Ein Kind balanciert und wird von einer erwachsenen Person gestützt (Foto: picture alliance / dpa | Marcel Kusch)

Motorische Defizite bei Kindern nehmen zu

Kasia Hummel   27.05.2022 | 08:53 Uhr

In den vergangenen zehn Jahren haben sich die motorischen Fähigkeiten von Kindern deutlich verschlechtert, sagt Kinderarzt Bendedikt Brixius. Sie können nicht mehr so gut hüpfen, springen und turnen, wie die Kinder früher. Gründe dafür sieht Brixius unter anderem im Bewegungsmangel, die Pandemie habe die Lage zusätzlich noch verschärft.

Zu Fuß zum Kindergarten oder zur Schule, danach auf den Spielplatz oder in den Sportverein. Was früher alltäglich war, entspricht immer weniger der heutigen Realität - und war teilweise unter Corona auch gar nicht möglich.

Eine Folge dieser Entwicklung: Die motorischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen werden mangels Bewegung zunehmend schlechter. „Wir sehen das insbesondere in den Vorsorgeuntersuchungen“, so Benedikt Brixius, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte im Saarland.

Vor allem bei Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren falle vermehrt auf, dass es Defizite gebe. So hätten Kinder Schwierigkeiten damit, auf einem Bein zu stehen oder auf einem Bein zu hüpfen. Diese Entwicklung zeige sich seit rund zehn Jahren und habe sich unter Corona nochmal ganz klar verschärft.

Vielfältige Gründe

Die Gründe sind nach Ansicht des Mediziners vielfältig. „Immer mehr Eltern fahren ihre Kinder zum Beispiel morgens zur Schule.“ Dass Kinder zu Fuß gingen, sei eher eine Ausnahme, so Brixius.

Es gebe zwar heute im Vergleich zu früher mehr Straßenverkehr und dementsprechend mehr Gefahren für die Kinder, sodass Eltern durchaus berechtigt Angst haben, die Kinder alleine gehen zu lassen, so Brixius. Kinder könnten aber auch durchaus in Gruppen gehen. In vielen Fällen sei es eher ein Problem des „Overprotecting“, also der überbesorgten Grundhaltung der Eltern.

Zudem habe in den vergangenen Jahren der Medienkonsum zugenommen, so Brixius. Zeit, die Kinder früher auf Spiel- oder Bolzplätzen verbracht haben, wird heute vermehrt zur Bildschirmzeit.

Verschärfung unter Corona

Verschärft hat sich das Problem nach Einschätzung von Brixius unter Corona: „Spielplätze waren gesperrt, Bolzplätze durften nicht benutzt werden, Sportveranstaltungen wurden abgesagt.“ Durch Homeschooling seien die Kinder zudem noch mehr in die Medien getrieben worden.

So besorgniserregend die Entwicklung scheint, so optimistisch ist der Kinderarzt, dass die Defizite durchaus aufgeholt werden können. Einen möglichen Lösungsansatz sieht der Mediziner in der Politik. So wäre es zum Beispiel möglich, dass die Landesregierung eine dritte Sportstunde einführt und damit dem Schulsport eine angemessene Bedeutung zumisst.

Eltern in der Pflicht

Nach Ansicht von Brixius sind aber vor allem die Eltern gefragt. Nur sie haben Einfluss darauf, wie der Weg zur Schule oder zum Kindergarten gestaltet wird oder was die Kinder zum Geburtstag bekommen – ein Laptop oder ein neues Fahrrad?

Kinder könnten sich außerdem wieder in Sportvereinen einbringen. Und schließlich sollte die Vorbildfunktion nicht unterschätzt werden. „Eltern, die Coach-Potatoes sind, werden keine Motivation für die Kinder sein.“

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 27.05.2022 berichtet.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja