Thomas Gerber (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Klatschen allein genügt nicht

Thomas Gerber   02.05.2020 | 11:05 Uhr

In der vergangenen Woche hatte die Gewerkschaft Verdi wegen der Zustände in den Marienhaus-Kliniken Ottweiler, Neunkirchen und St. Wendel Alarm geschlagen. Das Personal sei überlastet, Auszubildende würden als Pfleger eingesetzt, es gebe massenhaft Krankmeldungen. Hinzu kam ein Personalschlüssel der allerdings erst einmal vom Tisch ist. Ein Kommentar von Thomas Gerber.

Heute schon für die Helden der Pflege geklatscht, liebe Waldbreitbacher Ordensfrauen und lieber Bischof Ackermann? Applaus, Applaus – den gab’s, ist zu befürchten, von Ihnen möglicherweise intern bereits für Ihren neuen Generalbevollmächtigten, ein Mann aus der privaten Krankenhauswirtschaft. Der hat mal gezeigt, wie es gemacht wird.

Corona-Tsunami blieb aus

Kommentar: Klatschen allein genügt nicht
Audio [SR 3, Thomas Gerber, 02.05.2020, Länge: 02:54 Min.]
Kommentar: Klatschen allein genügt nicht

Anfang März hatte Gesundheitsminister Spahn die Personaluntergrenzen wegen der drohenden COVID19-Patientenschwemme aufgehoben. Denn klar – angesichts der zu erwartenden Überbelegung auf den Stationen und der Infektionen beim Personal können Schlüssel wie 10 oder 2,5 Patienten pro Pflegekraft vermutlich nicht gehalten werden.

Nun blieb aber der COVID19-Tsunami aus – Gott und der seligen Mutter Rosa sei es gedankt! Vielleicht ja auch uns allen. Auf den freigeräumten Stationen herrscht jedenfalls Unterbelegung. Thomas Wolfram grätschte in die Lücke – ordnete an, dass zukünftig eine Schwester statt zehn nun 15 Patienten versorgen muss. Nicht nur Verdi-Mann Quetting trieb das die Zornesröte ins Gesicht. Es gehe offenbar nur noch um unchristliche Gewinnmaximierung. Bei ihm und beim SR gingen zig Schreiben von aufgebrachten Mitarbeitern ein. Noch am Freitag schrieb eine Gruppe von zehn Schwestern und Pflegern dem SR, die Situation auf den Stationen sei in der Tat lebensgefährlich.

Mitarbeiter sind verzweifelt

Verzweiflung macht sich breit – Verzweiflung auch über das, was die Mitarbeitervertretung zunächst offiziell zur Verdi-Kritik verlautbart hatte. Die Gewerkschaft mache die klerikalen Marienhäuser schlecht, letztlich ginge es Herrn Quetting lediglich darum, in einer kirchlichen Einrichtung Fuß zu fassen. Diese Verdi-Kritik hat der MAV-Vorsitzende von St. Wendel inzwischen zumindest relativiert – falscher MAV-Briefkopf, es sei seine Privatmeinung und die seines Stellvertreters gewesen.

Immerhin: der öffentliche und interne Aufschrei hat Wirkung gezeigt. Seit Freitag ist die Wolfram-Anordnung zumindest vorerst vom Tisch. Die mittlere Führungsebene, die Stationsleitungen hatten sich quer gelegt, der Unmut an der Pflegebasis war wohl mit Händen zu greifen – zumindest für den Monat Mai gelten die alten Dienstpläne mit den alten Pflegeschlüsseln.

Erinnerungen an CTT

Ob die Kuh damit tatsächlich vom Eis ist? Mich jedenfalls erinnert all das fatal an das, was vor Jahren bei dem anderen großen katholischen Träger im Bistum geschah: Auch bei der ctt hatte ein eiskalter Manager das Ruder übernommen, der Porsche-Fahrer Doerfert tanzte dem damaligen Bischof Spital auf der Nase herum. Es galten die Regeln des Kapitalismus, die der Nächstenliebe waren ausgehebelt – bis sich Doerfert schließlich im Fußball- und Betrugssumpf verirrte. Auch damals hatte das Bistum viel zu spät reagiert. Gerade weil für viele Mitarbeiter der Marienhäuser Caritas und Nächstenliebe Beruf und Berufung zugleich sind: Klatschen allein, Herr Bischof, genügt nicht!

Über dieses Thema hat auch die SR3 Region am Mittag vom 02.05.2020 berichtet.

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