Andreas Neumann (Die Linke) (Foto: Imago images/Becker&Bredel)

Neumann legte offenbar „unechte“ Dokumente vor

Thomas Gerber / Onlinefassung: Axel Wagner   19.06.2019 | 14:55 Uhr

In der Affäre um den stellvertretenden Landesvorsitzenden der Saar-Linken Andreas Neumann mehren sich Indizien, dass der Parteivize zu Unrecht seit Jahren einen Doktortitel führt. Im jetzt laufenden Überprüfungsverfahren hat Neumann offenbar „unechte“ Dokumente vorgelegt.

„Frechheit siegt“ – nach diesem Motto war Neumann über Jahre als vermutlich „falscher Doktor“ unterwegs. Jetzt droht sein Promotionskonstrukt wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen. Die meisten SR-Anfragen ließ er zwar unbeantwortet – einmal jedoch hatte er reagiert. Am 29. März bereits teilte er mit, dass die „Titeltrageerlaubnis durch Herrn L. im Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft am 6.1.2006 vorgegeben worden“ sei. Und auch in der jüngsten Landesvorstandssitzung soll Neumann auf dieses Schreiben verwiesen haben, das sich allerdings nicht als sonderlich werthaltig erweist.

Keine Erlaubnis für Titel

Das Schreiben stellt laut Ministerium nämlich keineswegs eine Titeltrageerlaubnis dar. Neumann habe vielmehr 2005 Probleme bei der Eintragung seines mutmaßlichen englischen Philosophie-Doktorgrades (Ph.D.) in seinen Pass gehabt und sich deshalb Ende 2005 an das Ministerium gewandt. Von dort bekam er dann prompt Antwort – eine Antwort, die lediglich die allgemeinen Modalitäten der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen beinhaltet habe.

Neumanns mutmaßliche Doktor-Uni in Lancaster sei eine „anerkannte britische Hochschule“. Seit 2003 müssten keine Einzelfallprüfungen mehr durchgeführt werden. Akademische Grade, die an einer anerkannten Universität in der EU erworben wurden, können demnach problemlos in Deutschland geführt werden, heißt es in dem Schreiben.

„Waschzettel“ statt Trageerlaubnis

Dokumente oder Zeugnisse über seine Doktorarbeit in Lancaster hatte Neumann in diesem Verfahren dem Ministerium nicht vorgelegt. Eine konkrete Überprüfung seiner akademischen Weihen fand also nicht statt. Das Schreiben vom 6.1.2006, das Neumann in der aktuellen Diskussion wie eine Monstranz vor sich her trägt, ist also kein Doktor-Freibrief, sondern eine Art „Waschzettel“ über die Anerkennung akademischer Titel aus dem EU-Ausland im Allgemeinen – so zumindest sieht es inzwischen das Wissenschaftsministerium.

Urkundlicher Nachweis angefordert

Konkret wurde das Verfahren erst jetzt, nachdem der SR im Ministerium nachgefragt hatte und parteiintern Zweifel an der Echtheit von Neumanns „Doktor“ laut geworden waren. Das Wissenschaftsministerium leitete eine Überprüfung ein und bat Neumann „gemäß Paragraph 68 Absatz 5 Satz 2 des Saarländischen Hochschulgesetzes (SHSG) um urkundlichen Nachweis der Berechtigung“. Daraufhin, so das Ministerium, legte Neumann eine „Promotionsurkunde des St. Paul College und des Kooperationspartners Lancaster University vom September 2003 und eine Notenübersicht“ vor. Beglaubigte Kopien dieser beiden Dokumente seien dann der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) in Bonn zur Echtheitsprüfung vorgelegt worden.

ZAB: „Unechte Dokumente“

Die Antwort der ZAB war vernichtend. „Das Ergebnis der Bewertung war, dass es sich um unechte Dokumente handelt.“ Die Experten machen das nach SR-Informationen an mehreren Auffälligkeiten fest:

  • Die mutmaßliche Promotionsurkunde enthält Formulierungen, die so an britischen Hochschulen zumindest nicht üblich sind.
  • Und: Stempel und Wappen auf der Urkunde scheinen teilweise frei erfunden.

Das Ministerium hat auf Grundlage der Stellungnahme der ZAB die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Gegen Neumann bestehe der Verdacht des Titelmissbrauchs. Ob er sich auch der Urkundenfälschung schuldig gemacht hat, wird von der Staatsanwaltschaft ebenfalls überprüft.

Neumanns Verteidiger wollte sich auf SR-Anfrage zunächst nicht äußern. Er habe Akteneinsicht beantragt. Gut möglich aber, dass es Neumann nun übertrieben hat. In einem offiziellen Überprüfungsverfahren „Phantasiedokumente“ vorzulegen, wäre dreist. Frechheit siegt?

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