Ein Wissenschaftler untersucht eine Probe (Foto: SR/Sebastian Knöbber)

R-Wert im Saarland unter 1 gesunken

Thomas Braun   12.11.2020 | 15:51 Uhr

Bei der Corona-Ausbreitung im Saarland deutet sich eine leichte Entspannung an. Der R-Wert ist nach aktuellen Berechnungen von Saar-Forschern auf knapp unter 1 gesunken. Auch die Lage in den Kliniken scheint sich laut den Simulationen vorerst nicht mehr weiter zuzuspitzen - zumindest im Saarland.

Auch wenn nach wie vor täglich weit über 200 neue Coronafälle im Saarland gemeldet werden - insgesamt scheint sich das Infektionsgeschehen deutlich abgeflacht zu haben. In ihrem wöchentlichen Bericht geht die Forschergruppe um Prof. Thorsten Lehr von der Klinischen Pharmazie der Saar-Uni aktuell von einem Reproduktionswert von 0,96 aus. Das bedeutet: 100 infizierte Personen stecken im Schnitt 96 weitere Personen an.

Auch für die Lage in den saarländischen Kliniken ist das eine positive Nachricht - die Belegungszahlen mit Covid-Patienten würden den Berechnungen zufolge vorerst nicht mehr signifikant weiter steigen. Bei gleichbleibendem R-Wert würden sie aber auch über einen langen Zeitraum erst einmal nicht mehr sinken.

Niedrige Hospitalisierungsrate im Saarland

Mit Blick auf die Situation in den Krankenhäusern nimmt das Saarland derzeit eine Sonderrolle ein. "Wir haben im bundesdeutschen Vergleich eine niedrige Hospitalisierungsrate", erklärt Lehr. Heißt: Der Anteil der positiv getesteten Menschen, die schwer erkranken und im Krankenhaus behandelt werden müssen, ist niedriger als in anderen Bundesländern. In Hessen oder auch Berlin dagegen könnte es knapp werden mit den Intensivkapazitäten, befürchtet Lehr.

Vor diesem Hintergrund - und auch, weil sich schon bei einem R-Wert von 1,1 im Saarland die Situation wieder deutlich ändern könnte -, sieht Lehr aber noch keinen Grund für eine Entwarnung.

Erkläransätze für Abschwächung der Dynamik

Was letztlich zum Abflachen der Virusausbreitung beigetragen hat, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Schon seit Mitte Oktober sei ein Rückgang beim R-Wert zu beobachten, auch wenn es eine deutlich spürbare Änderung erst Ende Oktober gab, erklärt Lehr. Das könne durchaus mit den Maßnahmen zusammenhängen, die bereits ab Mitte Oktober lokal in stark betroffenen Landkreisen eingeführt wurden. Möglicherweise seien auch bereits Effekte des Teil-Lockdowns zu spüren - besser beurteilen könne man das aber wohl erst in einer Woche, so Lehr.

Auch der Berliner Virologe Dr. Christian Drosten geht davon aus, dass es Mitte Oktober eine Änderung gab, die sich auf das bundesweite Infektionsgeschehen ausgewirkt hat, wie er im aktuellen NDR-Podcast "Coronavirus Update" erklärt. Dabei seien mehrere Ursachen denkbar. Zum einen die Ministerpräsidentenkonferenz, auf der strengere lokale Maßnahmen beschlossen wurden, aber auch die Herbstferien, die es zu diesem Zeitpunkt in vielen Bundesländern gab.

Virus-Nachweis vom realen Geschehen abgekoppelt?

Auch eine dritte Möglichkeit sei denkbar, so Drosten. Zunehmend seien die Labore und die Gesundheitsämter überlastet. Die Ämter kämen teils nicht mehr hinterher, überhaupt eine Testung zu veranlassen. "Es könnte auch sein, dass wir seit Mitte Oktober eine Entkopplung haben zwischen dem Infektionsgeschehen und dem Nachweisgeschehen", sagte Drosten.

Zumindest fürs Saarland scheint diese dritte Variante aber eher unwahrscheinlich. Sowohl in der Virologie der Uniklinik als auch im Bioscientia-Labor in St. Ingbert wurden die Testzahlen in der vergangenen Woche im Vergleich zur Vorwoche noch einmal gesteigert, während zeitgleich die Positivrate leicht gesunken ist.

Testzahlen der Homburger Virologie

Testzahlen des Bioscientia-Labors

Niedrige Dunkelziffer im Saarland?

Die hohen Testzahlen sind für Professor Lehr auch eine mögliche Erklärung für die vergleichsweise niedrige Hospitalisierungsrate im Saarland. Wird mehr getestet, werden auch mehr leichte Fälle entdeckt, die eine Infektion ohne Krankenhausbehandlung durchstehen und so die Rate senken. Die genaue Ursache soll aber noch weiter untersucht werden.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 12.11.2020 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja