Bei einer Tafel werden haltbare Lebensmittel in roten Plastiktüten übergeben. (Foto: picture alliance/dpa | Daniel Karmann)

Die Lage bei den Tafeln spitzt sich zu

Thomas Braun   07.04.2022 | 09:40 Uhr

Steigende Nachfrage, zugleich weniger verfügbare Waren: Die Lage bei den Tafeln bundesweit und auch im Saarland spitzt sich immer mehr zu. Sie rufen zu Geld- und Lebensmittelspenden auf, fordern aber auch die Politik zum Handeln auf.

"Die Tafeln sind aktuell so sehr gefordert wie nie zuvor", sagte Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbands der Tafeln vor wenigen Tagen. Steigende Preise und der Krieg in der Ukraine bescheren den Tafeln aktuell immer mehr Zulauf. Auf der anderen Seite sind die Lager teilweise leer.

Homburg stellt auf wöchentliche Abholung um

In Homburg zum Beispiel musste die Tafel schon reagieren und gibt künftig nur noch einmal pro Woche Lebensmittel ab. "Nur so können wir sicherstellen, dass die Abholenden ausreichend Ware bekommen", sagt Stephanie Wellner vom Tafel-Büro.

Die Lage in Homburg ist kein Einzelfall, wie die Vorsitzende der Tafeln in Rheinland-Pfalz und im Saarland, Sabine Altmeyer-Baumann, auf SR-Anfrage erklärt. Die aktuelle Entwicklung treffe nahezu alle Tafeln im Land.

Steigende Nachfrage in mehreren Wellen seit Dezember

Die Zahl der Kunden steige bereits seit Dezember. Im Februar sei dann eine weitere Welle wegen der stark gestiegenen Energiepreise hinzukommen, seit Mitte März dann zusätzlich die Familien, die vor dem Krieg in der Ukraine geflüchtet seien.

"Das alles trifft auf eine verknappte Situation bei der Verfügbarkeit von Lebensmitteln", so Altmeyer-Baumann - was die aktuelle Lage etwa gegenüber der starken Flüchtlingsbewegung 2015 noch einmal zusätzlich verschärft. Aktuell musste etwa eine Spendentütenaktion mit einer Einzelhandelskette verschoben werden, weil die Supermärkte nicht genug Waren hatten.

Homburger Tafel bekommt zu wenig Spenden
Audio [SR 3, Nadine Thielen, 06.04.2022, Länge: 04:45 Min.]
Homburger Tafel bekommt zu wenig Spenden

Weniger Überschuss in den Supermärkten

Generell spüren die Tafeln die Verknappung aber schon seit mehreren Monaten. Altmeyer-Baumann führt das darauf zurück, dass der Handel zunehmend darauf achtet, genauer zu kalkulieren und weniger Lebensmittel zu verschwenden. Dadurch entstünden weniger Überschüsse, von denen zuvor die Tafeln profitierten. Der eigentlich gute Ansatz der Lebensmittelrettung werde hier zum Problem für die Versorgung der Tafeln.

Ähnlich äußerte sich auch die Geschäftsführerin der Diakonie im Saarland, Anne Fennel, die unter anderem die Völklinger Tafel betreut. "Wir sehen es grundsätzlich als Erfolg, wenn die Supermärkte besser kalkulieren, dass nicht so viele Lebensmittel übrigbleiben", sagte Fennel.

Der Lebensmittelverschwendung entgegen zu wirken, sei ja auch ein Ziel der Tafeln. Die steigenden Kundenzahlen der Tafeln machten aber deutlich, dass bei vielen Menschen das Geld zur Existenzsicherung nicht mehr reiche. Hier müsse die Politik gegensteuern.

Viele Neuzugänge alleine in der vergangenen Woche

Bei der Völklinger Tafel sind derzeit rund 300 Familien gemeldet, alleine am vergangenen Dienstag sind sechs neue hinzugekommen. In Illingen besuchen 75 Haushalte die Tafel, hier sind in den vergangenen Wochen 16 Personen hinzugekommen.

Ähnlich die Situation in Saarlouis. Dort ist die Zahl der angemeldeten Haushalte in der vergangenen Woche um 18 auf 220 Haushalte gewachsen. Auch in Dillingen und Lebach ist die Zahl deutlich gestiegen, teilte der zuständige Caritas-Verband Saar-Hochwald mit. Die Tafel in Wadern und die Ausgabe in Losheim betreuen mittlerweile 160 Haushalte - dort sind fünf wegen gestiegenen Preise und 15 wegen des Ukrainekriegs hinzugekommen. Insgesamt 80 Personen mehr.

Tafeln rechnen mit weiter steigender Nachfrage

Die Portionen pro Person mussten verkleinert werden, um noch alle Kunden bedienen zu können, sagte eine Sprecherin des Caritasverbandes. Und sie rechnet weiter mit einem starken Anstieg der Neuzugänge.

Auch die Landesvorsitzende der Tafeln, Altmeyer-Baumann, geht davon, dass sich die Lage so schnell nicht ändern wird, sondern eher noch verschärfen wird. "Durch die steigenden Preise rutschen zunehmend mehr Menschen in Armut. Dadurch wird auch die Nachfrage bei den Tafeln steigen."

Entlastungspaket der Bundesregierung reicht nicht aus

Sie fordert wie Fennel und auch der Bundesvorsitzender der Tafeln, Brühl, die Politik zum Handeln auf. Die im Entlastungspaket enthaltene Einmalzahlung für Menschen in Hartz IV und Altersgrundsicherung seien nicht ausreichend, um die finanzielle Belastung durch die Pandemie und die Preissteigerungen auszugleichen, sagte Brühl. "Wir fordern stattdessen 100 Euro Zuschuss pro Monat." Zudem müssten Regelsätze und Sozialleistungen angehoben werden.

Benötigte Spenden vor Ort erfragen

Aber auch die Bürgerinnen und Bürger vor Ort werden verstärkt zum Spenden aufgerufen. Am besten sei es, sich hierzu mit den Tafeln vor Ort in Verbindung zu setzen und anzufragen, was gerade am dringendsten benötigt wird, sagt Altmeyer-Baumann.

Gerade durch die ukrainischen Flüchtlinge habe man örtlich teilweise eine Sondersituation, dass viele Kinder unter den Bedürftigen sind. Dann könne es auch sein, dass etwa Windel oder Babynahrung benötigt würden.

Eine Übersicht mit Telefonnummern und Ansprechpartner der elf Tafeln im Saarland gibt es auf der Internetseite des Landesverbandes.

In Illingen und Völklingen nehmen die Tafeln aktuell - falls eine Geldspende nicht möglich ist - gerne haltbare Lebensmittel und Konserven entgegen. Zudem würden auch helfende Hände benötigt, weil derzeit viele Ehrenamtliche krankheitsbedingt ausfielen.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 06.04.2022 berichtet.

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