Ein Motor wird zusammengesetzt (Foto: picture alliance / Frank Augstein/AP/dpa | Frank Augstein)

Von Batterien und Verbrennern – Was wird aus der Autoindustrie?

Yvonne Schleinhege   12.01.2021 | 08:30 Uhr

Die Corona-Pandemie hat die Autoindustrie im Frühjahr besonders hart getroffen. Teilweise stand die Produktion still. Nun sind die Auftragsbücher vielerorts wieder gut gefüllt. Doch eine Entwarnung ist das nicht, denn die Herausforderungen sind tiefgreifend und die Folgen für das Saarland könnten schmerzhaft werden.

Vielleicht kann man sagen, die Geschichte schreibt ihre eigenen Geschichten: 2020 haben zwei Unternehmen, die wie wenige andere für den Strukturwandel hin zum „Autoland-Saarland“ stehen, runde Geburtstage gefeiert. Vor 50 Jahren wurde der Grundstein für das ZF-Getriebe-Werk in Saarbrücken gelegt, und vor 50 Jahren rollte der erste Ford in Saarlouis vom Band.

Nun, ein halbes Jahrhundert später: Ford hat die Nachtschicht gestrichen, und bei ZF geht die Angst um, es könnten mehr als 2000 Arbeitsplätze wegfallen.

Elektromobilität gewinnt an Bedeutung

Die Autoindustrie ist im Umbruch, und der ist tiefgreifend und trifft die Autoindustrie im Saarland ins Mark. Bereits vor Corona war der Druck immens. Der Verbrennungsmotor, an dem die zuletzt 42.000 Arbeitsplätze zum großen Teil hängen, wird plötzlich zum Auslaufmodell.

Und für die Transformation der Automobilindustrie, weg vom Verbrenner hin zum E-Antrieb oder der Brennstoffzelle, war die Corona-Krise wie ein Beschleuniger. Nicht zuletzt auch wegen der durchaus üppigen staatlichen Förderung von E-Autos ist der Absatz deutlich gestiegen. Sollte dieser Trend anhalten, wird es eng für die Branche im Saarland.

Elektroautos haben eine deutlich geringere Fertigungstiefe, sie brauchen keine komplexen Motoren, kein aufwändiges Getriebe und keine Auspuffanlage – und sie werden aktuell auch nicht im Saarland gebaut.

Umbruch unter etwas besseren (weltwirtschaftlichen) Rahmenbedingungen

Trotz diesen zentralen Fragen rund die Transformation gibt es einige Impulse, die etwas zuversichtlich stimmen. Das sagt auch Pascal Strobel vom Branchennetzwerk Automotive Saarland. Etwa, dass doch noch ein Brexit-Deal zustande gekommen ist, sei eine große Erleichterung, auch wenn Großbritannien als Handelspartner für die Saar-Wirtschaft inzwischen etwas an Bedeutung verloren hat.

Wichtig ist auch der Handel mit China. Vom dort vorausgesagten Wirtschaftswachstum von rund acht Prozent wollen die saarländischen Auto-Unternehmen profitieren, sagt Strobel. Außerdem verweist er auf neue Förderprogramme. Ganz unabhängig von der aktuellen Krise sind die Hersteller gezwungen, hohe Summen in die Strukturveränderungen zu investieren.

Verschnaufpause für den Automotive-Standort Homburg 

Aktuell gibt also durchaus positive Impulse, die dazu führen, dass die Auftragsbücher bei einigen Zulieferern gut gefüllt sind. Das beobachtet auch die IG Metall in Homburg. In machen Betrieben der Autobranche werde sogar Mehrarbeit benötigt, sagt Ralf Reinstädtler, der 1. Bevollmächtigte.

Einen durchgängigen Aufwärtstrend will der Gewerkschafter aber noch nicht sehen, eher eine Stabilisierung. Und er hofft, dass es kein Strohfeuer ist. Gerade im Homburger Raum hatten sich im Sommer die Hiobsbotschaften gemehrt. Bei Bosch-Rexroth und bei Schaeffler stehen insgesamt fast 500 Jobs auf der Kippe. Momentan gibt es wieder etwas Hoffnung, auch wegen der guten Auftragslage.

Doch die kann man langfristig nur sichern, wenn auch neue Produkte an die Standorte kommen. Und das gilt für die gesamte saarländische Autoindustrie.

ZF und Ford: Folgt ein neues halbes Jahrhundert?

Was in Zukunft im Werk gebaut wird, darüber soll bei Ford in Saarlouis in diesem Jahr zumindest gesprochen werden. Für Ende Januar, hieß es zuletzt, seien erste Gespräche angesetzt – Mitte 2022 soll dann feststehen, was folgt, wenn im Sommer 2025 der letzte Focus vom Band rollt. Dass bis dahin weiter Personal abgebaut wird, kündigte sich zumindest zwischen den Zeilen an.

Und der andere Jubilar ZF? Hier setzt man auf die Hybrid-Getriebe und sieht das Werk damit ausgelastet. Mit langfristigen Prognosen hält man sich allerdings zurück. Auch wie es um den Stellenabbau steht. 2000 Jobs stehen gerüchteweise zur Disposition.

Der Standortleiter Alexander Wortberg sagte zuletzt im SR-Interview, ZF setze auf Altersteilzeit und Aufhebungsverträge auf freiwilliger Basis. Ein Stellenabbau ist das aber trotzdem. Immerhin: Wortberg gibt sich überzeugt, dass sein Unternehmen auch den 100. Geburtstag am Standort Saarbrücken feiern wird - dann im Jahr 2070.

Batterien und Wasserstoff: Strukturwandel mit vielen Fragezeichen

Was bis dahin ist? Die saarländische Politik dürfte zumindest ein Wunsch-Bild im Kopf haben, wie das „Autoland-Saarland der Zukunft“ aussieht. Dabei spielt natürlich der chinesische Batteriehersteller SVolt eine wichtige Rolle, mit seiner versprochenen Zwei-Milliarden-Euro Investition. In diesem Jahr soll alles fix gemacht, ab 2023 dann produziert werden.

Auch Gespräche zwischen SVolt und Ford habe man schon vermittelt, heißt es hoffnungsvoll aus dem Wirtschaftsministerium. Die Idee ist natürlich naheliegend, dafür zu sorgen, dass SVolt einen Sogeffekt auslöst. Von allein passiert das aber nicht. Auch wenn die Elektromobilität derzeit einen ersten kleinen Höhenflug erlebt, hat das Saarland auch noch die Brennstoffzelle und Wasserstoff im Blick.

Bei Bosch in Homburg soll ab 2024 eine Serienproduktion von stationären Brennstoffzellen im Werk starten. Seit August 2020 darf sich das Saarland offiziell als HyExpert-Wasserstoffmodellregion bezeichnen. Projekte gibt es, wie etwa das HydroHub der Steag in Fenne oder das geplante Wasserstoff-Distributionszentrum der VSE am ehemaligen Kraftwerk Ensdorf. Die Förderung ist beantragt, Entscheidungen stehen noch aus.

2021 könnte sich hier etwas bewegen. Und das wäre wichtig, denn eine einzelne Batteriefabrik macht noch keinen Strukturwandel.

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