Yvonne Schleinhege (Foto: Pasquale d'Angiolillo)

"Alternativlos - aber auch ein Scheitern ist möglich"

Ein Kommentar von Yvonne Schleinhege   03.12.2022 | 11:39 Uhr

Es ist die größte Investitionsentscheidung in der Geschichte des Saarlandes. Saarstahl und Dillinger wollen 3,5 Milliarden Euro in den Umbau der Stahlindustrie hin zu „grünem“ Stahl investieren. Breits in fünf Jahren soll der CO2-ärmere Stahl produziert werden - und zwar 3,5 Millionen Tonnen, ein Großteil der heutigen Produktion. Die saarländische Stahlindustrie drückt also aufs Tempo und geht voran. Gut so, aber auch nicht ohne Risiko.

„Stahl hat Zukunft“ - die Beschäftigten der Stahlindustrie sind in den vergangenen Jahren dafür auf die Straße gegangen, mit ihrem „Walk of Steel“ sogar bis nach Brüssel gelaufen – teils untergehakt mit Management und Politik. Es besteht kein Zweifel, Stahl gehört zur saarländischen Identität. Das „Saarland hat ein Herz aus Stahl“ ist ein geflügeltes Wort.

Und natürlich gehört Stahl auch zum industriellen Selbstverständnis Deutschlands und auch Europas. Eine Zukunft ohne Stahl, ist damit doch undenkbar. Und genau deshalb war die Investitionsentscheidung der saarländischen Stahlindustrie, wie man so sagt, folgerichtig und alternativlos. Die Hochöfen in Dillingen haben keine Zukunft - in Europa produzierter Stahl muss künftig CO2-ärmer, grün sein.

Alles auf eine Karte

Und da ist es richtig, dass die Stahlindustrie im Saarland quasi „All-In“ geht, schneller und vielleicht auch konsequenter als andere Stahlkocher die Transformation schaffen will. Der Wettbewerb um die Fördergelder in Berlin und Brüssel läuft schließlich und ohne Milliarden-Zuschüssen geht es nicht, auch das haben Dillinger und Saarstahl unmissverständlich deutlich gemacht.

Dass auch die Landesregierung einspringt, wahrscheinlich eine halbe Milliarde Euro gibt, ist am Ende konsequent. Doch bei aller Folgerichtig- und Alternativlosigkeit, es ist absolut notwendig, wenn die Verantwortlichen von Risiko sprechen, die Herausforderungen klar und deutlich benennen.

Es braucht Abnehmer

Natürlich gibt es das finanzielle Risiko, CO2-ärmerer Stahl wird teurer, er braucht schlicht und einfach Abnehmer, die bereit sind, mehr zu zahlen. Dazu kommt: es werden Unmengen an grüner Energie gebraucht, in einem Land, das zu den Schlusslichtern in Punkto „Erneuerbare Energien“ gehört. Der Strom, den die Stahlindustrie künftig benötigen wird, entspricht dem, was das gesamte Saarland heute braucht.

Dazu muss die Wasserstoffproduktion aufgebaut werden, und zwar schnell. Die entsprechenden Projekte gibt es schon und jetzt eben auch einen Großabnehmer, doch damit ist noch nicht alles geschafft.

Auch Scheitern ist möglich

Die kommenden Jahre werden nicht nur für die Stahlindustrie ein gigantischer Kraftakt. Auch ein Scheitern ist möglich. Die Investitionsentscheidung allein ist nur da ein Startschuss. Aber sie steht eben auch dafür, dass Stahl Zukunft hat, oder besser nun haben kann, und zwar im Saarland 

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