Florian Mayer  (Foto: Patrick Reitler/SR)

"Diskussionen sind nicht nur wichtig, sondern eine Pflicht"

Florian Mayer   22.04.2020 | 07:16 Uhr

Bei der Entwicklung der vom Bund gewünschten Anti-Corona-App gibt es Streit um den Datenschutz. Forschung und Politik diskutieren, ob es überhaupt nötig ist, den Datenschutzaspekt mitten in der Corona-Krise bei dieser App so hoch zu hängen. Auf jeden Fall, meint SR-Reporter Florian Mayer in seinem Kommentar.

Kommentar zu Corona-Warn App: Diskussionen sind Pflicht!
Audio [SR 2, Florian Mayer, 22.04.2020, Länge: 01:57 Min.]
Kommentar zu Corona-Warn App: Diskussionen sind Pflicht!

Warum jetzt darüber streiten, wo welche Daten liegen? Warum jetzt diskutieren, wer alles auf eine Server-Festplatte schauen kann? Wo es doch um Leben retten geht – und, unseren Alltag ein Stück weit wiederzubekommen. Immerhin haben die Länderchefs, die Kanzlerin und der Gesundheitsminister immer wieder klar gemacht: Lockerungen werden mit der Einführung einer Corona-Nachverfolgungs-App einhergehen.

Schutz ist mess- und spürbar

Gerade wegen dieses Punktes ist es gut, dass sich unabhängige Sicherheitsforscher darüber streiten, was der sicherste Weg in Sachen Datenschutz ist. Die Politik hat uns zu unserem Schutz grundlegende Freiheiten genommen. Was fast alle akzeptieren, weil der Schutz mess- und spürbar ist. Dass wir – und wann wir –  diese Freiheiten zurückbekommen, hängt in einem großen Maße davon ab, dass die Politik diese Macht wieder abgibt. So schnell wie möglich. Und von sich aus.

App ist mächtig

Warum dann also bei der Entwicklung der Corona-App bewusst einen Mechanismus einbauen, der wieder darauf fußt, dass wir jenen vertrauen, die wir gutgläubig mit Macht über uns ausstatten? Und das ist es, was mit dieser App passiert. Sie ist mächtig. Sie sammelt Daten darüber, wer wo mit wem wie lange zu tun hatte und weiß – je nachdem welche Methode gewählt wird – am Ende auch, wer infiziert sein könnte. Die Verlockung dieses Wissen für präventive, massive Maßnahmen zu nutzen ist groß. Erst recht, wenn man jeden Tag den Druck verspürt, alles unternehmen zu müssen, um Leben zu retten.

Bürgerüberwachungsprogramm?

Und all das gilt nur für Regierungen, die die App in rein guter Absicht nutzen. Das System soll am Ende vielen Staaten zur Verfügung gestellt werden. Nicht alle halten es in Europa – zurückhaltend formuliert – mit Menschenrechten, Privatsphäre und Bürgerrechten so genau. Wer will da schon verantworten – nach Corona – am Ende der Entwickler für die Grundlage eines Bürgerüberwachungsprogramms gewesen zu sein?

Dass die Sicherheitsforscher darüber jetzt am Anfang der App-Entwicklung und mitten in der Corona-Pandemie diskutieren, wie stark das Instrument sein soll, das sie Regierungen in die Hand geben, die unter größtem Druck stehen, ist nicht nur wichtig. Es ist ihre Pflicht.

Über dieses Thema hat auch die Sendung "Der Morgen" auf SR 2 KulturRadio am 22.04.2020 berichtet.

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