Ein Pflaster klebt nach der Corona-Impfung in Essen auf dem Arm eines Mädchens, das ein Kuscheltier in den Händen hält.  (Foto: picture alliance/dpa | Mona Wenisch)

Zu wenig Studiendaten für Long Covid-Nachweis bei Kindern

Axel Wagner   26.12.2021 | 09:09 Uhr

Viele Eltern beschäftigt derzeit die Frage, ob sie ihre Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren impfen lassen sollen. Für eine allgemeine Impfempfehlung dieser Altersgruppe fehlt der Stiko derzeit die wissenschaftliche Basis. Denn Infektionen verlaufen hier meist sehr mild, und anders als bei Erwachsenen treten schwerwiegende, lang anhaltende Symptome nach einer Corona-Infektion nur sehr selten auf.

Für Erwachsene sowie für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren hat die Ständige Impfkommission (Stiko) eine allgemeine Empfehlung herausgegeben, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen. Mitarbeiter von Krankenhäusern und Pflegeheimen sind inzwischen sogar verpflichtet, bis 15. März 2022 einen Impf- oder Genesenennachweis zu erbringen.

Nur bei bestimmten Vorerkrankungen

Ganz anders sieht die Situation bei Kindern im Alter zwischen fünf und elf Jahren aus. Für diese Altersgruppe empfiehlt die Stiko zurzeit nur dann eine Impfung, wenn schwere Vorerkrankungen vorliegen, durch die das Risiko eines komplizierten Verlaufs einer Corona-Infektion erhöht ist.

Dazu zählen unter anderem massives Übergewicht, eine angeborene oder erworbene Störung des Immunsystems (Immundefizienz), bestimmte Herzfehler oder chronische Lungenerkrankungen. Eine genaue Auflistung hat das Robert-Koch-Institut in seiner Impfempfehlung veröffentlicht (PDF-Dokument).

Für eine generelle Impfempfehlung auch für Fünf- bis Elfjährige fehlt nach Einschätzung der Stiko zum jetzigen Zeitpunkt die wissenschaftliche Basis, insbesondere im Hinblick auf das Risiko sehr seltener, unerwünschter Nebenwirkungen. Das sieht auch Professor Arne Simon so. Er ist Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin sowie klinischer Infektiologe an der Homburger Uniklinik.

Langzeitfolgen wichtiger Aspekt für Impfempfehlung

Ein wichtiger Aspekt sind für Simon mögliche Langzeitfolgen einer Corona-Infektion. Beschwerden infolge einer Infektion, die mindestens vier Wochen nach einer Infektion bestehen, werden dabei als Long Covid bezeichnet. Bestehen die Beschwerden zwölf Wochen oder länger, spricht man von Post Covid. Während dieses Problem bei erwachsenen Infizierten häufig auftritt, seien die verfügbaren Daten für Kinder bislang unvollständig, so der Facharzt.

Häufig auftretende, lang anhaltende Symptome nach einer Corona-Infektion, durch die ein Kind im Alltag deutlich beeinträchtigt wird, wären aber ein wesentliches Argument für eine allgemeine Impfempfehlung.

Nur selten schwere Verläufe bei Kindern

Hinzu kommt, dass die Coronainfektion bei jüngeren Kindern häufig ohne Symptome oder nur sehr mild verläuft. Das bestätigt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) in der Begründung zu seiner aktuellen Entscheidung. „Kinder sind deutlich weniger häufig von schweren Krankheitsverläufen von Covid-19 betroffen als Erwachsene“, heißt es dort.

Zwar wird immer wieder von möglichen Folgen einer Infektion auch bei Kindern berichtet, etwa einer Konzentrationsschwäche (englisch „brain fog“), schnelle Ermüdbarkeit, Kurzatmigkeit oder aber auch Depressionen und Angstzustände.

„In unserem kinderärztlichen Netzwerk wurde von entsprechenden Einzelfällen berichtet“, bestätigte Simon im SR-Interview. Der direkte Zusammenhang zur Infektion lässt sich aber mit den bislang vorliegenden Studien, auf die auch das RKI und die Stiko verweisen, nicht eindeutig belegen.

Studien mit methodischen Schwächen

Das liegt nach Einschätzung Simons an den teils erheblichen methodischen Schwächen der bislang vorliegenden Studien. „Studien, in denen es keine Kontrollgruppe ohne durchgemachte SARS-Cov-2-Infektion gibt, sind problematisch, weil die entsprechenden Symptome auch bei Kindern ohne eine Infektion in der Vorgeschichte beobachtet werden“, so Simon.

Die Häufigkeit entsprechender Symptome in den Kontrollgruppen ist zum Teil erstaunlich hoch. Das erschwert eine Zuordnung von bleibenden Krankheitssymptomen zu einer vorausgegangenen Corona-Infektion. Die meisten Studien stützen sich auf die Selbsteinschätzung von Jugendlichen oder – bei jüngeren Kindern – auf die ihrer Eltern und nicht auf einen ärztlichen Untersuchungsbefund.

Symptome auch durch andere Faktoren

Simon verweist auch darauf, dass Maßnahmen wie Schulschließungen, Distanzunterricht und Kontaktbeschränkungen, aber auch die Angst um die Angehörigen oder die eigene Zukunft bei den registrierten Symptomen eine Rolle spielen.

Aus einigen Studienergebnissen lasse sich eine statistisch erhöhte Wahrscheinlichkeit von lange andauernden Symptomen bei Kindern und Jugendlichen nach einer Corona-Infektion ableiten. Der tatsächliche Anteil aller infizierten Kinder mit solchen Problemen sei jedoch bisher unbekannt, und in den meisten Studien zeige sich im Verlauf eine deutliche Besserung.

Long Covid-Anteil unter zehn Prozent

„Es besteht kein Zweifel daran, dass es Kinder gibt, die nach einer Coronainfektion lange persistierende Symptome haben“, so Simon. „Aber es sind insgesamt sehr wenige.“ Der Facharzt geht von einem Anteil von weniger als zehn Prozent aus, „deutlich unter fünf Prozent im Hinblick auf eine gravierende Beeinträchtigung im Alltag“.

Ob eine Impfung bei Kindern das Risiko lang anhaltender Symptome nach einer Infektion sicher verhindert, sei unbekannt, so Simon. Daher sei diese Thematik auch kein Grund für Eltern, sich im Hinblick auf eine schnelle Impfung ihrer ansonsten gesunden Kinder unter Druck zu fühlen. Für eine generelle Impfempfehlung für die Altersgruppe der Fünf- bis Elfjährigen gebe es noch zu wenig Sicherheitsdaten. Diese erwartet Simon in etwa zwei bis drei Monaten aus Israel und den USA.

Kein Druck für Eltern

Dass hier ein Abwarten gerechtfertigt ist, zeigt sich nach Einschätzung Simons bei der Altersgruppe der Zwölf- bis 17-Jährigen. Hier kommt es bei 100 von einer Million Fällen (1:10.000) nach der Zweitimpfungen bei Jungs zu einer Entzündung des Herzmuskels, die glücklicherweise sehr milde verläuft und rasch ausheilt.

In der Zulassungsstudie für diese Altersgruppe sei diese unerwünschte Wirkung nicht vorgekommen, so Simon. Seit dem 16. August empfiehlt die Stiko die Impfung für alle Zwölf- bis 17-Jährigen.

Für Eltern eines Kindes im Alter zwischen fünf und elf Jahren besteht also derzeit kein unmittelbarer medizinischer Anlass zur Impfung, sofern keine Vorerkrankungen gemäß der Stiko-Empfehlung vorliegen und sofern das Kind keinen engen Kontakt zu Menschen mit schweren Vorerkrankungen hat, die nicht selbst geimpft werden können oder die wahrscheinlich schlecht auf die Impfung ansprechen.

Eltern, die ihr gesundes Kind dennoch impfen lassen möchten, können das tun, sollten dies vorher aber mit ihrem Kinderarzt besprechen.

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja