Windräder im Saarland (Foto: Imago/Panthermedia)

Fakten, Probleme und Mythen zur Windkraft im Saarland

Tabea Prünte   09.07.2022 | 09:08 Uhr

In Zukunft wird der Ausbau von Windkraft immer wichtiger. Doch es gibt auch kritische Stimmen. Windkraftanlagen sollen zum Beispiel gesundheitsschädlichen Infraschall erzeugen und Tiere und Natur gefährden. Wir klären einige Windkraft-Mythen und sammeln Antworten auf wichtige Fragen rund um das Thema.

Im Zuge der Energiewende wird unter anderem die Stromgewinnung durch Windkraft immer wichtiger werden. Am Donnerstag hat der Bundestag ein entsprechendes Gesetzespaket beschlossen, das den schnelleren Ökostrom-Ausbau vorantreiben soll. Bis 2030 sollen 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien kommen. Bislang beträgt der Anteil bundesweit weniger als 50 Prozent. Um das zu steigern, will Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) auch die Länder in die Pflicht nehmen.

Es steht bereits auf der Agenda der saarländischen Landesregierung, den Anteil der erneuerbaren Energien am jährlichen Stromverbrauch zu erhöhen. Die deutliche Mehrheit der Saarländerinnen und Saarländer findet das gut und hatte sich im Saarlandtrend vor der Landtagswahl für den Ausbau von Windkraft ausgesprochen.

Doch ist es im Saarland windig genug, um genügend Strom zu produzieren? Und welche Gefahr stellen die Windräder für Vögel und andere Tiere dar? Natürschützerinnen und -schützer sorgen sich zudem vor schwindenden Waldflächen. Hier gehen wir einigen Fragen und Mythen rund um das Thema Windenergie nach.



Inwieweit bieten Windräder Versorgungssicherheit?

Im Jahr 2020 sind laut Wirtschaftsministerium im Saarland über erneuerbare Energien 1640 Gigawattstunden Strom ins Netz eingespeist worden, davon deutlich mehr durch Windenergie als durch solare Energie. Über konventionelle Energieträger wurden in demselben Zeitraum etwa 1590 Gigawattstunden Strom erzeugt.

Der Stromverbrauch des Saarlandes liegt laut Wirtschaftsministerium aber deutlich darüber. Seit rund 20 Jahren würden durchschnittlich 8000 Gigawattstunden benötigt.

Ein großer Anteil des Stroms muss also importiert werden - und "dies wird sich auch zukünftig nach heutiger Einschätzung nicht ändern", so das Ministerium. Grund dafür sei die dichte Besiedelung sowie viel Industrie im Land.


Wie viele Windräder kommen noch?

Im ersten Quartal 2022 sind im Saarland zwei Windräder neu ans Netz gegangen. Insgesamt sind damit 213 Windkraftanlagen in Betrieb. Für 22 weitere laufen nach Angaben des Wirtschaftsministeriums Genehmigungsverfahren.

Ziel der Landesregierung sei, zwei Prozent der Landesfläche mit Windenergieanlagen zu bebauen. Das würde dem bundesweiten Ziel des Windflächenbedarfsgesetzes entsprechen.

Aktuell sind nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaft und Energie 1,82 Prozent der Landesfläche für Windenergie über den Landesentwicklungsplan und die Flächennutzungspläne in 35 Kommunen für den Bau von Windkraftanlagen ausgewiesen. Ob die Flächen baulich aber genutzt werden können, ist fraglich. Die Landesregierung hat zumindest versprochen, die Zusammenarbeit mit den Kommunen zu intensivieren.


Wo dürfen im Saarland Windenergieanlagen gebaut werden?

Bei der Überlegung, welche Flächen für den Bau von Windenergieanlagen infrage kommen, gibt es sogenannte Ausschlussgebiete wie Siedlungsflächen oder Naturschutzgebiete. Auch das Vorkommen bestimmter Tierarten spielt eine Rolle.

Das Land legt im Landesentwicklungsplan sogenannte Vorranggebiete für Windenergie fest. Kommunen können den Ausbau der Windenergie in eigener Verantwortung und unter Beachtung der rechtlichen Rahmenbedingungen steuern und dafür auf ihrem Gebiet sogenannte Konzentrationsgebiete festlegen.

Das kritisiert der Naturschutzbund Nabu: "Die Hoheit über die Ausweisung der Flächen, die für Windkraftanlagen infrage kommen, sollte beim Land liegen", sagt dazu der stellvertretende Landesvorsitzende des Naturschutzbundes Saarland Karl Rudi Reiter. Denn: "Kommunen wählen die Flächen so aus, dass die Pachteinnahmen an die Kommune gehen." Dabei sollte seiner Ansicht nach allein der Arten- und Naturschutz bei den Überlegungen im Vordergrund stehen.


Windräder auch im Wald?

Auch in Wäldern ist der Bau von Windkraftanlagen grundsätzlich erlaubt, laut Bundesamt für Naturschutz allerdings nur "unter Berücksichtigung ökologischer Rahmenbedingungen". Karl Rudi Reiter vom Naturschutzbund Saarland betont, dass gerade alte Waldbestände besonders geschützt werden müssten.

Im historischen saarländischen Staatswald ist seit einer Änderung des Landeswaldgesetzes im Jahr 2017 der Bau von Windrädern weitgehend untersagt. Ausnahmen sind laut Gesetz nur bei besonders windhöffigen Standorten möglich, die auch gut erschlossen oder bereits vorbelastet sind.

Bislang wurden auf historisch alten Waldstandorten im Staatswald laut Landesregierung 19 Windenergieanlagen an sieben Standorten mit einer Gesamtleistung von 59,5 Megawatt aufgestellt. Unabhängig von der gesetzlichen Regelung werden im Staatsforst seit 2017 keine weiteren Flächen mehr für den Ausbau der Windenergie verpachtet.

Weil die SPD-Landesregierung den Anteil der Landesfläche, die tatsächlich für Windenergie genutzt wird, auf zwei Prozent erhöhen will, erwägt sie aber eine erneute Änderung des Landeswaldgesetzes, um zusätzliche Flächen für die Windkraftnutzung bereitzustellen. Vor allem der Regionalverband Saarbrücken könnte so laut dessen Direktor Peter Gillo deutlich mehr zusätzliche Windkraftanlagen aufstellen. Dort befindet sich knapp ein Drittel der historisch alten Waldstandorte im Saarforst.


Gefährden Windräder Tiere und Natur?

Nach Angaben des Naturschutzbundes sind vor allem Vögel durch Windkraftanlagen gefährdet, darunter zum Beispiel der Rotmilan oder der Schwarzstorch. Aber auch Fledermäuse zählen zu den "windkraftsensiblen Arten". Beim Bau von neuen Anlagen sei demnach auf festgelegte Schutzabstände zu solchen windkraftsensiblen Arten zu achten.

Der Nabu fordert darüber hinaus, Regionen mit einem besonders großen Vorkommen solcher sensiblen Arten komplett "von Windkraft frei zu halten". Ähnliches gelte für besonders alte Laub- und Mischwälder.

Ob die bisherigen Maßnahmen zum Schutz der Natur, wie etwa Abstandsregelungen, ausreichen, müsse noch geprüft werden, sagt Karl Rudi Reiter. "Und es muss immer auch die besondere Situation vor Ort betrachtet werden."

Er ist sich aber sicher: "Die Abstandsregelung allein reicht nicht aus." Derzeit würden zusätzliche technische Lösungen gesucht, um die Tiere besser zu schützen. Zum Beispiel, indem durch Radarerfassung Fledermäuse im Anflug erkannt werden können und sich das Windrad dann selbstständig ausschaltet. "Das ist aber noch nicht so ausgereift", so Reiter.

Laut Bundeswirtschaftsministerium sind es deutschlandweit etwa ein bis vier Vögel, die durchschnittlich pro Jahr und pro Windkraftanlage getötet werden. Windkraftanlagen stellten dementsprechend nicht die größte menschengemachte Gefahr für Vögel dar. Zu verdanken sei dies den hierzulande "international vergleichsweise strikten" Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes.


Wie schneidet Windkraft im Vergleich finanziell ab?

Unabhängig der Kosten gehe es laut saarländischem Wirtschaftsministerium in erster Linie darum, die gesamte Klima-, Energie- und Wirtschaftspolitik auf das 1,5-Grad-Ziel auszulegen. Bis 2035 soll die Stromversorgung daher "nahezu vollständig" über erneuerbare Energien funktionieren. Mit dem Ziel der klimaneutralen Stromgewinnung folge Deutschland der Empfehlung der Internationalen Energieagentur.

Aber ist Windkraft nun teurer als konventionelle Energie? Um diese Frage zu beantworten verweist das saarländische Wirtschaftsministerium auf SR-Anfrage auf eine Studie zu den sogenannten Stromgestehungskosten des Fraunhofer Instituts.

Das Ergebnis: Aufgrund von gestiegenen CO2-Zertifikatspreisen sind die Stromgestehungskosten von potenziell neugebauten Kohlekraftwerken "erheblich angestiegen". Im Mittel liegen die Stromgestehungskosten für Windenergieanlagen darunter - das bedeutet, die Stromgewinnung durch Windenergie ist letztlich günstiger.

Zwar bedeutet ein Ausbau der Windenergie zunächst notwendige Investitionen. Die Bedingungen dafür seien in vielen Ländern aber "hervorragend, da die Einhaltung der Klimaziele deutlich an Priorität gewonnen hat", so heißt es in der Studie des Fraunhofer Instituts. Investitionen in fossile Energieträger würden sich hingegen nicht mehr rechnen.


Steigen durch den Umstieg auf Windenergie die Strompreise?

Ökostrom sei "vom Preis her auf jeden Fall konkurrenzfähig, wenn nicht sogar günstiger", sagt Fabian Fehrenbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Trotzdem sei eine Antwort auf die Frage kompliziert.

Insgesamt spricht Fehrenbach von einem "relativen Preischaos am Energiemarkt". Dabei hält er grundsätzlich fest, dass Angebot und Nachfrage auch beim Strompreis zusammenhängen. "Je mehr grüner Strom ins Netz kommt, desto günstiger wird es."

Besonders beeinflusst wird der Strompreis allerdings auch durch staatliche Abgaben: Steuern und Umlagen machen mehr als 50 Prozent des Preises aus, erklärt Fehrenbach. Das seien variable Faktoren.

Wie sich der Preis, der bei Verbraucherinnen und Verbrauchern ankommt, entwickeln wird, sei demnach schwer vorherzusagen, so der Referent für Energierecht. Insgesamt kann der Strom durchaus teurer werden - allerdings würde die Bundesregierung bei zu extremen Preiserhöhungen gegensteuern, da sie allgemein am Ausbau Erneuerbarer Energien interessiert sei, vermutet Fehrenbach.

Kompliziert wird es in Kombination mit der EEG-Umlage. Seit dem 1. Juli darf sie keinen Einfluss mehr auf die Stromrechnung nehmen. In erster Konsequenz würde das bedeuten, dass der Strompreis sinkt. Denn der entsprechende Gesetzesentwurf legt fest, dass der Wegfall der EEG-Umlage vollständig an die Endverbraucherinnen und -verbraucher weitergegeben werden soll.

Allerdings: "Wir haben da unsere Zweifel, dass das passiert", sagt der Energiereferent der Verbraucherzentrale. Denn die Preisentwicklung einzelner Stromanbieter ließe sich aus Gründen des Betriebsgeheimnisses kaum nachvollziehen - ebenso wenig also, ob sie den Wegfall der EEG-Umlage tatsächlich weitergeben oder ob sie kurze Zeit später doch wieder die Strompreise erhöhen.

Verbraucherinnen und Verbrauchern rät der Experte, regelmäßig die Preise der Anbieter über Vergleichsportale im Blick zu behalten und bei günstigeren Angeboten zu wechseln. Denn es gebe durchaus zertifizierte Ökostromanbieter, die günstiger sind als Strom aus konventioneller Energiegewinnung.


Windräder sind laut und ihr Schattenwurf macht krank?

Innerhalb der Debatte um Windenergie kommt immer wieder das Thema des sogenannten Infraschalls auf. Bürgerinnen und Bürger hätten häufig die Sorge, dass dieser gesundheitsschädlich sei, heißt es von der Fachagentur Windenergie an Land. Doch diese Sorge könne beruhigt werden: Denn der Infraschall bewege sich "weit unterhalb der menschlichen Wahrnehmbarkeitsgrenze".

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz zählt zum Vergleich beispielhaft sogar einige weitere Infraschall-Quellen auf: Wind, Gewitter oder auch Straßenverkehr, Klimaanlagen und Kühlschränke. Der Infraschall werde meist von anderen Geräuschen überdeckt.

Das bestätigt auch eine Auswertung des Umweltbundesamtes. Vor allem verglichen mit anderen, auch natürlichen, Infraschall-Quellen seien die gesundheitlichen Auswirkungen von Windkraftanlagen "sehr gering", so das Ergebnis.

Einige Jahre zuvor hatte eine psychologische Studie der Universität Kiel von 1999 außerdem die Problematik des Schattenwurfs von Windkraftanlagen aufgeworfen. Die Untersuchung habe gezeigt, dass der Schatten, der durch das periodische Rotieren der Rotorblätter zum Beispiel durch Fenster von Anwohnerinnen und Anwohnern geworfen wird, ab einer bestimmten Zeitdauer die Lebensqualität und Gesundheit beeinträchtigen kann.

Um dem entgegenzuwirken, spricht der Bundesverband Windenergie von Lösungsansätzen wie Lacken, die nicht mehr reflektieren oder vom sensorgestützten Abschalten der Windkraftanlagen, sobald eine Anlage mehr als 30 Minuten pro Tag oder 30 Stunden pro Jahr Schattenwurf für Anwohnerinnen und Anwohner auslöst.

Laut Umweltbundesamt entwickeln sich Windkraftanlagen insgesamt so, dass sie nicht nur leistungsfähiger werden, sondern auch weniger Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Für viele Probleme seien bereits technische Lösungen gefunden worden. Auch der Schattenwurf sei zum Beispiel in den vergangenen Jahren "durch technisch-bauliche Maßnahmen reduziert beziehungsweise vollständig beseitigt" worden, klärt das Umweltbundesamt auf.

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