Eine Ärztin hält einen Corona-Schnelltest in der Hand. (Foto: picture alliance/dpa | Tom Weller)

Mehr glimpfliche Corona-Verläufe

Thomas Braun   12.12.2020 | 10:59 Uhr

Mit dem Anstieg der Corona-Fälle - insbesondere unter älteren Menschen - steigt auch die Zahl der Todesfälle im Saarland wieder an. Die Sterberate liegt derzeit aber deutlich niedriger als noch im Frühjahr. Dafür gibt es mehrere Gründe. Eine Rolle spielen vermutlich auch die Hygieneregeln.

Seit Anfang Oktober sind im Saarland 149 Menschen in Zusammenhang mit einer Coronainfektion verstorben, im November waren es wöchentlich zwischen 15 und 30 Personen. Die Fallsterblichkeit - also die Zahl der Todesfälle in Bezug zu den positiv getesteten Personen - liegt derzeit aber deutlich niedriger als noch im Frühjahr. Verstarben zwischen Anfang März und Ende Mai rund sechs Prozent der positiv Getesteten, so waren es im Sommer nur noch 1,7 Prozent. Derzeit liegt die Rate bei 1,2 Prozent.

Ein Grund dafür ist, dass mittlerweile mehr getestet wird und auch mehr leichte Fälle insbesondere bei jüngeren Menschen entdeckt werden - und dadurch die Sterberate insgesamt sinkt. Aber auch andere Faktoren spielen offenbar eine Rolle. Das wird deutlich, wenn man nicht nur auf die Gesamtzahlen schaut, sondern speziell auf die Entwicklung in hohen Altersgruppen.

Sterberate bei Über-80-Jährigen gesunken

Aus dem Regionalverband Saarbrücken und vom Robert-Koch-Institut liegen hierzu detaillierte Zahlen vor. Demnach verstarben im Regionalverband von März bis Mitte Juni rund 28 Prozent der Über-80-Jährigen, die sich mit dem Coronavirus angesteckt haben. Aktuell schwankt die Sterberate zwischen zehn und 17 Prozent - eine genaue Einordnung ist schwierig, weil sich der Gesundheitszustand eines Infizierten auch erst nach mehreren Tagen verschlechtern kann.

Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich derzeit auch in den saarländischen Pflegeheimen. Da hier bereits im Frühjahr flächendeckend getestet wurde, dürfte die Dunkelziffer entsprechend niedrig sein. Zwischen 1. März und 30. September wurden laut Gesundheitsministerium 321 Fälle in Pflegeheimen bekannt. 97 davon - also fast jeder Dritte - verstarb in der Folge. Vom 10. Oktober bis 15. November gab es 221 positive Coronabefunde und im gleichen Zeitraum 35 Todesfälle - weniger als noch während der ersten Welle.

Virendosis ein wichtiger Faktor

Der Homburger Virologe Dr. Jürgen Rissland sieht für diese Entwicklung vor allem zwei Gründe. "Wir haben im Vergleich zum Frühjahr ein besseres Verständnis, wie wir die Menschen in den Kliniken effektiver behandeln können", sagte Rissland. Ein weiterer wichtiger Faktor sei die Virendosis, die die Betroffenen bei der Ansteckung abbekommen. Eine hohe Virendosis könne mit zu einem schweren Verlauf beitragen, eine geringe Virendosis habe hingegen oft weniger schwerwiegende Konsequenzen.

Und hier spielen dann auch die Hygiene- und AHA+L-Regeln, Rissland spricht zusammenfassend von "Nicht-pharmazeutischen Maßnahmen", eine Rolle. Abstand halten, regelmäßig Lüften, Maske tragen - all das könne dazu beitragen, dass Betroffene nur eine geringe Virendosis abbekommen. Problem bleibe aber: "Ich kann jetzt nicht klar einteilen, welche Maßnahme welchen Anteil hat", so Rissland. Deshalb sei es auch weiter wichtig, alle Regeln zu beachten. "Das Virus hat nicht an Gefahr verloren - aber auch nicht zugenommen", betont Rissland.

Tausende weitere Todesfälle bundesweit befürchtet

Auch wenn die Sterblichkeit gesunken ist, werden in den kommenden Wochen die Todesfallzahlen wohl weiter nach oben gehen - schon alleine aufgrund des weiter hohen Infektionsgeschehens. Wie die Entwicklung konkret aussehen können, hat die Forschergruppe um Prof. Thorsten Lehr von der Klinischen Pharmazie der Saar-Uni für mehrere Szenarien berechnet. Der seit November gültige Teil-Lockdown habe die Infektionsdynamik zwar zeitweilig ausgebremst, zuletzt sei aber wieder ein deutlicher Anstieg zu beobachten. Die Infektionslage drohe aus dem Ruder zu laufen.

"Ohne weitere strikte Maßnahmen schon vor Weihnachten werden sich die Fallzahlen weiter erhöhen und im Januar zu mehreren Tausend zusätzlichen Corona-Sterbefällen führen", sagte Lehr mit Blick auf die bundesweite Entwicklung. Er empfiehlt einen harten Lockdown noch vor Weihnachten. Nur dadurch könne eine Verdopplung der aktuellen Sterbezahlen bis Mitte Januar verhindert werden.

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