Jobcenter (Foto: dpa)

Öffentliche Beschäftigung – Weg aus der Arbeitslosigkeit?

Daniel Weiland   30.11.2017 | 09:55 Uhr

Mehr als jeder dritte Arbeitslose im Saarland ist langzeitarbeitslos. Die Armutskonferenz fordert deshalb vom Staat finanzierte Jobs. Denn das derzeitige System sei für Arbeitssuchende demotivierend – und koste unterm Strich auch noch mehr. Insgesamt sind die Arbeitslosenzahlen im November weiter gesunken.

362 Bewerbungen. Diese Zahl nennt Jürgen Veit mehrfach im Verlauf des Gesprächs. Genau so viele Bewerbungen hat er in seiner Zeit als Arbeitsloser geschrieben, auf gerade einmal drei davon bekam er Antwort - drei Absagen. Auf 362 Bewerbungen. „Das ist Wahnsinn“, sagt Veit.

Veit ist stellvertretender Vorsitzender der saarländischen Armutskonferenz und arbeitet seit zwei Jahren als Jobcoach. Davor war er selbst fünf Jahre lang ohne Job, von 2010 bis 2015. Damit galt er offiziell als Langzeitarbeitsloser.

Fördermaßnahmen sollen helfen

Als langzeitarbeitslos bezeichnet die Bundesagentur für Arbeit Menschen, die ein Jahr und länger keine Arbeit haben. Im November 2017 zählten rund 11.900 Saarländer zu dieser Gruppe, mehr als jeder dritte Arbeitslose im Land.

Die Arbeitsmarktzahlen für November

Im Saarland ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen vier Wochen weiter gesunken. Wie die Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland mitteilte, waren im November insgesamt 32.600 Frauen und Männer arbeitslos. Das waren 700 oder 2,0 Prozent weniger als im Oktober 2017 und 1800 oder 5,2 Prozent weniger als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,3 Prozent. Vor einem Monat lag sie bei 6,4 Prozent und vor einem Jahr bei 6,7 Prozent.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen sinkt zwar, allerdings langsam. Heute sind es rund 1000 weniger als vor einem Jahr, rund 3200 weniger als vor zehn Jahren. Die Agentur zählt insbesondere Ältere und Menschen ohne Ausbildung zur Risikogruppe. „Für sie ist es deutlich schwieriger, wieder einen direkten Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu finden“, sagt Heidrun Schulz, Chefin der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit.

Geförderte Maßnahmen sollen dabei helfen. Ein Beispiel ist etwa das Programm Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt, bei dem der Arbeitgeber Geld vom Bund erhält, wenn er Langzeitarbeitslosen einen Job gibt. Im Saarland profitieren davon derzeit weit unter 1000 Menschen. „Ein Tröpfchen auf den heißen Stein“, sagt Veit angesichts der fast 12.000 langzeitarbeitslosen Saarländer.

„Es fehlt Empathie“

Ohnehin trage das System mit Schuld am hohen Anteil, ist Jürgen Veit überzeugt. Er geht mit den Jobcentern hart ins Gericht. „Da fehlt einfach Empathie“, sagt er. „Die Leute haben eine Ausbildung, zum Beispiel als Elektriker, und dann sollen sie sich auf Jobs bewerben, von denen sie keine Ahnung haben.“ Da sei schnell klar, dass sie kaum eine Chance auf Anstellung hätten.

Noch kleiner wird die, wenn auch die körperlichen Voraussetzungen nicht stimmen. Veit schildert einen seiner aktuellen Fälle aus einer Integrationsmaßnahme: Eine Person mit der Lungenkrankheit COPD: „Sie kriegt so gut wie keine Luft, sie hat Bandscheibenvorfälle, Blutdruck, Herz.“ Trotzdem sei die Person zu ihm geschickt worden. Zum Bewerbungen schreiben.

„So ein Quatsch“, sagt Veit. „Die stellt keiner mehr ein. Und selbst wenn die Person Arbeit findet, ist sie nach drei Wochen wieder krank. Wie soll das funktionieren?“ Wenn trotz Förderprogrammen und Maßnahmen kaum Chancen auf eine Anstellung bestehen, dann braucht es seiner Ansicht nach öffentliche Beschäftigung, also vom Staat finanzierte Arbeit.

Die sei am Ende sowieso günstiger, als immer und immer wieder teure Bewerbungs- und Integrationsmaßnahmen zu finanzieren und damit letztlich nur schönzurechnen. Denn wer in einer Maßnahme steckt, fällt aus der Statistik. „Man gibt keine echte Hilfe, man schiebt die Leute nur vor sich her“, sagt Veit. „Die sind dann natürlich demotiviert anstatt motiviert“, erinnert er sich auch an seine eigene Zeit ohne Arbeit zurück.

Seinen derzeitigen Job fand er nach fünf erfolglosen Jahren und 362 Bewerbungen übrigens doch mit Hilfe des Jobcenters. Das hatte ihn auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht. Veit sagt: „Zufall.“

Über das Thema Armut berichtet der SR am 30. November auch in vielen seiner Hörfunk- und Fernsehsendungen.

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