Stimmen SR 2, Michael Thieser (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

"Sie wollte, aber sie konnte nicht!"

Ein Kommentar von Michael Thieser   10.02.2020 | 15:23 Uhr

„Ich kann, ich will und ich werde!“ - Das hatte Annegret Kramp-Karrenbauer einst selbstbewusst verkündet. Das Ende heißt nun: Sie wollte, aber sie konnte nicht! Ein Kommentar von SR-Landespolitikchef Michael Thieser zu AKKs Rückzug von der Parteispitze.

Kommentar zum AKK-Rückzug: "Sie wollte, aber sie konnte nicht!"
Audio [SR 2, Michael Thieser, 10.02.2020, Länge: 02:36 Min.]
Kommentar zum AKK-Rückzug: "Sie wollte, aber sie konnte nicht!"

14 Monate nach der Wahl zur Bundesvorsitzenden der CDU wurde der Druck zu groß. Annegret Kramp-Karrenbauer schaffte es jedenfalls in der ganzen Zeit nicht, die Autorität zu entwickeln, die man braucht, um eine zerstrittene Partei zusammenzuhalten. Deshalb hat sie – folgerichtig – jetzt die Konsequenz gezogen und ihren Rückzug angekündigt.

Die CDU befindet sich in der wohl schwersten innerparteilichen Krise ihrer Geschichte! Selbst eine Spaltung scheint nicht mehr völlig ausgeschlossen. Dabei geht es nur vordergründig um die Frage, wer der oder die nächste Kanzlerkandidat/in wird. Der Tabubruch von Thüringen hat alles verändert! Das Kungeln mit der rechtsextremen AfD und die Annahme der Wahl zum Ministerpräsidenten durch einen Kandidaten, der von der CDU unterstützt wurde, haben für jedermann deutlich gemacht: Die CDU ist aus den Fugen geraten.

"CDU hat Kompass verloren"

Die Partei hat ein paar grundsätzliche Fragen zu klären. Zwar positionierte sich Annegret-Kramp-Karrenbauer in der vergangenen Woche klar gegen den Kurs der thüringischen Christdemokraten, aber dies ändert nichts an den internen Widersprüchen – und es war zu spät! Die CDU hat ihren inneren Kompass ein Stück weit verloren.

Nach 15 Jahren Angela Merkel ist die Partei auf der Suche nach sich selbst. Wie weltoffen und modern will sie sein, wie sieht ein bürgerlicher Konservatismus der Zukunft aus und wie hält sie es auf lange Sicht mit den politischen Rändern? Annegret Kramp-Karrenbauer hat in ihrer Amtszeit als Vorsitzende versucht, die gesamte Breite der CDU als Volkspartei abzubilden, doch genutzt hat es ihr nichts. Wer in Zeiten großer Veränderungen und vor dem Hintergrund parteiinterner Machtkämpfe versucht, es allen Recht zu machen, läuft Gefahr, am Ende zwischen allen Lagern verschlissen zu werden.

Kultureller Graben Ost-West

Hinzu kommen ihre kommunikativen Pannen zu Beginn, der verunglückte Faschingsauftritt vor einem Jahr und vieles andere mehr. Die Berliner Bühne hat ihre eigenen Gesetze; jeder Halbsatz wird dort auf die Goldwaage gelegt und auch dies hatte AKK lange Zeit unterschätzt. Wie es nun weitergeht? Verteidigungsministerin will Annegret Kramp-Karrenbauer bleiben. Ansonsten gilt: Wer immer ihre Nachfolge an der Spitze der CDU antritt, steht vor den gleichen Herausforderungen.

Deutschland hat sich nachhaltig verändert, es geht nicht mehr in erster Linie um rechts oder links, sondern um oben und unten. Die Spaltung der westlichen Welt entlang dieser Trennlinie, wird auch in Deutschland immer sichtbarer; hinzu kommt der kulturelle Graben zwischen Ost und West. Noch ist Deutschland eine stabile Demokratie, aber die Ereignisse von Thüringen haben gezeigt, dass dies nicht so bleiben muss!

Über dieses Thema berichtet der SR in allen Nachrichtenformaten in Fernsehen und Hörfunk am 10.02.2020.

Artikel mit anderen teilen


Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja