Reisepässe von Flüchtlingen aus der Ukraine liegen während der Registrierung auf einem Tisch (Foto: picture alliance/dpa | Marcus Brandt)

Saarland registrierte mehr als 11.000 ukrainische Flüchtlinge

Christian Leistenschneider   24.08.2022 | 19:39 Uhr

Ein halbes Jahr nach dem russischen Überfall auf die Ukraine sind von dort mehr als 11.000 registrierte Flüchtlinge ins Saarland gekommen. Viele von ihnen müssen in Schule, Arbeitsmarkt und Kommunen integriert werden. Eine Bilanz in Zahlen.

Der Tag, an dem die Ukraine ihre Unabhängigkeit feiert, markiert 2022 auch den Tag, an dem der russische Angriffskrieg auf diese Unabhängigkeit bereits ein halbes Jahr andauert. Der Einmarsch der russischen Truppen am 24. Februar zwang unzählige Ukrainer zur Flucht. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR haben seitdem mehr als 6,6 Millionen Menschen das Land verlassen. Aufnahme fanden sie unter anderem auch im Saarland. 

Malteser-Hilfsgütersammlung halbes Jahr nach Kriegsausbruch
Audio [SR 3, Simin Sadeghi, 24.08.2022, Länge: 02:24 Min.]
Malteser-Hilfsgütersammlung halbes Jahr nach Kriegsausbruch
Spenden sammeln, regelmäßige Transporte und Hilfestellung -Seit Beginn des russischen Angriffskrieges in der Ukraine kümmern sich die Saarlouiser Malteser um die Hilfsbedürftigen in der Ukraine. Und das hat sich nicht geändert. SR 3 -Moderatorin Simin Sadeghi hat mit Christian Wirth, Stadtbeauftragter der Malteser Saarlouis, über ihren Einsatz gesprochen.

Registrierung in Lebach

Bis Mitte August hatten sich nach Angaben des saarländischen Innenministeriums 11.204 Flüchtlinge aus der Ukraine im Saarland registriert. Rund zwei Drittel von ihnen kamen zumindest zeitweise privat bei Bekannten oder Verwandten unter.

Wer nicht bereits eine Unterkunft habe oder eine neue brauche, würde nach der Registrierung in der Aufnahmestelle Lebach innerhalb von wenigen Tagen auf die Kommunen zur weiteren Unterbringung verteilt, so das Ministerium. Rund 250 Flüchtlinge aus der Ukraine halten sich den Angaben zufolge derzeit noch in der Landesaufnahmestelle auf.

Insgesamt sind laut Bundesinnenministerium seit Kriegsbeginn mehr als 967.000 Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland offiziell erfasst worden. Wie viele davon sich weiterhin in der Bundesrepublik aufhalten, ist unklar.

Saar-Schulen nehmen 1500 ukrainische Schüler auf

Hauptsächlich sind es Frauen und zu einem großen Teil Minderjährige, die vor dem Krieg in ihrem Heimatland geflohen sind. Im saarländischen Schulsystem wurden nach Angaben des Bildungsministeriums bis zu den Sommerferien insgesamt 1504 ukrainische Kinder und Jugendliche integriert.

Die meisten besuchten eine Grundschule (606) oder eine Gemeinschaftsschule (565). In saarländischen Gymnasien kamen 263 unter, 63 besuchten Berufliche Schulen und sieben eine Förderschule.

Sprachkurse als Tor zum Arbeitsmarkt

Dem Eintritt der Geflüchteten auf den Arbeitsmarkt steht vor allem ein Hindernis im Weg: die deutsche Sprache. Denn nur die wenigsten sind damit vertraut, und entsprechend funktioniert der direkte Zugang zu einem Arbeitsplatz nur in Einzelfällen, sagt Christiane Lauer von der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Arbeitsagentur.

Die meisten der Geflüchteten, die im Saarland Arbeit suchen, müssen darum zunächst einen Integrationskurs samt Sprachkurs absolvieren. Die Anmeldung dazu läuft über das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Nach Angaben des BAMFs sind bis zum 22. August im Saarland rund 3100 Berechtigungen oder auch Verpflichtungen für die Teilnahme an einem Integrationskurs erteilt worden. Mehr als 1100 Ukrainer hätten damit auch schon begonnen.

Arbeitslos gemeldet waren im Juli nach Angaben der Arbeitsagentur 1130 Geflüchtete aus der Ukraine.

Lob und Kritik vom Flüchtlingsrat

Möglichst schnell und möglichst unbürokratisch sollte den Geflüchteten aus der Ukraine geholfen werden. Aus Sicht des saarländischen Flüchtlingsrates hat das auch weitgehend geklappt.

Das dürfe jedoch kein Ausnahmefall bleiben, es dürfe keine Flüchtlinge erster und zweiter Klasse geben, sagt Tobias Schunk, Mitglied des Vorstandes des Vereins. "Es geht um gleiche Rechte für alle, egal aus welchen Kriegsgebieten die Menschen fliehen mussten. Es sollte keine Rolle spielen, ob sie aus Afghanistan, Syrien oder Somalia kommen. In der Realität tut es das aber."

Eine Ungleichbehandlung gebe es auch bei Flüchtlingen aus dem Kriegsgebiet, die keine ukrainische Staatsbürgerschaft hätten. Dem Verein seien Männer und Frauen mit ghanaischer Staatsangehörigkeit bekannt, die in der Ukraine studiert hätten und von dort geflohen seien.

Diese hätten lediglich eine "Fiktionsbescheinigung" bekommen, auf der stünde, dass eine Aufenthaltsgewährung zum vorübergehenden Schutz wie bei ukrainischen Staatsbürgern geprüft werde. Zugleich sei ihnen die Ausübung einer Erwerbstätigkeit verboten worden.

Als "uneingeschränkt positiv" bewertet der Flüchtlingsrat die "große Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung". Viele Menschen hätten diese Solidarität selbstständig organisiert, sei es als Einzelpersonen oder in Vereinen oder Kirchengemeinden. "Sie machen das unentgeltlich und in ihrer Freizeit", sagt Tobias Schunk. Auch ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn existierten die Unterstützung und Solidarität nach wie vor, betont er.

Kommunen brauchen Wohnraum

Auf fortgesetzte Solidarität und Engagement der Bürger setzen auch die Kommunen im Saarland, die die Flüchtlinge aufnehmen. Denn Wohnraum werde immer knapper, sagt der Präsident des Saarländischen Städte- und Gemeindetages, Jörg Aumann.

In vielen Kommunen würden deshalb größere Liegenschaften angemietet, eine Unterbringung in Hallen wolle man aber vermeiden. Darum sei man allen Bürgerinnen und Bürgern dankbar, die adäquaten privaten Wohnraum zur Verfügung stellen wollen.

Die Zusammenarbeit mit dem Land laufe grundsätzlich gut, sagt Aumann, es gebe aber durchaus Verbesserungsbedarf. So würden sich die Kommunen "dringend mehr zeitlichen Vorlauf vor der Zuteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen" und verlässlichere Informationen über die Ankommenden wünschen, um sich besser auf sie einstellen zu können.

Finanziell seien die Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge in Vorlage getreten, erklärt Aumann. Die zugesagten Bundesmittel habe das Land zwar noch nicht weitergeleitet, man sei aber "in guten Gesprächen, um die Gelder möglichst zeitnah zu bekommen". Klar sei allen Beteiligten aber auch, dass die rund 23 Millionen Euro an Bundesmitteln für das Saarland und seine Kommunen bei weitem nicht ausreichen werden.

Auch ein Thema in der SR 3-Rundschau am 24.08.2022.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja