Bildmontage: Symbolhaftes Teströrchen mit der Aufschrift Covid-19 positiv hinter einer Saarlandkarte (Foto: picture alliance/Weber/Eibner-Pressefoto, SR)

Wissenschaftler finden Modellpläne richtig, aber zu groß

  26.03.2021 | 13:49 Uhr

Mit Pilotprojekten in Modellregionen eine Alternative zum Lockdown zu finden: Für gleich mehrere Wissenschaftler ist das genau der richtige Ansatz. Es aber gleich für ein ganzes Bundesland auszuprobieren - zudem bei steigenden Inzidenzen -, sehen sie kritisch.

Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer sieht die geplanten Lockerungen der Coronamaßnahmen im Saarland zwiespältig. "Es ist auf jeden Fall sehr mutig und von der Grundidee her gar nicht so schlecht, dass wir mal anfangen, nicht immer nur zuzumachen, sondern uns auch mal Gedanken machen, wie es weitergeht", sagte Stürmer am Freitag dem RBB. Das geplante Modellprojekt im Saarland sei ihm aber "zu groß" und "zu viel".

Reaktionen auf Lockerungen nach Ostern
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 26.03.2021, Länge: 02:30 Min.]
Reaktionen auf Lockerungen nach Ostern

"Ich finde, man sollte jetzt erst einmal versuchen, das Infektionsgeschehen insgesamt wieder in den Griff zu bekommen", so Stürmer weiter. Also erst weiter runterfahren - und danach Modellprojekte in den Blick nehmen, die zudem "kleiner" und "gezielter" sein sollten.

Lehr: Das ganze Saarland ist mir ein bisschen zu groß
Prof. Lehr warnt vor Lockerungen
Audio [SR 1, (c) Peter Liebertz, Prof. Thorsten Lehr, 25.03.2021, Länge: 04:39 Min.]
Prof. Lehr warnt vor Lockerungen

Ähnlich sieht das der Saarbrücker Professor für Klinische Pharmazie, Thorsten Lehr. "Ich finde Modellregionen gut", sagte Lehr im SR-Interview. Es sei hervorragend, den Mut zu haben, aus dem andauernden Lockdown herauszukommen. Aber: "Das ganze Saarland ist mir ein bisschen zu groß."

Auch wenn er die anvisierten Öffnungen kritisch beurteilt, sieht Lehr in der geplanten wissenschaftlichen Begleitung eine Chance. Eine elektronische Nachverfolgung könne etwa mehr Aufschluss darüber bringen, wo die Infektionen stattfinden - und davon könnten letztlich auch andere Regionen profitieren.

Bleibt die Inzidenz bis zum Projektstart unter 100?

Sowohl Lehr als Stürmer zweifeln aber daran, ob das Projekt angesichts der steigenden Coronazahlen überhaupt wird starten können. Oder es könnte womöglich schnell wieder beendet werden. "Wir dürfen nicht vergessen: Wir befinden uns gerade schon in der dritten Welle", so Lehr. Auch wenn die Fallzahlen im Saarland derzeit noch niedriger seien als im Bundesschnitt, würden sie wieder steigen. "Die Gefahr ist, dass das Projekt durch die Inzidenz von 100 schnell wieder begrenzt werden kann."

Hinzu komme, dass der Anteil der Infektionen durch die Virusvarianten stetig steige. "Die britische Variante breitet sich auch bei uns stärker aus. Sie ist infektiöser, heizt entsprechend auch das Infektionsgeschehen an", so Lehr.

Virologe Stürmer betonte: Wenn man Lockerungen angeht, müsse man genau überlegen,  wie man das Ganze absichere. "Da gehören Hygienevorschriften und auf jeden Fall ein funktionierendes Testsystem dazu."

Mayer ("No Covid"-Initiative): Einfach nur Schnelltests einzusetzen, wird nicht reichen.
Interview mit der Initiative "No-COVID2
"Nur niedrige Inzidenzen sind stabil zu halten"

Eine präzise Absicherung der Maßnahmen ist auch das, was Vertreter der "No Covid"-Initiative als eine der zwingenden Voraussetzungen für Lockerungen sehen. Und daran hapert es unter anderem aus Sicht des Politologen Professor Maximilian Mayer von der Uni Bonn. Es fehle ein ganzeinheitlicher Ansatz. "Einfach nur Schnelltests einzusetzen, wird nicht reichen", sagte Mayer im SR-Interview.

Auch wenn Mayer es ähnlich wie Stürmer und Lehr grundsätzlich begrüßt, dass in Modellregionen Alternativen zum Lockdown ausprobiert werden, sieht er das saarländische Vorhaben kritisch - vor allem wegen des hohen Ausgangswertes bei der Inzidenz. "Ich kann sicher und nachhaltig nur lockern, wenn ich das bei einer niedrigen Inzidenz mache", so Mayer. "Ansonsten laufe ich Gefahr, dass ich sehr schnell wieder zumachen muss."

Steigende Zahlen in Österreich - trotz Testpflicht

Es gebe bislang kein Beispiel dafür, dass ein Land oder eine Region bei einer hohen Inzidenz gelockert habe - und diese Werte dann habe stabil halten können. In Österreich habe man im Schnitt auch ungefähr bei einer Inzidenz von 100 geöffnet. Jetzt gingen die Zahlen wieder stark nach oben - trotz systematischem Testsystem. "Und das ist übrigens ein großer Unterschied: In Österreich sind Tests verpflichtend - vor allem in den Schulen. Das ist im Saarland nicht der Fall", so Mayer. Im Saarland beteiligten sich im Schnitt etwa die Hälfte der jeweils in Präsenz anwesenden Schülerinnen und Schüler an den Schnelltests.

Die "No Covid"-Initiative wirbt unter anderem dafür, die Inzidenz auf einen Wert von unter zehn zu senken und dann in Regionen, wo dieser erreicht wird, kontrollierte Lockerungen zu ermöglichen, aber auch schnelle Maßnahmen zu ergreifen, falls der Wert wieder steigt.

Eine "sehr große Aufgabe"

Die Wirtschaftsjuristin Denise Feldner, ebenfalls Mitglied der No-Covid-Initiative, betonte, dass eine Öffnung bei einer hohen Inzidenz von allen Beteiligten "eine extreme Präzision in den Maßnahmepaketen" erfordere und man sich "sehr stark auf die Virusketten" fokussieren müsse. Das sei eine sehr große Aufgabe. "Darin sehe ich persönlich die Gefahr bei der Umsetzung, die wir gerade anstreben."

Über dieses Thema berichtete die "Region am Mittag" auf SR 3 Saarlandwelle am 26.03.2021.

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