Karin Mayer (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

"Es ist ein Warnschuss"

Karin Mayer   08.08.2020 | 11:33 Uhr

Wegen der Coronapandemie ist die Nachfrage beim Technologiekonzern ZF im ersten Halbjahr 2020 deutlich gesunken. Der Standort Saarbrücken soll trotzdem bis 2030 ausgelastet werden. Was zunächst nach Sicherheit klingt, ist tatsächlich aber nur eine Beruhigungspille für die Beschäftigten. Ein Kommentar von SR-Wirtschaftsredakteurin Karin Mayer.

Im ersten Moment ist es beruhigend: ZF Vorstandschef Wolf-Henning Scheider will den Standort Saarland auslasten. Über 2030 hinaus. Schließlich soll das zukunftsträchtige Hybrid-Getriebe in Saarbrücken gefertigt werden. Es gibt Milliardenaufträge ab 2022. Der Konzern hofft auf weitere Zuschläge von den Herstellern und auf gute Nachfrage.

Bei genauerer Betrachtung ist die Aussage des Vorstandschefs aber eher eine Beruhigungspille für die Beschäftigten am Standort. Tatsächlich könnten hinter den Kulissen längst andere Entscheidungen gefallen sein.

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Das Acht-Gang-Automat-Getriebe wird inzwischen an fünf Standorten weltweit gefertigt. Außer Greycourt in den USA, dem Zulieferer Punch bei Strasbourg gehört dazu auch der Standort Shanghai und ein neues Werk in Ungarn. Die Konkurrenz um die Milliardenaufträge ist also groß und vor allen Dingen billiger.

Der Standort Saarland hatte bisher Kostenvorteile, aber nur durch große Mengen. Über 2,5 Millionen Getriebe kamen in den letzten Jahren aus Saarbrücken. Vieles spricht dafür, dass Saarbrücken einen Teil der Produktion abgeben muss. Dadurch könnte der Kostenvorteil flöten gehen.

Personalabbau hat bereits begonnen

Das ist aber nicht der einzige Warnschuss, den man im Saarland hören sollte. Der Automarkt schrumpft und ZF erwartet, dass es keine schnelle Erholung gibt. Die Konsequenz in Vorstandsdeutsch: die Kapazitäten müssen angepasst werden. Übersetzt in einfachen Arbeitnehmerjargon: das kostet Jobs.

Wo? Das hat Personalvorstand Sabine Jaskula auch schon deutlich gemacht. Sie erwartet, dass die deutschen Standorte die Größe von vor der Krise nicht mehr erreichen. Klarer geht es eigentlich nicht.

Der Personalabbau hat schon begonnen: zwar ohne Kündigungen aber mit Altersteilzeit und Abfindungen. Das Signal an das Saarland ist dramatisch: Der wichtigste Arbeitgeber ZF setzt den Rotstift an und wird dauerhaft Jobs streichen.

Eine Kampfansage

Mehr als 9000 Beschäftigte hatte der Standort Saarbrücken in besten Zeiten, die sind offenbar Geschichte. Die Aussage des ZF Vorstandschefs zum Standort Saarland kann nämlich nur eines bedeuten: Die Werke sollen angepasst werden, an den Bedarf und an den Teil der Produktion des Hybrid-Getriebes, der ihnen noch zugeteilt wird. Und zwar bis über 2030 hinaus. Das ist Wunschdenken, denn erst mal wird über 2023 bis 2025 verhandelt.

Um die Jobs in Saarbrücken zu sichern, werden schon früher neue Produkte gebraucht, sagt der Saarbrücker Betriebsratsvorsitzende Mario Kläs und meint: um die vorhandenen Arbeitsplätze zu sichern. So wird aus beruhigenden Worten aus Friedrichshafen, eine Kampfansage. 

Sind die Arbeitsplätze bei ZF wirklich sicher?
Audio [SR 2, (c) SR, 08.08.2020, Länge: 02:47 Min.]
Sind die Arbeitsplätze bei ZF wirklich sicher?

Über dieses Thema hat auch die "Bilanz am Mittag" auf SR 2 KulturRadio am 08.08.2020 berichtet.

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