Fußgängerzone mit Menschen und einem verlorenen Mund-Nasen-Schutz im Vordergrund. (Foto: picture alliance/dpa | Frank Rumpenhorst)

"Die Situation ist außer Kontrolle"

Interview: Simin Sadhegi / Onlinefassung: Thomas Braun   25.11.2021 | 12:27 Uhr

Erstmals seit elf Wochen liegt die Corona-Inzidenz im Saarland über dem Bundesschnitt. Um die Entwicklung wieder einzufangen, braucht es aus Sicht des Corona-Experten Professor Thorsten Lehr deutlich schärfere Maßnahmen - auch für Geimpfte.

Am Donnerstag meldete das Robert-Koch-Institut eine Inzidenz von 427,4 für das Saarland - und damit mehr als im bundesweiten Schnitt von 419,7. Vor einer Woche lag der Saarlandwert noch bei 251,9.

Bundesweit wurden seit Beginn der Pandemie mittlerweile 100.000 Todesfälle in Zusammenhang mit einer Coronainfektion erfasst - alleine am Donnerstag kamen 351 neue dazu. Und die Zahlen werden in den kommenden Tagen täglich um mehrere hundert Fälle steigen.

Impfquote ist zu niedrig

"Es ist unnötig, was da gerade passiert", sagte Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Saar-Uni, im SR-Interview. Das gesellschaftliche Leben könnte eigentlich weitgehend normal laufen. "Dafür reicht die Impfquote aber nicht aus."

Im Saarland hat die Zahl der Erst-Impfungen und vor allem auch Booster-Impfungen zuletzt zwar deutlich angezogen - alleine seit Montag wurden 4000 Menschen im Saarland erstmals geimpft. Aber gerade die Zahl der vollständigen Impfungen liegt immer noch unter 75 Prozent.

"Wir müssen die Notbremse ziehen - für alle"

"Was an 2G-Maßnahmen verabschiedet wurde, reicht nicht."
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi / Thorsten Lehr, 25.11.2021, Länge: 04:32 Min.]
"Was an 2G-Maßnahmen verabschiedet wurde, reicht nicht."

Aus Sicht von Lehr ist die Situation aktuell außer Kontrolle. Die Zahlen im Saarland könnten demnächst zwar etwas sinken. "Das kann dann aber eher daran liegen, dass die Testkapazitäten erschöpft sind oder dass die Gesundheitsämter überhaupt nicht mehr hinterherkommen mit dem Melden", so Lehr.

An der Entwicklung werde sich zeitnah wohl nichts ändern. "Was jetzt an 2G-Maßnahmen verabschiedet wurde, wird nicht ausreichen", sagte Lehr. "Ich sehe im Moment keine Chance, wie wir aus diesem steilen Wachstum wieder herauskommen. Das einzige, was da hilft, ist, dass wir einmal die Notbremse ziehen. Und zwar wirklich für alle. Es reicht nicht, das nur für Ungeimpfte zu machen." Aus Lehrs Sicht ist ein erneuter Lockdown nicht zu vermeiden.

Steigende Zahlen auf Intensivstationen erwartet

Denn auch in den Kliniken werde sich die Situation weiter zuspitzen. "Auf den Intensivstationen wird es nachlaufen. Die Fälle, die wir jetzt generieren, landen in ein, zwei Wochen auf der Intensivstation", so Lehr. Zudem sei das Kleeblatt-System aktiviert, über das die Verlegung von Patienten innerhalb bestimmter Regionen koordiniert wird. "Wir bekommen auch Patienten aus dem Umland ins Saarland."

Ministerpräsident Hans für schärfere Regelungen

Bereits am Mittwoch forderte Ministerpräsident Tobias Hans (CDU), die nächste Bund-Länder-Runde auf diese Woche vorzuziehen. "Wir müssen die drohende Überlastung des Gesundheitswesens mit aller Macht verhindern und dürfen nicht bis zum 9. Dezember warten", sagte Hans der dpa. "Wir müssen jetzt besprechen, wie wir uns neue Luft in dieser Phase der Pandemie verschaffen können - durch einheitlich strengere Maßnahmen mit klaren Regeln für Hotspots und einer massiven Entlastungsoffensive für das Gesundheitssystem."

Für kommenden Montag hat Hans eine Regierungserklärung im Saarland angekündigt. Ob dann schon strengere Maßnahmen fürs Saarland verkündet werden? Lehr, der zum Expertenrat der Landesregierung gehört, kann es nicht einschätzen. Schließlich sei er nicht der einzige Berater. Das "Team Vorsicht", zu dem er sich selbst zählt, habe in den letzten Wochen und Monaten aber eindrücklich vor der aktuellen Lage gewarnt. "Wir werden sehen, was die Konsequenzen daraus sind. Ich hoffe, es sind die richtigen", so Lehr.

Lehr: Auch über Impfpflicht muss gesprochen werden

Sollte es zu weiteren Einschränkungen und damit wieder mehr Kontrolle über das Infektionsgeschehen kommen, müsse die Zeit genutzt werden, um weiter zu impfen und zu boostern. Auch über das Thema Impfpflicht müsse sich dann nochmal verständigt werden, so Lehr.

Über dieses Thema berichteten die SR-Hörfunknachrichten am 25.11.2021.

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