Auspuff eines Dieselfahrzeuges (Foto: picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte)

Verbrenner-Aus ein "industriepolitisches Desaster"

  09.06.2022 | 18:45 Uhr

Das Aus für den Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2035 ist durch einen Beschluss des EU-Parlaments ein gutes Stück näher gerückt. Während große Autohersteller die Entscheidung gelassen sehen oder gar begrüßen, befürchtet die saarländische Autobranche den Verlust vieler Arbeitsplätze.

In der EU sollen nach dem Willen des Parlaments ab dem Jahr 2035 keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr verkauft werden. Noch ist die Entscheidung zwar nicht endgültig - auch die EU-Mitgliedsstaaten müssen noch zustimmen - das Signal, aus welcher Richtung der Wind weht, ist aber eindeutig.

Autoregion: Festlegung auf E-Mobilität ein "Irrweg"

Aus der saarländischen Automobilbranche, in der vor allem viele Zulieferbetriebe heimisch sind, kommt scharfe Kritik. Armin Gehl vom Interessenverband Autoregion e.V. sprach von einem "industriepolitischen Desaster", das viele Arbeitsplätze in der Zulieferindustrie im Saarland und in der Großregion kosten werden. "Es ist unfassbar, mit welcher Leichtfertigkeit und Ignoranz die Parlamentarier gegen die Interessen der Menschen entscheiden, die sie gewählt haben", so Gehl weiter.

Er unterstütze zwar ausdrücklich das Ziel der Klimaneutralität - die einseitige Festlegung auf den batteriegetriebenen Elektromotor sei aber ein Irrweg, der "einzigartiges Technologie-Know-how" zerstöre.

Gehl plädiert für eine Technologieoffenheit - insbesondere auch dafür, dass E-Fuels ebenfalls als klimaneutrale Alternative in Betracht gezogen werden. E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe, die durch den Einsatz erneuerbarer Energien hergestellt werden und auch in Verbrennungsmotoren zum Einsatz kommen können.

IHK: Saar-Industrie in ihrem Kern getroffen

An dem Ausschluss der E-Fuels entzündet sich auch die Kritik der saarländischen Industrie- und Handelskammer. Der Beschluss des EU-Parlaments treffe die Saar-Industrie in ihrem Kern "und erhöht den Transformationsdruck hierzulande dramatisch", sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Frank Thomé. Mit mehr Technologieoffenheit hätte es die Saar-Wirtschaft aus Sicht der IHK leichter gehabt, den nötigen Strukturwandel zu bewältigen.

Autokonzerne reagieren gelassen

Eher gelassen haben hingegen die großen Autohersteller den Beschluss des EU-Parlaments reagiert. Es sei ein "ambitioniertes, aber erreichbares Ziel" formuliert worden, hieß es bei VW. Der Autohersteller Mercedes-Benz begrüßte das Votum der EU-Abgeordneten sogar. "Bis 2030 sind wir bereit, überall dort vollelektrisch zu werden, wo es die Marktbedingungen zulassen", sagte der Leiter des Bereichs Außenbeziehungen des Konzerns, Eckart von Klaeden.

Auch andere Autobauer wie Ford oder Volvo hatten den Verkaufsstopp von Verbrennerautos ab 2035 bereits zuvor öffentlich unterstützt. Viele Hersteller haben ihre eigene Strategie bereits voll auf die Elektromobilität ausgerichtet und werden wohl schon vor 2035 gar keine Verbrenner mehr herstellen.

Bratzel: "Man darf jetzt nicht überrascht sein"

Im Saarland, dessen Zulieferindustrie historisch gesehen stark auf Verbrennungsmotoren und Getriebe ausgerichtet war, müsse nun der Strukturwandel geschafft werden, sagt Autoexperte Stefan Bratzel, Professor an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch-Gladbach. Er betonte allerdings, dass man schon seit Jahren wisse, dass der Verbrennungsmotor keine Zukunft habe. "Man weiß, dass es kommt und man darf jetzt nicht überrascht sein, dass die Transformation noch schneller geht, als der ein oder andere gedacht hat", so Bratzel im SR-Interview.

Energieintensive E-Fuels in anderen Bereichen wichtig

Den Ruf nach E-Fuels aus der saarländischen Wirtschaft unterstützt Bratzel nicht. Sie seien zwar eine interessante Technologie - bei der Herstellung aber auch enorm energieintensiv. "Solange wir relativ wenig regenerativen Strom haben, sind die E-Fuels besser in anderen Anwendungsfeldern wie etwa im Flugzeugbereich aufgehoben", sagte Bratzel. Dort gebe es - anders als im Pkw-Bereich die Elektroautos - eben keine Alternative. "Dort können wir die knappen E-Fuels dann doch besser einsetzen."

Eine große Herausforderung ist aus Bratzel Sichts, die nötige Ladeinfrastruktur für Elektroautos zu schaffen. Letztlich sei aber auch das leistbar.

Über dieses Thema berichtete "Stand der Dinge" am 08.06.2022 auf SR 1.

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