Begrüßungsschild (Foto: Sebastian Knöbber)

"Aus Chef-Lockdownern werden Chef-Lockerer"

Thomas Gerber   26.02.2021 | 11:42 Uhr

Eigentlich wollten Bund und Länder erst am Mittwoch über ein Lockdown-Ausstiegsszenario beraten. Nun aber sind die die meisten Länder vorgeprescht. Obwohl die Zahlen wieder leicht steigen, werden Frisöre und Grundschulen, Garten- und Baumärkte, Einzelhandelsgeschäfte und Nagelstudios geöffnet. Doch die Lockerungen geschehen unvorbereitet, kommentiert SR-Reporter Thomas Gerber.

Es ist wie immer. Kurz vor dem Gipfel bei der Kanzlerin nimmt der Hühnerhaufen der Länderchefs Fahrt auf. Aktuell wird allerdings nicht nur gegackert, sondern jeder legt sein eigenes Corona-Ei und beschließt Maßnahmen für den eigenen Stall. Es entsteht eine Spirale der Lockerungen: Wenn du deinen Blumenladen öffnest, muss ich das auch, denn sonst kommt es zu Tulpen-Massentourismus.

Lockdown-light sorgt für Verwirrungen
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 26.02.2021, Länge: 02:40 Min.]
Lockdown-light sorgt für Verwirrungen

"Aus Chef-Lockdownern werden Chef-Lockerer"

„Die Politik predigt das Eine und macht das Andere“
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 26.02.2021, Länge: 03:12 Min.]
„Die Politik predigt das Eine und macht das Andere“

Dass viele angesichts der Lockdowndauer wirtschaftlich vor dem Aus stehen und wir alle irgendwie nicht mehr können - das ist wahr. Es ist allerhöchste Zeit, dass sich was tut, zumindest dass Perspektiven deutlich werden. Aber Pustekuchen – statt intelligenter Ausstiegsszenarien läuft das bekannte Spiel. Aus einstigen Chef-Lockdownern werden plötzlich Chef-Lockerer.

Der bayrische Schattenkanzler Söder ist dabei sozusagen der Fleisch gewordene Opportunismus. Andere geraten wahlkampfbedingt heftig ins Wanken. Welcher Lobbyist da an welcher Schraube gedreht hat, ob der heimische Dübelhersteller oder der Baumarktmogul, wird man wohl erst später erfahren. Vielleicht aber sind die Damen und Herren auch ganz einfach nur überfordert, machen ihrem - angesichts der Dauerkrise nachvollziehbaren - Überlastungssyndrom Luft.

"Die Öffnerei geschieht unvorbereitet"

Thomas Gerber (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
"Was hat man eigentlich die ganzen Monate über gemacht?", fragt sich SR-Reporter Thomas Gerber. Er findet: Die Öffnungen geschehen ohne Vorbereitung.

Die aktuelle Dünnhäutigkeit der Verantwortlichen scheint das nahezulegen. Und dann geschieht die ganze Öffnerei auch noch unvorbereitet. Was hat man eigentlich die ganzen Monate über gemacht? Viel offenbar nicht. Schulen werden geöffnet, ohne dass dafür gesorgt wurde, dass die Kleinen und ihre Lehrerinnen zuvor getestet werden können. Ähnlich wie beim verwaltungsbedingten Impfstau stolpern wir auch hier über unsere übertriebene Gründlichkeit.

"Teststäbchen aber sind keine Herzschrittmacher"

Teststäbchen aber sind keine Vakzine, keine Herzschrittmacher, sie einzusetzen auch ohne bürokratisches Zertifikat hätte nicht geschadet - im Gegenteil. Nun also der bekannte Lockerungswettlauf. Was nichts anderes ist, als der Abschied von der magischen 35 – der neuen 50. Dass diese Inzidenz nicht zu erreichen ist, dass die Mutationen das verhindern - das wird nicht öffentlich kommuniziert. Transparenz aber ist bitter nötig, sonst macht man die Leute nämlich noch pandemiemüder und treibt den Querdenkern die Hasen in den Stall.

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