Pflegeheim im Kreis Heinsberg (NRW) (Foto: Jonas Güttler/dpa)

Virologe: "Heinsberg-Studie nicht auf Saarland übertragbar"

Axel Wagner   06.05.2020 | 15:30 Uhr

Die am Montag veröffentlichte Heinsberg-Studie, in der die Corona-Situation im Landkreis Heinsberg (Nordrhein-Westfalen) untersucht wurde, hat auch im Saarland für Aufsehen gesorgt. Dr. Jürgen Rissland von der Uniklinik Homburg lobt die Untersuchung zwar, hält ihre Ergebnisse aber nicht für auf die Region übertragbar.

Geht es nach den Ergebnissen der Heinsberg-Studie, könnten in ganz Deutschland möglicherweise 1,8 Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert sein. Das jedenfalls schätzen die Forscher der Universität Bonn um den Virologen Hendrik Streeck, die die Studie verfasst haben. Grundlage für ihre Schätzung ist eine Modellrechnung: Dafür zogen die Forscher die Dunkelziffer der Infizierten in der untersuchten Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg und die dort errechnete Sterblichkeitsrate bei einer Corona-Infektion heran. Sie gehen davon aus, dass 0,37 Prozent der Infizierten gestorben sind.

Wie hoch ist die Dunkelziffer?

Mehr Genesene als akut Erkrankte
Zahl der akuten Corona-Kranken sinkt - Dunkelziffer bei 5000 Infizierten
Im Saarland geht die Zahl der akut am Coronavirus erkrankten Menschen seit rund zwei Wochen zurück. Nicht berücksichtigt ist dabei jedoch die Dunkelziffer – der Virologe Rissland geht von insgesamt rund 5000 Infizierten aus. Und auch wenn die Coronawelle abflacht, ist das für ihn nur ein „Zwischenerfolg, aber kein Grund zur Entwarnung“.

Auf das Saarland angewendet, ergäbe diese Schätzung, dass hierzulande rund 38.000 Menschen mit Corona infiziert wären – eine Zahl, die Dr. Jürgen Rissland, Leitender Oberarzt am Institut für Virologie der Uniklinik des Saarlandes in Homburg, für zu hoch hält. In einem Interview mit dem SR hatte er vergangene Woche von einer Dunkelziffer von 5000 Infizierten im Saarland gesprochen – doppelt so viele Fälle wie offiziell bestätigt.

Die Heinsberg-Studie hält Rissland nichtsdestotrotz für eine „sehr gelungene Analyse“. Sie zeige, „was passieren kann, wenn man das Pech hat in einem Hotspot zu leben“. Hotspot, damit ist in diesem Fall ein Gebiet wie Heinsberg gemeint, wo die Gefahr einer Virusverteilung und -ansteckung besonders hoch ist.

Krankheitsverlauf erschwert Aussage

Die Ergebnisse der Heinsberg-Studie lassen sich nach Einschätzung Risslands nicht eins zu eins auf das Saarland übertragen. Bei der Untererfassung, also der Dunkelziffer der Corona-Erkrankungen, gebe es gewisse Unwägbarkeiten. Ob die Dunkelziffer nun fünfmal höher liege, wie in der Studie vermutet, oder „nur“ doppelt so hoch, das lasse sich nicht sicher sagen. Der Faktor sei aber nicht beliebig steigerbar. Läge die Zahl der Infizierten im Saarland deutlich über 5000, vermutet Rissland, hätte die Zahl der positiv Getesteten irgendwann steigen müssen. Das sei aber nicht geschehen.

Was die Einschätzung schwer macht, ist Rissland zufolge der sehr unterschiedliche Verlauf der Corona-Infektionen. Bei Erkrankungen mit meist schwerwiegenden Verläufen ist die Untererfassung deutlich geringer. Je unproblematischer eine Erkrankung jedoch ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion nicht erkannt bzw. erfasst wird. Bei der Corona-Infektion zeigt sich hier ein gemischtes Bild: Während einige, besonders ältere Menschen häufig schwer erkranken, verläuft sie bei anderen fast oder sogar ganz ohne Symptome.

Todeszahlen nicht außergewöhnlich

Anders als in Heinsberg gibt es im Saarland auch in Alten- und Pflegeheimen viele Corona-Infektionen mit schweren Verläufen und infolgedessen auch zahlreiche Todesfälle – im Regionalverband Saarbrücken machen sie fast zwei Drittel aller Fälle aus, gegenüber einem Drittel im Bundesdurchschnitt. Allein in der Seniorenresidenz in Püttlingen sind 24 Bewohner an oder mit einer Corona-Erkrankung verstorben. Diese Zahlen sind laut Rissland aber mit Blick auf die Altersstruktur nicht ungewöhnlich. „Je älter die Menschen sind, umso höher sind die Raten.“ Bei Kindern gebe es bundesweit nur einzelne Todesfälle. Daraus lasse sich jedoch nicht ableiten, dass junge Menschen vor Corona sicher sind. „Es gibt keine Garantie, dass man davor gefeit ist.“

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