Blick in das automatisierte Medikamentenlager einer Apotheke (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Jan Woitas)

Lieferprobleme bei nicht ersetzbaren Medikamenten

Mit Informationen von Nelly Thelen   29.08.2022 | 19:46 Uhr

Lieferengpässe bei Medikamenten sind nicht überraschend – und in den meisten Fällen auch kein Problem, da Ersatz zur Verfügung steht. Schwierig wird es aber dann, wenn es bei seltenen, unersetzlichen Basismedikamenten Lieferengpässe gibt, etwa bei Krebsmedikamenten.

Onkologe Dr. Georg Jacobs aus Saarbrücken macht sich Sorgen. Immer wieder kommt es zu Lieferstopps bei Medikamenten. Bei Ibuprofen etwa ist das nicht weiter schlimm, weil diese leicht ersetzbar sind.

Video [aktueller bericht, 29.08.2022, Länge: 3:49 Min.]
Immer wieder Lieferengpässe bei seltenen Medikamenten

Keine einwandfreie Therapie möglich

Anders sieht es da beim Krebsmedikament Fluorouracil 5 aus. Es sei ein unersetzliches Basismedikament für komplexe und moderne Therapien von Magen-, Dickdarm-, Enddarm- und anderen Krebserkrankungen, so Jacobs. „Meine größte Sorge wäre, dass Patienten eine sinnvolle und letztlich leidensbegrenzende, lebensverlängernde, am Ende auch heilende Therapie nicht nur nicht zeitnah, sondern unterbrochen und damit nicht wirkend bekommen.“

Kurzfristig hatte Jacobs gehört, dass es einen Lieferstopp bei Fluorouracil 5 gibt. Der Wirkstoff, etwa aus Indien oder China, werde hier in Deutschland von Herstellern konfektioniert. Es seien Lieferketten, die just in time funktionierten, also den Wirkstoff nicht lagern.

Stundenlange Telefonate

Hier sei eine Charge wegen der hohen Qualitätsstandards ausgefallen, so Jacobs. „Es waren am Ende 20 oder 30 Stunden Telefonate quer durch die Republik, und man hat sich quasi aus vielerlei Töpfen immer wieder eine kleine Portion zusammenbetteln können.“ Parallel dazu habe es Bemühungen gegeben, die Medikamente aus dem europäischen Ausland zu importieren.

Dabei seien bestimmte Regularien ausgesetzt worden. Denn wenn die Medikamente nicht direkt an den Patienten und stattdessen an die liefernde Apotheke gehen, braucht es keine deutsche Packungsbeilage.

Alle haben dabei zusammengearbeitet: das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Apotheker, Ärzte. „Ich kann sagen: Das Problem ist jetzt vielleicht für die nächsten drei Wochen dadurch gelöst“, sagt Jacobs. „Uns wurden natürlich auch Nachlieferungen fest zugesagt und versprochen. Aber es ist ein sehr unangenehmes Gefühl.“

Immer wieder Engpässe

Für Apotheker ist das kein Einzelfall. Immer wieder gibt es solche Lieferengpässe, und das eben nicht nur bei Medikamenten, die ersetzt werden können. „Tatsächlich sind wir mittlerweile in der Situation, wo es wirklich mal passieren kann, dass für einen schwerkranken Menschen ein Medikament nicht zur Verfügung steht“, sagt Kerstin Seyffardt, Vorstandsmitglied der Apothekerkammer des Saarlandes.

Lieferengpässe bei nicht ersetzbaren Medikamenten
Audio [SR 3, (c) SR, 30.08.2022, Länge: 03:07 Min.]
Lieferengpässe bei nicht ersetzbaren Medikamenten

Seyffardt ist gleichzeitig auch Leiterin der Krankenhausapotheke der SHG-Kliniken. Sie verweist auch auf Lieferprobleme bei Röntgenkontrastmittel und Medikamenten aus der Notfallmedizin.

Für die Lieferengpässe gebe es verschiedene Gründe, so Seyffardt. Gebündelt liege es aber am Preismoratorium. „Das bedeutet, dass die Medikamente immer günstiger werden sollen hier in Deutschland, und dafür, dass Arzneimittel im Ausland einen teureren Preis erzielen, ist es für viele Hersteller nicht mehr so attraktiv, in Deutschland zu produzieren. Das hat dazu geführt, dass sich die Vielfalt der Hersteller eingeschränkt hat.“

Kürzere Lieferzeiten und Kapazitäten nötig

Wenn bei einem Hersteller etwas passiere, wie bei Fluorouracil 5, habe man direkt ein Problem, so Onkologe Georg Jacobs. In diesem Fall konnte das Problem gelöst werden. Aber: „Im Grunde hat es mir nur gezeigt, wie dünn die Schnur ist, an der alles hängt.“

Letztlich fürchte man, so Jacobs, „dass in drei Monaten die nächste Substanz nicht lieferbar sein wird“. „Und in der Onkologie ist es eben oft so, dass die meisten Substanzen nicht einfach durch andere ersetzt werden können.“

Jacobs wünscht sich stabilere und kürzere Lieferketten und mehr Kapazitäten vor Ort – auch wenn das mehr kostet.

Über dieses Thema hat auch der „aktuelle bericht“ vom 29.08.2022 berichtet.

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