Ein Kind beim Spazieren mit den Eltern (Foto: dpa)

Corona-Krise droht Kinderarmut zu verschärfen

  22.07.2020 | 11:17 Uhr

Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland wachsen einer aktuellen Studie zufolge in Armut auf - ein seit Jahren ungelöstes Problem. Die Corona-Krise droht die Lage nun weiter zu verschärfen.

Rund 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche wachsen den Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung zufolge in Armut auf - 21,3 Prozent aller unter 18-Jährigen. Seit Jahren sei der Kampf gegen Kinderarmut eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Deutschland, heißt es in der Studie. Dennoch gebe es seit 2014 im bundesweiten Durchschnitt wenig Verbesserungen. Mehr als jeder fünfte Heranwachsende sei betroffen - mit regional starken Unterschieden.

Video [aktueller bericht, 22.07.2020, Länge: 2:18 Min.]
Folgen und Auswege der steigenden Kinderarmut in Deutschland

Probleme werden größer

Die Corona-Krise drohe das Problem noch zu verschärfen, warnte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Die Folgen der Pandemie treffe Eltern benachteiligter Kinder besonders hart. Sie arbeiteten häufiger in Teilzeit oder als Minijobber und gehörten zu der Gruppe, die als erste ihren Job verliere, kaum oder kein Kurzarbeitergeld erhalte. Zugleich fallen viele Unterstützungsangebote für bedürftige Heranwachsende weg, wie Dräger schilderte. „Die Vermeidung von Kinderarmut muss gerade in der Corona-Krise politische Priorität bekommen.“

Video [aktueller bericht, 22.07.2020, Länge: 3:50 Min.]
Interview mit Lydia Fried von der Caritas zur Kinderarmut in Deutschland

Im Saarland ein Fünftel armutsgefährdet

Auch im Saarland ist nach Angaben der Arbeitskammer des Saarlandes (AK) ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet. 19,1 Prozent der Kinder beziehen laut der Bertelsmann-Studie Grundsicherung (Hartz IV, errechneter Familienanteil), bundesweit sind es 13,8 Prozent. Am höchsten ist der Anteil der Kinder mit Grundsicherung im Regionalverband Saarbrücken (28,6 Prozent) und in Neunkirchen (22,5 Prozent). Im Landkreis St. Wendel liegt er bei 10,2 Prozent, in Merzig-Wadern bei 10,8 Prozent, im Kreis Saarlouis bei 13,3 und im Saarpfalzkreis bei 13,4 Prozent.

„Wir dürfen es nicht länger hinnehmen, dass Menschen schon in jungen Jahren zu gesellschaftlichen Verlierern werden“, betonte AK-Hauptgeschäftsführer Thomas Otto. Die AK fordert seit Jahren die Einführung einer Kindergrundsicherung.

Schon im März hatte der saarländische Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes darauf hingewiesen. Durch die Schul- und Kitaschließungen seien etwa die Leistungen auf ein kostenloses Mittagessen ersatzlos weggefallen.

Große Chancenungleichheit

Laut der am Mittwoch veröffentlichten Studie hat das ungelöste Problem der Kinderarmut erhebliche Folgen für Aufwachsen, Wohlbefinden, Bildung und Zukunftschancen. Vor allem bei Freizeitgestaltung und sozialer Teilhabe bestehe eine starke Unterversorgung.

Zwei Drittel der armen Kinder können laut Analyse mit ihrer Familie nicht einmal eine Woche im Jahr in Urlaub fahren. Bei vielen reiche das Geld nicht für einmal im Monat Kino, Konzert oder Essengehen. Klassenfahrten, Schüleraustausch oder Einladungen nach Hause seien schwierig.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 22.07.2020 berichtet.

 

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