Wladimir Putin, Präsident von Russland, betritt durch eine goldene Tür den Georgssaal (Foto: dpa)

Putin - Ansichten eines Ehepaares

Vlada Mashchenko   07.09.2018 | 10:25 Uhr

Deutsche Medien gehen mit dem russischen Präsidenten Vladimir Putin meist nicht zimperlich um. Häufig wird er als machtbessessen, gefährlich und skrupellos dargestellt. Doch wie sehen die Russen selbst ihren Präsidenten? Ein Besuch bei einem russischen Ehepaar in Saarbrücken, dessen Ansichten über Putin nicht unterschiedlicher sein könnten.

Natalia Meleva (66), Vorsitzende des Russischen Hauses Saar, und ihr Mann Valerij (72), ehemaliger Physiker an der Saarbrücker Universität, empfangen mich bei sich zuhause. Als ich Natalia in ihr Arbeitszimmer folge, bringt Valerij uns Wasser und verlässt das Zimmer. „Ich bin nicht zum Gespräch zugelassen“, lächelt er an der Tür.

Natalia Melev (Foto: Privat)
Natalia Melev

Russische Politik ist bei den Melevs, die 1995 von Russland nach Deutschland gekommen sind, ein kontrovers diskutiertes Thema. Natalia ist eine große Putin-Gegnerin, Valerij hingegen unterstützt die Politik des russischen Machthabers. „Wir lesen sogar Nachrichten in verschiedenen Zimmern hinter geschlossenen Türen, weil wir entgegengesetzte Ansichten über die Situation in Russland haben“, erzählt Natalia. „Deswegen diskutieren wir darüber nicht. Früher haben wir das noch gemacht, aber jetzt ist es unmöglich“. Russische Themen bespricht das Ehepaar eher mit Freunden.

"Niemand kann schlechter sein als er"

Natalia sieht in Putin eine Art Diktator, weil er fast unbegrenzte Macht habe und einen starken Druck auf die politischen Gegner und Kritiker ausüben könne. An seiner Politik kann sie nichts Positives finden. Sie erinnert sich etwa an die vergangenen sportlichen Großereignisse in Russland. Die Olympischen Winterspiele im subtropischen Sotschi seien etwa eine Gewalt gegen die Natur gewesen.

Auch die Fußballweltmeisterschaft sei lediglich mit Ziel ausgerichtet worden, um das Prestige Putins aller Welt zu zeigen. "Es ist schrecklich, dass die Weltmeisterschaft in einem Land stattgefunden hat, wo es so viel politische Gefangene gibt. Zum Beispiel, Oleg Sentsov, der schon mehr als 100 Tage im Hungerstreik ist. Ich denke manchmal, dass Putin ein CIA-Agent ist, der immer etwas gegen Russland unternimmt. Niemand kann schlechter sein als er“, glaubt Natalia.

"Medien sind russophobisch"

Valerij hingegen findet, dass Putin ein viel zu schlechtes Image hat. Daran seien auch die deutschen Medien schuld, die Putin nach der Ukraine-Krise sehr stark kritisieren hätten. Sie seien geradezu „russophobisch“ geworden. Das habe auch dazu geführt, dass einige seiner Freunde ihre Meinung zu Putin geändert hätten.

Valerij Melev (Foto: Privat)
Valerij Melev

Doch was schätzt Valerij an Putin? „Erstens, er hält sein Wort und versucht immer seine Versprechungen zu verwirklichen. Und zweitens ist er dezent, hat ein perfektes Humorgefühl und kann jeden zurechtweisen. Das ist sehr angenehm zu sehen nach den Regierungen, die wir vor Putin hatten. Die haben damals alle internationalen Treffen in einen Zirkus verwandelt", sagt Valerij.

Diese persönlichen Eigenschaften sind auch bei der russischen Bevölkerung beliebt, zeigt eine Umfrage des russischen Meinungsforschungsinstituts „Levada-Zentrum“. 49 Prozent der Befragten schätzen an Putin seine politische Erfahrung. 30 Prozent gefällt, dass er energisch, entschieden und willensstark ist. Seine Außenpolitik findet aber weniger Zustimmung.

"Putin hat Russland stark gemacht"

Auch Natalia ist der Meinung, dass die russischen Eingriffe in den ukrainischen Konflikt und in den Krieg in Syrien eine der schlimmsten Entscheidungen Putins waren. Valerij sieht das anders: „Putin hat Russland militärisch sehr stark gemacht, ungeachtet der schlechten wirtschaftlichen Lage und des zweiten Tschetschenienkriegs am Anfang seiner Regierung. Sogar Amerikaner erkennen an, dass wir in manchen militärischen Bereichen vorne sind“.

Auch Gesellschaftspolitik sei eine Stärke Putins, glaubt Valerij. Nach Jelzins Rücktritt 2000 hätte Russland in einer schweren Krise gesteckt. Damals hätten Leute sogar kein Gehalt bekommen, erinnert er sich. „Jetzt ist alles viel besser. Es wurde Wohnungsbau vor allem für das Militär, Lehrer und Ärzte realisiert, fast jede Region verfügt über moderne medizinische Zentren“, setzt er fort.

Doch auch wenn Politik immer ein Thema im Hause Melev ist, haben Natalia und Valerij gelernt, mit der Meinung des Anderen umzugehen. Unstimmigkeiten nehmen sie inzwischen mit Humor. Und das ist vielleicht das Wichtigste, das dem Ehepaar dabei hilft, alle Meinungsverschiedenheiten zu überwinden. Denn eigentlich ist Putin, im Gegensatz zum Ehepartner, der im Nebenzimmer Nachrichten liest, ganz weit weg.

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