Jürgen Rissland (Foto: SR)

Virologe Rissland mahnt zur Sorgsamkeit

  27.07.2020 | 18:00 Uhr

Angesichts der Diskussionen um Reiserückkehrer und den geplanten Start des Regelbetriebes an Schulen und Kitas mahnt der Homburger Virologe Jürgen Rissland zur Sorgsamkeit. Jeder Einzelne habe es in der Hand, die Infektionszahlen gering zu halten, sagte Rissland dem SR.

Maßnahmen wie etwa pauschal verpflichtende Tests für Reiserückkehrer lehnt Rissland derzeit ab. „Ich bin immer ein Freund von Freiwilligkeit und versuche, die Pflicht erst an das Ende der Bemühungen zu stellen.“ Das sei auch eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Gegenwärtig sei man noch nicht soweit, dass eine Pflicht nötig sei. „Ich setze auf die Vernunft der Menschen, auf die Freiwilligkeit.“

Effektive Ressourcennutzung

Virologe Jürgen Rissland über Coronatests nach Reiserückkehr
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 27.07.2020, Länge: 03:42 Min.]
Virologe Jürgen Rissland über Coronatests nach Reiserückkehr

Massentests hält Rissland nicht für die richtige Lösung. „Ich bin für gezieltes Testen und möglicherweise dann auch nur Stichproben, um überhaupt erst einmal einen Anfangsverdacht hinzubekommen“, ist sich der Virologe sicher. „Wir werden mit all diesen Testungen keine absolute Risikoausschlusskampagne fahren können. Das sind immer nur Momentaufnahmen, und insofern muss man einfach wissen: Mit welchem Aufwand kriege ich welchen Ertrag?“

Gefragt sei mit Blick auf die Tests effektives Handeln. „Wir haben keine unbegrenzten Ressourcen“, so Rissland. „Wir müssen also praktisch möglichst effektiv mit den vorhandenen Ressourcen umgehen.“

Reiserückkehrer aus Risikogebieten sollten, so Rissland, „in einer gewissen Menge“ untersucht werden, wie das an Flughäfen teilweise schon durchgeführt wird. In Abhängigkeit von den Ergebnissen dieser Tests könne dann die Strategie der Lage entsprechend angepasst werden.

Vor einem halben Jahr: Erster Corona-Fall in Deutschland
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 27.07.2020, Länge: 03:22 Min.]
Vor einem halben Jahr: Erster Corona-Fall in Deutschland

Sorge um Grand Est und Luxemburg

Sorgen bereitet Rissland die Entwicklung in Grand Est, das gerade erst wieder zur roten Zone erklärt wurde, und im Großherzogtum Luxemburg, das vom Robert-Koch-Institut (RKI) wieder zum Risikogebiet erklärt wurde. Pauschale Warnungen vor Reisen in Risikogebiete hält der Virologe aber für problematisch. Vielmehr solle jeder, der in eine solche Region reisen will, selbst prüfen und recherchieren, wie die aktuelle Situation vor Ort ist, und dann entscheiden, ob er tatsächlich dort hinfährt.

„Ich glaube, das ist das, was man den Leuten zutrauen kann und was ich auch von ihnen erwarten würde“, sagte Rissland. Die große Mehrheit der Menschen handele hier bereits mit Bedacht. Grenzschließungen hält der Virologe zum jetzigen Zeitpunkt für die falsche Lösung. „Jeder Einzelne von uns hat es in der Hand.“

Noch keine belastbaren Aussagen zum Schulbetrieb

Corona Sorglosigkeit
Audio [SR 3, Steffi Balle, 28.07.2020, Länge: 02:19 Min.]
Corona Sorglosigkeit

Ob der Schulstart in drei Wochen wie geplant durchgeführt werden kann, ist für Rissland nicht sicher. Der Virologe wollte auch auf Nachfrage nicht ausschließen, dass der geplante Regelbetrieb bei steigenden Infektionszahlen schnell wieder zu Ende sein könnte. Aussagen darüber seien jetzt noch nicht möglich.

„Man muss eben sorgsam hingucken und dann entscheiden, wenn sich die entsprechenden Anfangssignale verdichten sollten“, so Rissland. Das Bildungsministerium denke derzeit darüber nach, Lehrern freiwillige Corona-Tests anzubieten und den Schulbetrieb wissenschaftlich zu begleiten. „Aber ob das alles dann tatsächlich ausreicht, um einen Normalbetrieb durchführen zu können, das kann ich heute nicht sagen.“

Über dieses Thema hat auch SR1 „Stand der Dinge“ vom 27.07.2020 berichtet.

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