Gesundheitsministerium warnt vor irreführender Werbung (Foto: picture alliance / Andreas Franke | Andreas Franke)

Kolling warnt vor irreführender Hanf-Werbung

Axel Wagner   15.08.2021 | 09:46 Uhr

Der saarländische Gesundheitsstaatssekretär Kolling mahnt zur Vorsicht bei Hanfprodukten. Neben dem teils noch vorhandenen THC-Gehalt sieht er vor allem in irreführender Werbung ein Problem. Die Anbieter wünschen sich statt Warnungen lieber Gespräche mit der Politik.

Derzeit würden immer häufiger Hanfprodukte und hanfhaltige Lebensmittel im Handel angeboten, teilte das saarländische Gesundheitsministerium mit. Dabei wiesen einige Produkte noch einen – wenn auch geringen – THC-Gehalt auf. Das könne, so das Ministerium, zu einer „Vielzahl von Nebenwirkungen“ führen.

Ministerium verweist auf Risiken

Auf SR-Nachfrage verweist das Ministerium dabei auf Untersuchungen der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Danach könne es bereits bei oraler Aufnahme sehr kleiner Mengen an THC Auswirkungen auf das zentrale Nervensystem und das Herz-Kreislauf-System geben.

Dies könne zum Beispiel zu Stimmungsschwankungen, Müdigkeit und Schwindel führen. Alkohol könne die THC-Wirkung verstärken, außerdem könne der Bestandteil auch die Wirkung von Medikamenten beeinflussen. Bei Kindern sei im Zusammenhang mit Hanfprodukten wegen ihres geringen Körpergewichts besondere Vorsicht geboten.

Gottschling: Keine echte Gesundheitsgefahr

Professor Sven Gottschling teilt die Auffassung des Ministeriums nicht. „Ich würde da keine echte Gesundheitsgefahr postulieren“, so der Chefarzt am Zentrum für altersübergreifende Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie der Uniklinik Homburg. „Diese Hanfprodukte sind in aller Regel nicht ganz günstig. Die meisten Menschen nehmen davon ein paar Tröpfchen am Tag. Das halte ich für vollständig unbedenklich.“

Um eine Dosierung zu erreichen, die eine berauschende Wirkung mit sich bringe, so Gottschling, müsse man bei den legal erhältlichen Hanfprodukten „vierstellige Eurobeträge im Monat investieren“. Beim Hanföl beispielsweise müsste man jeden Tag eine Flasche im Wert von 60 bis 80 Euro trinken. „Das macht keiner, weil sich das keiner leisten kann“, so Gottschling.

Homöopathische Dosierungen

Ob die Einnahme von Hanfprodukten nützlich ist, ist für Gottschling eine andere Frage. Da sei man im Bereich von homöopathischen Dosierungen und des Placebo-Effektes. „Menschen erwarten sich davon etwas, und dann funktioniert es auch oft, weil man einfach daran glauben möchte.“

Als Problem sieht Gottschling eher, vor allem beim Onlinehandel, dass rund um das Thema Hanf viel getrickst wird. Viele der angeboten Hanfprodukte seien gar nicht wirklich pharmazeutisch überprüft. So habe vor einigen Jahren eine Untersuchung bei vermeintlichen Hanfölen in den Niederlanden ergeben, dass nur zwei von ihnen tatsächlich Hanf enthielten. „Grundsätzlich kauft man da ein Stück weit die Katze im Sack.“

Kolling: Drogenkonsum wird als cool dargestellt

Gesundheitsstaatsekretär Stephan Kolling (CDU) sieht außerdem auch Irreführungen in der Werbung für diese Produkte. „Namen und Aufmachung setzen gezielt auf Doppeldeutigkeiten und Missverständnisse.“ Mit Anspielungen auf die berauschende Wirkung von Marihuana würden die Produkte gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen als cool dargestellt.

Das sieht auch Professor Gottschling problematisch. „Das ist dann Lifestyle. Man hat dann so ein bisschen das Gefühl: ‚Jetzt esse ich hier eine besonders verruchte Schokolade.‘“ Solche Produkte ließen sich „unglaublich gut verkaufen“. Solche Werbung als gefährlich einzustufen, damit tut sich Gottschling jedoch schwer. „Man weiß natürlich, dass Cannabis die Einstiegsdroge auch für Jugendliche ist. Aber da reden wir ja von der inhalativen, missbräuchlichen Freizeitanwendung.“ Soll heißen: der Joint, der geraucht wird.

Keine Rauschzustände

„Die orale Einnahme von irgendwelchen Hanfprodukten, und selbst von diesen Ölen, führt ja niemals zu irgendwelchen Rauschzuständen“, sagt Gottschling. Auch die Idee, dass eventuell vorhandene, minimale Restmengen von THC irgendeinen Anfix-Effekt haben könnten, nennt er „blanken Nonsens“. Selbst hochkonzentriertes THC als ölige Lösung zum Schlucken würde nicht „knallen“, also einen Rauschzustand auslösen. Auch THC-haltige Arzneimittel seien in puncto Suchtgefahr „völlig zu vernachlässigen“. „Davon geht keine echte Gefahr aus.“

Ein kleines Problem könnte es allerdings bei Hanfprodukten geben, wenn sie Restmengen von THC enthalten: Ein Drogen-Schnelltest könnte dann anschlagen, etwa bei einer Polizeikontrolle. Gottschling vergleicht dies mit dem Stück Mohnkuchen, weil im Backmohn noch Reste von Opium enthalten sein können. Ein Bluttest könne hier aber Zweifel ausräumen.

Gar keine Probleme gibt es bei Hanfkosmetika. Zwar könne es immer mal wieder allergische Reaktionen geben, so Gottschling. Das sei aber bei allen pflanzenbasierten Produkten so.

Anbieter stellen Gesundheitsaspekt in den Vordergrund

Niclas Hennrich vom St. Ingberter Anbieter „Grüne Knolle“ will Kritik so nicht stehen lassen. „Wir vertreiben CBD- und Hanfprodukte, die dem gesundheitlichen Nutzen dienen“, sagte er auf SR-Anfrage. Das sei ein riesiger Markt mit zahlreichen Arbeitsplätzen. Hanfprodukte würden von allen Altersgruppen sehr positiv angenommen, auch wenn die Über-60-Jährigen anfangs oft sehr skeptisch seien.

Ähnlich sieht es auch der Saarlouiser Anbieter Naturkreis. „Hanfsamen, Hanföle, Aufstriche und Schokoladen, die Hanf enthalten, sind nicht ohne Grund ‚im Trend‘“, so Managerin Sophie Nengel. „Hanf ist ein nährstoffreiches Produkt mit hohem Wert an gesättigten Fettsäuren, die gut für den Körper sind.“

Kritik an „veraltetem Image“

Nengel findet es schade, dass Hanf immer noch mit einem „veralteten Image“ zu kämpfen habe. Dass Hanf oft mit Drogenkonsum gleichgesetzt werde, sei falsch, sagt Nengel und verweist auf eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes. Der hatte vergangenes Jahr geurteilt, dass CBD-Produkte mit einem THC-Gehalt unter 0,2 Prozent nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Hanflebensmittel, so Nengel enthielten kein THC.

„Hanfprodukte findet man mittlerweile in vielen herkömmlichen Drogerien, Reformhäusern und Supermärkten“, sagt sie. Der Vorwurf der Irreführung, vermutet sie, richte sich vor allem gegen junge Unternehmen in diesem Markt, nicht aber gegen etablierte Anbieter.

Hennrich: viel Schindluder auf dem Schwarzmarkt

Niclas Hennrich von der „Grünen Knolle“ räumt allerdings ein, dass es unter den Herstellern und Anbietern von Hanfprodukten auch schwarze Schafe gibt. „Es wird auf dem Schwarzmarkt viel Schindluder getrieben.“ Irreführende Werbung sei da ein großes Problem. „Im Moment gibt es halt noch keine hundertprozentigen Regularien.“

Mit legalen Geschäften wie seinem und denen seiner Mitbewerber könne so etwas aber ausgemerzt werden. Von der Politik wünscht er sich, dass man miteinander ins Gespräch kommt. Auch Sophie Nengel vom Saarlouiser Anbieter Naturkreis wünscht sich einen offenen, faktenbasierten Dialog. Direkte Kontakte gibt es bislang allerdings nicht.


THC und CBD

Cannabidiol (CBD) ist nach dem Tetrahydrocannabidiol (THC) die zweithäufigste chemische Verbindung (Cannabinoid) in der Hanfpflanze (Cannabis Sativa). CBD und THC werden von speziellen Rezeptoren im Körper aufgenommen. THC sorgt dabei für eine berauschende Wirkung. CBD dagegen hat keine Rauschwirkung, kann die des THC sogar aufheben. Es soll unter anderem entzündungshemmend, schmerzlindernd und entspannend wirken.

Weitere Informationen

Die Untersuchungen der EFSA und des BfR können hier abgerufen werden:


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