen für die Zukunft gestellt werden. Denn die Probleme sind seit Jahren dieselben, sie verschärfen sich nur: Billig-Konkurrenz und immer strengere Umweltauflagen für die energieintensive Branche gehören dazu. Und die Veränderungen in der Autobranche sorgen für weiteren Druck.

Im vergangenen Jahr kam zu allem Überfluss noch die Corona-Pandemie dazu. Durch den wochenlangen Stillstand bei vielen Kunden brach die Nachfrage weg und die Preise gerieten weiter unter Druck. Dreistellige Millionen-Verluste werden es am Ende bei Dillinger und Saarstahl sein, die genaue Höhe ist derzeit noch nicht abzuschätzen. Schon 2019 - vor Corona - waren die Zahlen schlecht.

Bessere Auftragslage und Dumpingpreise

Doch es gibt auch positive Signale: Ins neue Jahr ist die saarländische Stahlbranche gut gestartet. Zunächst bei Saarstahl und etwas verzögert bei Dillinger stehen die Zeichen auf Erholung, heißt es vorsichtig aus dem Konzern.

Der Betriebsratsvorsitzende von Saarstahl, Stephan Ahr, wird etwas konkreter: Für das erste Quartal lägen bereits Aufträge für über 700.000 Tonnen vor, etwa ein Drittel des Volumens, das für das gesamte Jahr geplant war.

Die Frage ist, ob das ein Nachholeffekt ist oder eine tatsächliche und dauerhafte Erholung nach dem Corona-Krisen-Jahr 2020.  Für Dillinger und Saarstahl geht es nun darum, auskömmliche Erlöse zu erzielen, wie es heißt. Denn die Preise sind weiter im Keller. Das Problem dahinter ist bekannt, nämlich Überkapazitäten im Ausland.

„Green Deal“ und „Green Steel“ 

Die Stahlbranche vor Dumping-Konkurrenz zu schützen, das ist eine Forderung, die die Stahlkocher immer wieder in Richtung Berlin, aber vor allem Brüssel formulieren. Billigimporte etwa aus Russland oder China waren und sind ein Problem.

Noch mehr Bauschmerzen bereiten der Stahlbranche die Klimaschutz-Vorhaben. Die deutsche Kommissionspräsidentin schmückt sich mit dem Green Deal: Bis 2050 will die EU CO2-neutral werden. Schon jetzt setzen nationale Klimaschutzziele die Stahlbranche massiv unter Druck.

Sie muss klimaneutral werden, und das geht nur mit einem technologischen Wandel: Hin zum „grünen Stahl“ durch den massiven Einsatz von Wasserstoff, der wiederum mit regenerativen Energien erzeugt werden muss. Doch das erfordert Milliardeninvestitionen in neue Anlagen. Zugleich steigen die Kosten für den laufenden Betrieb.

„Handlungskonzept Stahl“ und das Warten auf Förderentscheidungen

Zukunftstechnologie Wasserstoff
"Grüner Stahl" aus Dillingen
In Dillingen haben Dillinger und Saarstahl eine Produktionsanlage für CO2-freien Stahl eingeweiht. Die Unternehmen haben bereits rund 14 Millionen in die Produktion mit Wasserstoff investiert. Die Stahlindustrie in Deutschland soll eine Vorreiterbranche in der Arbeit mit Wasserstoff werden.

Bereits im Sommer ist man in Dillingen einen ersten kleinen Schritt in Richtung „grünen Stahl“ gegangen. Durch die in Betrieb genommene Koksgaseindüsung wird Wasserstoff als Reduktionsmittel in den Hochöfen eingesetzt und so der CO2-Ausstoß verringert. Noch sind das aber homöopathische Mengen.

In diesem Jahr will man einen weiteren Schritt gehen, und zwar mit einer neuen Rundkühler-Entstaubung mit nachgeschalteter Wärmerückgewinnung, teilt der Konzern mit. Doch was dann folge, welche weiteren Schritte unternommen und wann diese umgesetzt werden könnten, das hänge im wesentlichen von den politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa ab.

Dabei verweist die Stahlholding Saar auf das „Handlungskonzept Stahl“. 30 Milliarden Euro hat der Bund für den technologischen Umbau der Stahlbranche in Deutschland zumindest in Aussicht gestellt. Das ist etwa die Summe, die der Umbau der Branche kosten könnte.

Bei Saarstahl und Dillinger fordert man nun endlich eine konkrete Umsetzung. In den kommenden Monaten könnten und sollten hier also durchaus wegweisende Entscheidungen fallen.

Der Strategieprozess geht weiter - und damit das Sparen

Überraschender Führungswechsel
Köhler wird Vorstandsvorsitzender in Stahlindustrie
Das Kuratorium der Montan Stiftung trennt sich von dem bisherigen Vorstandsvorsitzenden der saarländischen Stahlindustrie, Tim Hartmann. Stattdessen wird Karl-Ulrich Köhler an die Spitze von Dillinger und Saarstahl berufen. Das hat die Stiftung am Freitag mitgeteilt.

Den technologischen Umbau managen und millionenschwere Investitionsentscheidungen treffen, das wird nun eine Aufgabe für den neuen Vorstandsvorsitzenden von Saarstahl und Dillinger sein: Zum Jahreswechsel hat Karl-Ulrich Köhler den Posten übernommen.

Konzernintern läuft bis Ende 2022 noch ein sogenannter Strategieprozess, eigentlich nichts anderes als ein Sparprogramm. Und gespart werden soll in allen Unternehmensbereichen. Ob es beim geplanten Outsourcing von 1000 Jobs in Tochtergesellschaften oder zu Dienstleistern bleibt, sei weiterhin offen, sagt Saarstahl-Betriebsrat Stephan Ahr. Ein Thema, das unter den Beschäftigten weiterhin für Unruhe sorge.

Auch sonst setzen die Arbeitnehmervertreter den neuen Mann an der Spitze viele Hoffnungen und Erwartungen. Krisenmanagement heiße schließlich nicht nur Personalabbau. Neue Produkte, neue Märkte, neue Perspektiven - hier aktiv zu werden, fordert nicht nur der Betriebsrat, sondern auch das Kuratorium der Stahlstiftung.

Sollte es nicht vorwärtsgehen, ist zumindest der Betriebsrat bereit, im Zweifelsfall erneut zu Fuß nach Brüssel oder Berlin zu marschieren. Der erste „Walk of Steel“ 2020 hatte für große öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt.

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