Einsatzleiter des THW geht durch das Hochwasser in einer Straße nach einem Gewitter mit Starkregen. (Foto: Imago/BeckerBredel)

Klimaschutz: Mammutaufgabe für Kommunen

Diana Kühner-Mert   03.08.2022 | 14:26 Uhr

Der Klimawandel stellt die Städte und Gemeinden im Saarland vor immense Herausforderungen. Um sich gegen die Folgen zu wappnen, sind Millionenbeträge erforderlich. Die Kommunen vermissen Unterstützung von Land und Bund und ein koordiniertes Vorgehen.

Manfred Bortscheller gießt die Blumen in seinem Vorgarten. Überall summt es, Schmetterlinge flattern durch die Luft. Der 84-Jährige hat sich ein Idyll geschaffen. Wieder geschaffen, muss man sagen.

Vor gut vier Jahren wurde dieses Idyll innerhalb weniger Stunden zerstört. Starkregen ließ den Scherbach oberhalb seines Hauses in Bliesransbach zu einem reißenden Strom anschwellen. Die ganze Straße wurde zerstört, der Garten der Bortschellers, das Kellergeschoss ihres Hauses.  

"Zerreißprobe Zukunft": Mammutaufgabe Klimaschutz
Audio [SR 3, Diana Kühner-Mert, 03.08.2022, Länge: 03:04 Min.]
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Die Angst bleibt

„Wir standen hilflos am Fenster, haben zugeschaut. Da kamen einige Autos runter geschwemmt. Lampen sind umgeschlagen worden. Die Straße war aufgerissen. Das sah aus wie nach einem Bombenangriff.“, erinnert sich Manfred Bortscheller.

Rund 60.000 Euro haben er und seine Frau in den Wiederaufbau gesteckt und Maßnahmen getroffen, um das Haus in Zukunft besser zu schützen. Trotzdem bleibt die Sorge. Jedes Mal, wenn ein Gewitter angekündigt ist, schleppt Bortscheller Sandsäcke in die Einfahrt: „Die Lebensqualität hat gelitten“, sagt er.

Konsequenzen aus der Katastrophe

Die Gemeinde Kleinblittersdorf musste rund drei Millionen Euro in die Hand nehmen, um die Schäden zu beheben. Dort hat man aus der Katastrophennacht vom 1. Juni 2018 Konsequenzen gezogen.

Um die Schäden bei künftigen Starkregenereignissen gering zu halten, wurde ein Starkregenkonzept erarbeitet, das nun über das gesamte Gemeindegebiet Kleinblittersdorf umgesetzt werden soll. Es sieht die Vergrößerung von Regenrückhaltebecken vor. Gräben sollen gezogen werden, um das Wasser zu bremsen und zu lenken.

Es ist eine Vielzahl von Maßnahmen, die das schlimmste künftig verhindern sollen. Allein das Konzept hat über einhunderttausend Euro gekostet. Für die Umsetzung braucht es Millionen. Geld, das die Gemeinde eigentlich nicht hat.

Zwar dürfte ein großer Teil gefördert werden. Trotzdem macht die Aufgabe Bürgermeister Rainer Lang von der SPD Sorgen:  „Wenn jetzt die baulichen Maßnahmen anstehen, werden wir es sehr schwer haben, unseren Eigenanteil – und sei der nur 20 Prozent – finanzieren zu können.“

Kommunen fehlt Geld, Personal und Know-How

Die Antragsverfahren sind mitunter bürokratisch und langwierig. Dabei müsste es eigentlich schnell gehen. Schließlich können sich Unwetter wie 2018 jederzeit wiederholen.

Den Kommunen fehlt das Personal, das alle Fördertöpfe kennt und auch anzapft. Dazu kommt: Starkregen ist nur eine Folge des Klimawandels. Auch gegen Hitzewellen müssen sich die Städte und Gemeinden wappnen, neue Verkehrskonzepte entwickeln, auf erneuerbare Energien umstellen.

Rainer Lang wünscht sich – wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen – mehr Unterstützung von Land und Bund:  „Wir brauchen Geld. Und natürlich wäre auch eine einheitliche Richtlinie sehr wünschenswert.

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Die Zuschussbeantragung ist nicht immer das einfachste Gebiet für eine Gemeinde in unserer Größe. Ein Ansprechpartner auf Landesebene in Zuschusswesen, aber auch in Energiefragen, in Klimaschutzfragen, das wäre schon wünschenswert.“

Das Saarland hat Nachholbedarf in Sachen Unterstützung

In anderen Bundesländern gibt es ganze Agenturen, die den Kommunen in Klima- und Energiefragen zur Seite stehen. Im Saarland gibt es nicht einmal ein Klimaschutzgesetz. Das könnte klare Vorgaben machen, welche Ziele auch die Kommunen wie erreichen sollen. Das Saarland habe hier großen Nachholbedarf, sagt Stefan Spaniol, Geschäftsführer des Saarländischen Städte- und Gemeindetages (SSGT):

 „Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis von Land und Kommunen, was eigentlich die Ziele sind, was für Maßnahmen ergriffen werden können, wer welches Thema wie angehen kann, damit wir dort einen Rahmen und eine Orientierung schaffen für die Kommunen, was dort alles zu gestalten ist. Die Stichworte sind genannt: Kommunale Wärmeplanung, Gebäudeeffizienz, Energiewende, Verbesserung der technischen Gebäudeausstattung. Aber auch Themen wie Lärm und Verkehr.“

Video [aktueller bericht, 03.08.2022, Länge: 3:28 Min.]
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Allein seien die Kommunen damit zum Teil überfordert. In der Konsequenz werde dem Klimaschutz etwa bei Baumaßnahmen mitunter keine hohe Priorität eingeräumt – was sich später teuer räche.

SSGT stellt eigene Referentin ein

Der SSGT ist nun selbst aktiv geworden und stellt eine Referentin für Klima- und Energiefragen sowie Nachhaltigkeit ein. Sie soll künftig zwischen Bund, Land und Kommunen koordinieren und die Städte und Gemeinden in Fragen des Klimaschutzes beraten. Im Herbst, spätestens zum Jahreswechsel, wird sie ihre Arbeit aufnehmen.

Bürgerbeteiligung als Garant für Akzeptanz

In Kleinblittersdorf stellt man sich dem Thema bereits auf vielen Ebenen. Ein Radwegekonzept wurde auf den Weg gebracht, die Straßenbeleuchtung wird durch LED ersetzt, private Wasserspeicher werden gefördert. Und im Ortsteil Bliesransbach entsteht derzeit der größte Solarpark des Saarlandes.

Mit dem hier produzierten Strom könnte die gesamte Gemeinde versorgt werden, rund 6300 Haushalte und die Gewerbebetriebe. Die Genehmigung wurde an die Bedingung geknüpft, dass die Bürger sich an der Anlage finanziell beteiligen können. Das schaffe Akzeptanz, ist sich Bürgermeister Lang sicher.

Eine gute Idee, weiß man im Hochwald. Hier gibt es seit zehn Jahren eine Bürgerenergiegenossenschaft, die zahlreiche Wind- und Solarprojekte auf den Weg gebracht hat. Die rund 900 Mitglieder bekommen über 4 Prozent Rendite:  „Wir haben uns daran beteiligt, weil wir was Gutes tun wollten für die Umwelt.“ „Im Interesse der Umwelt, aber auch im Interesse des eigenen Portemonnaies.“, sagen beteiligte Bürger.

Video [aktueller bericht, 03.08.2022, Länge: 4:31 Min.]
Klimaschutz in den Kommunen

Kritische Marke 1,84 Meter

Dass die Gemeinden sich vor den Folgen des Klimawandels schützen und auf erneuerbare Energieträger umstellen, ist nach Ansicht von Manfred Bortscheller folgerichtig. Es führe kein Weg daran vorbei, sagt er. Er hofft, dass die Schutzkonzepte in Kleinblittersdorf nun schnell umgesetzt werden und dann auch wirken: An seiner Garagentür hat er eine Markierung gesetzt, in 1,84 Meter Höhe:

„Diese Markierung zeigt den Wasserstand, oder besser den Schlammstand, den wir damals zu verkraften hatten. Und wenn Sie nach Wünschen fragen, dann ist es mein Wunsch, dass ich diese Markierung nicht mehr übertreffen muss in meinem Leben.“


Serie: Zerreißprobe Zukunft

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