Ein Zimmer-Frei-Schild (Foto: picture alliance/dpa | Stefan Sauer)

Wie Handel, Gastronomie und Tourismus ums Überleben kämpfen

Yvonne Schleinhege   14.01.2021 | 08:40 Uhr

Die Innenstädte menschenleer, die Hotels verwaist, und in den Restaurants versucht man sich mit To-go-Angeboten über Wasser zu halten. Nach dem Frühjahrs-Lockdown kämpfen Handel, Gastronomie, die Kulturbranche und der Tourismus weiter ums Überleben. Für viele Betroffene sind das Warten auf Hilfszahlungen und die Ungewissheit zermürbend.

In dem einen oder anderen Haushalt wird es ihn immer noch geben, den gut gefüllten Vorratsschrank mit Klopapier, Nudeln und Trockenhefe - die Corona-Kassenschlager im Frühjahr. Würden deutsche Haushalte Inventur machen, dann sähe diese zum Jahreswechsel sicher ungewöhnlich aus.

Nicht etwa Klamotten, Schuhe und Schmuck wurden 2020 gekauft, sondern Wandfarbe, Gartenpools und Fahrräder. Und genauso sieht auch die Bilanz des Handelsverbandes (HDE) aus. Während Lebensmittelgeschäfte zum Teil 20 Prozent mehr Umsatz gemacht haben, ist der Mode-Bereich um 30 Prozent eingebrochen.

Wer im Homeoffice arbeitet, braucht schließlich keinen neuen Anzug und kein neues Kostüm.

Krisengewinner und -Verlierer im Einzelhandel

Aber nicht nur das ist eine Folge der Corona-Pandemie. Denn das Einkaufsverhalten hat sich zumindest in Teilen ganz grundsätzlich verändert. Wochenmärkte erlebten ein Comeback, das ist sicher die schöne Seite.

Anderseits zwängten sich gerade kurz vor Weihnachten die Paketdienste durch die Straßen. Der Online-Handel ist der Krisengewinner mit teils gigantischen Umsatzzuwächsen. Und genau das ist auch eine langfristige Gefahr für den stationären Handel: dass sich die Menschen an den Kauf per Mausklick gewöhnen, auch viele, die früher lieber im Ort einkauften.

Was das langfristig für die Innenstädte und Dörfer bedeutet? Das wird sich schon bald zeigen. Nach einer aktuellen Umfrage des Branchenverbandes (HDE) sehen sich zwei Drittel der Innenstadthändler in akuter Existenzgefahr. Das sind alarmierende Zahlen.  

Leere Innenstädte auch nach dem Lockdown?

Schon nach dem ersten Lockdown habe es auch im Saarland Insolvenzen gegeben, sagt Fabian Schulz vom regionalen Handelsverband. Oft waren Händler betroffen, die schon vor Corona Sorgen um ihre Existenz hatten oder sogar aufgeben wollten. Ob das Lädensterben in Dörfern und Fußgängerzonen weitergeht, und wie gravierend die Folgen im Saarland sind, das wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Vielen Händlern stehe das Wasser bis zum Hals, sagt der Verband. Gerade hat er eine neue Umfrage unter den Händlern gestartet. Und auch einen Hilferuf an die Politik hat er bereits abgesetzt. Die versprochenen Hilfen kämen nicht schnell genug und die Hürden seien zu hoch. Man fühle sich im Stich gelassen, heißt es aus der Branche.

Welche Folgen der Lockdown bisher für die Beschäftigten im Handel hat, dazu gibt es Zahlen. So wurden im November in der Branche 20 Prozent mehr Arbeitslose gezählt als ein Jahr zuvor. Wie sich das im Laufe dieses Jahres weiterentwickelt, hängt auch davon ab, wie lange die Geschäfte geschlossen bleiben.

Sollte die Normalität zurückkommen, Shoppen und Essengehen wieder möglich sein, rechnet die IHK im Saarland durchaus mit einem „nachholenden Konsumeffekt in einer Größenordnung von 500 bis 800 Millionen Euro“.

Gastronomie wartet aufs Geld

Daran würde natürlich auch gerne die Gastronomie verdienen, um die zum Teil enormen Verluste der letzten Monate wieder auszugleichen. Aus der Branche heißt es, dass ein Drittel der Betriebe die Corona-Pandemie nicht überleben wird.

Im Saarland möchte sich der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga nicht auf eine fixe Zahl festlegen, aber die Situation sei kritisch. Auch weil viele Restaurants im Saarland von Familien geführt werden und die Rücklagen auf dem Konto mittlerweile schlicht weg sind. Wer da noch teure Mieten zahlen muss, steht vor gigantischen Finanzproblemen.

Dass die November-Hilfen nun ausgezahlt werden, sei viel zu spät, sagt Frank Horath vom Dehoga Saarland. Mindestens 50 Prozent ihres Umsatzes hätten die Betriebe im vergangenen Jahr verloren, und für das neue Jahr fehlt eine Perspektive. Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen.

Neben der Insolvenzwelle droht der Branche auch ein existenzieller Fachkräftemangel, der "größte Kollateralschaden der Pandemie", sagt Frank Horath. Junge Menschen zieht es schon lange nicht mehr in die Gastronomie. Dazu werben andere Branchen gezielt Mitarbeiter ab. Gerade die Gastronomie ist ein Niedriglohnsektor.

Wer schon mit seinem regulären Gehalt kaum über die Runden kommt, für den ist das Kurzarbeitergeld nur ein schwacher Trost. Die Gewerkschaft NGG warnt immer wieder, das reiche nicht zum Leben. Die vielen Mini-Jobber gehen im Moment sogar ganz leer aus.

„Urlaub daheim“ nur ein kleiner Wermutstropfen

Restaurants mit Terrasse und Biergärten konnten sich zumindest über ein paar gute Sommermonate freuen. Campingplätze, Ferienunterkünfte und kleine Hotels auf dem Land konnten ebenfalls vom schönen und langen Sommer profitieren. Da Reisen in die Ferne kaum möglich waren, wurde Urlaub im eigenen Land und auch im eigenen Bundesland gemacht.

Auch im Saarland, heißt es bei der Tourismuszentrale. Unterm Strich stehen dennoch über 30 Prozent weniger Übernachtungen zwischen Januar und Oktober als ein Jahr zuvor. Trotzdem schaut Birgit Grauvogel, die Geschäftsführerin der Tourismus Zentrale Saarland, durchaus optimistisch in die kommenden Monate. Der vergangene Sommer habe gezeigt, dass „sich der der touristische Sektor schnell erholen kann“.

Radtouren und Touren mit dem Wohnmobil liegen im Trend, und diese Urlauber sollen verstärkt ins Saarland kommen. Aber es gibt auch Sorgen, denn viele Kultur- und Freizeiteinrichtungen kämpfen um ihre Existenz – auch sie machen eine Urlaubsregion attraktiv. 

Hotels ohne Brot-und-Butter-Geschäft

Was den Hotels aber auch fehlt, sind Geschäftsreisende. Das spüren besonders die Hoteliers in Saarbrücken. Und gerade in diesem Bereich könnte die Erholung nach der Krise lange dauern. Bislang waren Kongresse, Messen und Geschäftsmeetings ein wichtiger Umsatzfaktor. Ob es all das noch einmal in gleichem Maße wie vor der Pandemie geben wird, ist durchaus fraglich.

Viele Unternehmen haben ihre IT-Hardware für Videokonferenzen aufgerüstet und werden auch nach der Krise auf manche zeitaufwändige und teure Geschäftsreise verzichten. Keine gute Perspektive, auch weil das Land gerade viele Millionen in den Messe- und Kongressstandort Saarbrücken investiert und in der Landeshauptstadt gefühlt an jeder Ecke neue Hotels entstehen.

Es sind in Handel, Gastronomie, Kultur und Tourismus nicht die wenigen großen Betriebe mit vielen Mitarbeitern, die in ihrer Existenz bedroht sind, sondern sehr viele kleine. Das macht die Gefahr für die Zeit nach der Krise nicht kleiner.

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