Markus Hewer, Saarlands letzter Grubenchef (Foto: Sarah Sassou/SR)

Der letzte Grubenchef des Saarlandes

Sarah Sassou   28.06.2022 | 06:53 Uhr

Zehn Jahre ist es her, dass das Saarland sich vom Steinkohleabbau verabschiedet hat. Damit gab es für die meisten Bergleute keine Möglichkeit mehr, in ihrem Beruf unter Tage zu arbeiten. Markus Hewer ist da eine Ausnahme. Er ist sozusagen der letzte Bergwerksdirektor im Saarland.

Das Zufahrtstor zur Kalkgrube Auersmacher bei Saarbrücken steht offen. Der Bergmannsgruß „Glück auf“ ist in den rechten Metallflügel gestanzt. Tatsächlich ist die Grube der letzte Ort im Saarland, an dem noch abgebaut wird. Zumindest gelegentlich, erzählt Betriebsleiter Markus Hewer.

„Wir gehören zu Saarstahl und sind dafür da, im Notfall, wenn die eigentlichen Zulieferer keine Kalksteine liefern können, einzuspringen.“ Der Kalkstein wird bei der Stahlherstellung im Hochofen gebraucht. Innerhalb von drei Stunden könne das Team in Auersmacher Kalksteine aus der Grube fördern, die dann mit Lkw nach Dillingen gebracht würden, erklärt Hewer.

Das letzte saarländische Bergwerk in Auersmacher
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 28.06.2022, Länge: 01:37 Min.]
Das letzte saarländische Bergwerk in Auersmacher

Seit 2017 Chef des Kalkbergwerks

Markus Hewer sitzt in neongelber Arbeitsmontur im Besprechungsraum im Verwaltungsgebäude des Kalkbergwerks. 24 Mitarbeiter hat er unter sich, viele davon ehemalige Bergleute, die schon lange vor ihm hierher gewechselt sind. In den sicheren Job eben. Hewer selbst kam zunächst in die Grubenwehr des Kalkbergwerks. Seit 2017 ist er der Chef hier, einer mit einem ziemlich langen Lebenslauf. Und den hat er mit allen Daten im Kopf.

Schild "Glück auf" an der Kalksteingrube Auersmacher (Foto: Sarah Sassou/SR)

Hewer ist groß und kräftig und ein Mann der Tat. Wenn er eins in seinem Berufsleben gelernt hat, dann dass man flexibel sein und sich den Gegebenheiten anpassen muss. Nach der Schule suchte er sich einen Ausbildungsplatz bei Saarberg.

"Ich wollte auf die Grube, weil das damals noch ein sicherer Arbeitsplatz war", erzählt er lachend. Nach der Ausbildung durfte Hewer dann zunächst aber nicht unter Tage arbeiten, weil er noch nicht volljährig war. Im Ausbildungswerk Velsen bei Völklingen bereitete er sich auf seinen Einsatz vor.

Stellenabbau in den 90ern

Weil er sich so für die technische Weiterentwicklung interessierte, forderte ihn sein damaliger Personalchef auf, sich für die Ingenieursschule zu bewerben. "1996 schloss ich das Studium ab. Dann kamen noch zwei drei Jahrgänge nach mir und dann wurde die Schule geschlossen", erzählt Hewer. Denn schon damals wurden Stellen im Bergbau reduziert und auch Gruben geschlossen.

Der Job als Bergmann habe ihm immer sehr viel Spaß gemacht, erklärt Hewer. Aber er wollte lieber auf Nummer sicher gehen und habe dann in den Bereich Bildung und Weiterbildung bei der RAG gewechselt.

Denn nach wie vor bildete der Betreiber der saarländischen Steinkohlegruben aus – zwar keine Bergleute mehr, aber Handwerker für den freien Markt. Außerdem wurden Bergleute so weitergebildet, dass sie auch außerhalb des Steinkohleabbaus einen Job finden konnten.

2008: Verkündung des Kohleausstiegs

Als schließlich 2008 der damalige Ministerpräsident des Saarlandes, Peter Müller den kompletten Ausstieg aus der Steinkohle verkündete, war Markus Hewer vorbereitet. Trotzdem schockte ihn die Nachricht. „Man ist ja mit Herzblut bei der Sache dabei.“

Beruflich kümmerte er sich mittlerweile um Bergleute, die umschulten. Er erinnert sich an einen Kollegen, der unter Tage besonders kräftig zupacken konnte und dann Krankenpfleger lernte. Zu Hewers Erstaunen sei er in dem neuen Beruf richtig gut angekommen. Hewer selbst bildete sich zum Sicherheitsingenieur weiter. Denn seinem Motto „immer über den Tellerrand schauen“ blieb er treu.

Der Abschiedsfeier blieb er fern

Als dann der letzte Tag der Steinkohle, der 30. Juni 2012, gekommen war, ging Markus Hewer nicht zu den Feierlichkeiten im Bergwerk Saar in Ensdorf. Er habe es einfach nicht gekonnt, erklärt er. „Ich hätte dann die Kameraden getroffen und das war mir zu viel. Es ist ja nicht schlimm, wenn man weinen muss, aber…“

Er habe sich abgelenkt und zuhause gewerkelt. Erst Tage später habe er sich die Bilder von der Abschiedszeremonie auf der Grube Duhamel in Ensdorf im Fernsehen angesehen. „Und dann bin ich auch noch mal alle meine alten Einsatzorte abgefahren, Hirschbach, Velsen, Jägersfreude, um zu sehen, wie es dort jetzt aussieht.“

Eingang Kalksteingrube Auersmacher (Foto: Sarah Sassou/SR)
Eingang Kalksteingrube Auersmacher

Neue Chance auf Arbeit unter Tage

2012, im Jahr des Bergbauendes gelang es Hewer, zurück in die Grube zu kommen. Er erfuhr, dass Saarstahl einen Bergbauingenieur für Auersmacher suchte.  Die Chance, nach Ende des Steinkohlebergbaus im Saarland zumindest gelegentlich wieder unter Tage zu kommen, habe er sich nicht entgehen lassen wollen.

Hewer geht durchs Treppenhaus und verlässt das Verwaltungsgebäude. In einer Halle nebenan stehen mehrere Kleinbusse und Transporter, eingehüllt von weißem Schlamm und Staub. Damit fahren die Bergleute in die Kalkgrube. „Der Abbau läuft hier anders. Wir fahren nicht in die Teufe, also nach unten, sondern in den Berg rein. Hier muss auch nichts gestützt werden. Und unter bewohntem Gebiet bauen wir auch nicht ab.“

"Einmal Bergbau, immer Bergbau"

Seit 2017 ist der Bergbauingenieur Leiter der Kalksteingrube. „Früher entsprach die Position der eines Bergwerkdirektors, aber so will ich es heute nicht nennen. Wir sind ein Kleinbetrieb, Betriebsleiter ist richtig“, gibt sich Hewer bescheiden.

Ihm ist nur eins wichtig: Dass er es geschafft hat, in seiner Heimat in seinem Traumberuf zu arbeiten und das auf einer sicheren Stelle. „Einmal Bergbau, immer Bergbau.“ Zumindest bis zum Jahr 2034 – dann geht Markus Hewer mit 67 in Rente.

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