Ein A der Arbeitsagentur auf einem von Regen nassen Schild (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt)

Kurzarbeit trifft Strukturwandel – der Arbeitsmarkt 2020/21

Yvonne Schleinhege   11.01.2021 | 09:01 Uhr

„Ich bin in Kurzarbeit“: Schon im letzten April haben das rund 80.000 Saarländerinnen und Saarländer gesagt. Eine nie dagewesene Zahl. Kurzarbeitergeld und andere staatliche Unterstützungsleistungen haben dafür gesorgt, dass der ganz große Crash am Arbeitsmarkt bisher ausgeblieben ist, trotz zweier Lockdowns. Doch die Belastungsprobe steht erst noch bevor.

Die Rückschau auf das Jahr 2020 bestimmt: das Wort „historisch“. Ein historischer Einbruch, eine nie dagewesene Dimension, diese Formulierungen passen auch zur Entwicklung des saarländischen Arbeitsmarktes. Fast 17 Prozent mehr registrierte Arbeitslose als vor einem Jahr, das ist die Bilanz der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit zum Jahresende 2020. Etwa 38.400 Personen waren im Dezember arbeitslos gemeldet.

Ein harter Schnitt trotz noch schlechterer Prognose

Die Voraussagen im Sommer waren sogar noch deutlich düsterer. „Wir hätten fast mit dem Doppelten gerechnet“, sagt Walter Hüther, Geschäftsführer der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit im Saarland. Dennoch ist der Einschnitt gravierend. Es wird Jahre dauern, wieder auf den Stand vor der Krise zurückzukommen.

Damit sind auch immer individuelle Schicksale verbunden. Ihre Arbeit verloren haben viele ausländische Beschäftigte (+ 21,8 Prozent), aber auch junge Menschen (+ 19,4 Prozent). Bei der Arbeitskammer im Saarland blickt man auch mit Sorge auf die Entwicklung der Langzeitarbeitslosigkeit. Die ist nahezu doppelt so stark gestiegen (+30 Prozent).

Seit Jahren ist die Langzeitarbeitslosigkeit im Saarland überdurchschnittlich hoch. Wer schon vor Corona arbeitslos war, findet aktuell kaum neue Beschäftigung. Denn nach wie vor melden die Unternehmen nur zögerlich neue Jobs und freie Stellen.

Staatliche Unterstützung als „schützende Hand“

Andererseits haben viele Unternehmen trotz der Lockdowns ihre Beschäftigen auch über den Jahreswechsel gehalten. Immer mehr Vorgesetzten ist wohl klar: Gute Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind nur schwer wiederzubekommen.

Eine wichtige Stütze für den Arbeitsmarkt, nicht nur im Saarland, waren die Kurzarbeit und andere staatliche Überbrückungshilfen. Allein 280 Millionen Euro Kurzarbeitergeld wurden 2020 im Saarland ausgezahlt. Zum Jahreswechsel, bedingt durch den zweiten Lockdown in Handel und Gastronomie, sind die Zahlen nochmal angestiegen.

Welche Folgen die zeitweiligen Produktionsstopps oder gar Betriebsschließungen haben werden, ist eine der großen Unbekannten des Jahres 2021. Momentan legen sich die staatlichen Unterstützungsprogramme wie eine schützende Hand über den Arbeitsmarkt. Dass sie die Realität vernebeln, soweit würde Walter Hüther von der Regionaldirektion im Saarland aber nicht gehen.

Insolvenzen als erste Belastungsprobe

Die Folgen des Lockdowns werden sich erst in den kommenden Monaten in voller Breite zeigen. Die Frage der Insolvenzen wird dann zur ersten Belastungsprobe. Pandemiegebeutelte Unternehmen müssen im Januar noch keinen Insolvenzantrag stellen, denn die Antragspflicht ist ausgesetzt.

Eine Insolvenzwelle wird es aber geben, die Arbeitslosigkeit steigen, das steht schon jetzt fest. Darauf bereitet man sich auch bei der Bundesagentur für Arbeit im Saarland vor. Nur bei der Größenordnung will man sich nicht festlegen.

Aber sie wird wohl besonders den Handel, die Gastronomie, die Veranstaltungsbranche und auch Freizeit- und Kultureinrichtungen betreffen. Ein Indiz dafür: Allein im Handel sind im November 20 Prozent mehr Arbeitslose gezählt worden als ein Jahr zuvor.

Strukturwandel bleibt entscheidende Herausforderung

Bei all den Langzeit-Folgen, die die Pandemie noch für den Arbeitsmarkt haben wird, bleibt jedoch der Strukturwandel die zentrale Herausforderung. Die Umbrüche in der Autoindustrie, Digitalisierung und Klimaschutzvorgaben haben den Arbeitsmarkt schon vor Corona getroffen.

Bereits 2019 ist die Arbeitslosigkeit im Saarland um 1,9 Prozent gestiegen, während sie im Bund um über drei Prozent zurückgegangen ist. Wie tiefgreifend der Strukturwandel schon jetzt wirkt, zeigt auch die Beschäftigungsentwicklung. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist im Saarland überdurchschnittlich stark gesunken.

Stärkster Treiber war dabei das Verarbeitende Gewerbe, das Rückgrat der Saar-Wirtschaft. Hier ist die Beschäftigungszahl innerhalb eines Jahres (Stand September 2020) um 5700 Jobs, das sind sechs Prozent, zurückgegangen. Eine Zahl, die aufhorchen lässt, zumal die Bundesagentur für Arbeit im Saarland in diesem Bereich keine Trendwende erwartet, im Gegenteil. 

Ziel für 2021: Beschäftigung halten

Im Gesundheits- und Sozialwesen sind zuletzt viele neue Jobs entstanden. Ebenso im Bereich Information und Kommunikation, insbesondere weil Homeoffice für viele angesagt war und ist.

2020 gab es einen Zuwachs von über neun Prozent, beide Branchen werden wohl auch dieses Jahr weiterwachsen. Die Beschäftigung auf diesem Niveau zu halten, das ist das bewusst optimistisch formulierte Ziel von Walter Hüther von der Bundesagentur für Arbeit. Momentan gebe es keine Anzeichen dafür, dass das nicht gelingen könnte.

Aktuell haben rund 391.800 Saarländerinnen und Saarländer einen sozialversicherungspflichten Job. Vieles wird auch hier davon abhängen, wie sich das Pandemiegeschehen und die Gegenmaßnahmen entwickeln.

Die Industrie- und Handelskammer geht in ihren Prognosen davon aus, dass in diesem Jahr nochmal bis zu 2000 Jobs wegfallen könnten und sich die Arbeitslosenquote bei rund acht Prozent einpendelt. Aktuell liegt sie bei 7,2 Prozent. Im Frühjahr wird sich dann wohl zum ersten Mal zeigen, wie realistisch diese Prognosen sind.

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