Heinrich Welsch mit dem damaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder (1973) (Foto: LA Saarbrücken, Best. N StK, Reg.Röder 337, Erich Isenhuth)

Akten erschüttern Mythos um Ex-Ministerpräsidenten Welsch

Barbara Spitzer   08.05.2018 | 12:09 Uhr

Nach dem Historikerstreit über die Vergangenheit von Saar-Ministerpräsident Franz-Josef Röder gibt es möglicherweise neuen Zündstoff zu einem seiner Vorgänger an der Regierungsspitze: Übergangsministerpräsident Heinrich Welsch. Ein hochrangiges Mitglied des NS-Staats, das aber nach dem Krieg schnell wieder Karriere in der saarländischen Politik machte, wohl auch weil er als eine Art heimlicher Nazi-Gegner galt.

Heinrich Welsch ist einer der weniger bekannten Ministerpräsidenten des Saarlands. Nach der Saarabstimmung 1955 war er als Nachfolger von Johannes Hoffmann zwei Monate an der Spitze des Landes. Noch weniger bekannt ist, dass der gebürtige Saarlouiser hochrangige Funktionen in der NS-Diktatur innehatte: Er war unter anderem 1934 Gestapo-Chef in Trier. Eine Zeit, die von dem Historiker Dr. Thomas Grotum von der Uni Trier erforscht wird. Ihn wundert Welschs Porträt in der Ahnengalerie der saarländischen Ministerpräsidenten in der Staatskanzlei auf den ersten Blick. „Als ich anlässlich einer Preisverleihung in der Staatskanzlei in Saarbrücken war, war ich natürlich etwas überrascht, Welsch dort in der Reihe hängen zu sehen. Andererseits wäre es ahistorisch, sein Bild einfach abzuhängen.“

Akten dokumentieren Nazi-Vergangenheit

Gestapo-Chef in Trier

Der Jurist Heinrich Welsch wurde 1934 von höchster Stelle in Berlin als Gestapo-Chef vom Saarland nach Trier berufen. Er sollte Hitlergegner im angrenzenden Saargebiet, das damals nicht zum Deutschen Reich gehörte, ausspionieren, denn der Volksentscheid über die Angliederung an Hitlerdeutschland stand kurz bevor. "Er war eine Person aus dem Umfeld, der in Frage kam und diese Anforderung erfüllte, um die Vorbereitung der Saarabstimmung und die Beobachtung der politischen Gegner im Saargebiet zu übernehmen. Er kannte sich einfach ziemlich gut aus", so Grotum.

Das Militärarchiv von Vincennes, Frankreich. (Foto: Französisches Militärarchiv Vincennes)
Das Militärarchiv von Vincennes, Frankreich.

Wer damals genau auf den Schirm der Gestapo geriet und warum, darüber geben nun rund 3500 Akten der Geheimpolizei Auskunft, die Grotum vor kurzem im französischen Militärarchiv in Vincennes bei Paris aufgetan hat. Erste Akten zu Saarländern sind ausgewertet. Unter den Verfolgten war unter anderem Walter Fantoni aus St. Wendel. Er war verdächtig, weil er sich der Gestapo als V-Mann angeboten hatte. Welsch unterzeichnete seinen Schutzhaftbefehl. Ein weiteres von der noch unbekannten Zahl von saarländischen Opfern war der gebürtige Saarlouiser Viktor Heinen. Grotums wissenschaftliche Mitarbeiterin Lena Haase erklärt dazu: „Er war verdächtig, weil er Fremdenlegionär war. Außerdem soll er im Saargebiet schlecht über das Deutsche Reich gesprochen haben, das kann von Witzen über den Führer bis hin zu negativen Aussagen über das politische System im Deutschen Reich alles umfasst haben.“

Opfer aus dem Saargebiet

Besonders interessant ist der Fall des Saarbrücker KPD-Ortsgruppenleiters Friedrich Wolff aus Burbach. Der Kaufmann bot sich 1933 der Gestapo als Spitzel an. Er wusste bestens über den Druck von kommunistischen Zeitungen und Flugblättern im Saargebiet Bescheid und auf welchen Wegen sie ins Reichsgebiet gebracht wurden. Mit seiner Hilfe flog im April 1934 ein Kuriersystem aus dem Saarland Richtung Frankfurt auf, Verhaftungen von KPD-Mitgliedern folgten. Möglicherweise gelangten über den V-Mann "Alfred" auch Informationen zu den Aktivitäten von weiteren Genossen in die Gestapoakten. Doch 1936 war die Gestapo mit "Alfred" nicht mehr zufrieden. Möglicherweise arbeitete er als Doppelagent. Wolff wurde als Schwindler eingestuft, in Schutzhaft genommen und später ins KZ Esterwegen im Emsland, dann nach Sachsenhausen deportiert.  Briefe, die im russischen Staatsarchiv liegen, zeigen, wie Wolff versucht, den Verdacht bei der SS-Führung des Hochverrats auszuräumen. Er überlebt, kehrt zunächst ins Saarland zurück, zieht 1951 nach Bayern und stirbt 1984 in München.

Mythos erschüttert

Nach der Saarabstimmung 1935 verlässt Welsch Trier, wird 1940 Leiter der deutschen Justiz in Lothringen. Der Saarländer soll sich dabei gegen die Deportation des Lothringers und späteren EU-Gründervaters Robert Schuman ins KZ eingesetzt haben.

Gestapoakten über den Saarbrücker Ortsgruppenleiter Friedrich Wolff  (Foto: Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte)
Gestapoakten über den Saarbrücker Ortsgruppenleiter Friedrich Wolff

Der Historiker Prof. Rainer Hudemann, Experte für deutsch-französische Geschichte, erklärt Welschs Motiv wie folgt: Er habe befürchten müssen, dass die Deportation des populären Schuman die Lothringer gegen die Nazis aufbringen würde „Es ging darum, die deutsche Herrschaft in Lothringen zu stabilisieren. Wenn er erreicht hat, dass Schuman nicht an die Gestapo ausgeliefert wurde, dann heißt das in keiner Weise, dass das eine Widerstandshandlung war“, so Hudemann. Trotzdem schafft es Welsch, die Schuman-Rettung nach dem Krieg in eine selbstlose Heldentat umzumünzen. Er erhält Rückendeckung von Frankreich.

Bei der Entnazifizierung wurde Welsch dadurch als aktiver Nazi-Gegner eingestuft und entlastet. Ein Mythos, den die Aktenfunde aus der Gestapozeit von Welsch nun erschüttern könnten. Eine Gruppe von Wissenschaftlern der Uni Trier wertet sie derzeit aus.

Video [aktueller bericht, 08.05.2018, Länge: 5:20 Min.]
Auf den Spuren von Ex-Ministerpräsident Welsch

Karriere trotz Gestapo-Vergangenheit

Panorama
Forschungsprojekt
Eine Forschungsgruppe der Universität Trier befasst sich mit der Gestapo-Stelle, die während der NS-Zeit in Trier tätig war. Sie bestand bis 1944.

Schon 1951 wird er Mitglied in der Regierung von Johannes Hoffmann und nach der Saarabstimmung 1955 war er sogar zwei Monate lang dessen Nachfolger als Ministerpräsident des Saarlandes. Ein Wiederaufstieg, den der Leiter des saarländischen Landesarchivs Peter Wettmann-Jungblut mit Opportunismus erklärt. „Das ist ganz schwierig festzulegen, das war 1933 bis 1945 so. Das war dann auch wieder in der Nachkriegszeit so. Er war immer ein bisschen chamäleonhaft, könnte man sagen. Er konnte seine Farbe je nach Situation und Gegenüber durchaus wechseln.“   

Nach seiner Zeit als Ministerpräsident wurde Welsch unter anderem zum ersten Ehrensenator der Universität ernannt und mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Die Aktenfunde aus seiner Trierer Zeit  dürften nun neue Fragen zum Umgang mit NS-Größen im Nachkriegssaarland aufwerfen.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten am 08.05.2018 berichtet.

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