Ein Mann hält die Hand seiner Ehefrau, die an Alzheimer erkrankt ist (Foto: picture alliance/Oliver Killig/dpa-Zentralbild/dpa)

„Schnapsidee“ statt echter Hilfe

  03.08.2019 | 09:01 Uhr

Mit einem zinslosen Darlehen wollte die Bundesregierung Berufstätige bei der Pflege von Angehörigen unterstützen. Doch kaum jemand scheint mit dem Angebot etwas anfangen zu können. Der VdK will eine neue Lösung.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt deutschland- wie saarlandweit, das Angebot an Pflegkräften kann da kaum Schritt halten. Wichtigster Pflegedienst ist ohnehin immer noch die Familie: Aktuell werden Dreiviertel aller Pflegebedürftigen von Angehörigen versorgt. Wenn die selbst noch arbeiten müssen, stehen sie schnell vor einem Dilemma.

Seit Anfang 2015 gibt es darum das Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf. Es soll pflegenden Angehörigen die Möglichkeit geben, für einen begrenzten Zeitraum ihre Arbeitsstunden zu reduzieren. Um den Verdienstausfall zu kompensieren, haben sie Anspruch auf ein zinsloses Darlehen.

Doch dieses Recht wird kaum in Anspruch genommen. Bundesweit haben in vier Jahren lediglich 921 Menschen das Pflegedarlehen aufgenommen, im Saarland waren es ganze zwölf. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der FDP hervor.

„Weit weg von der pflegerischen Realität“

Kein Wunder, das Gesetz sei von Anfang an eine „Schnapsidee" gewesen, sagt Armin Lang, Landesvorsitzender des Sozialverbandes VdK. Gleich in mehrerer Hinsicht sei es „weit weg von der pflegerischen Realität".

Finanziell helfe ein zinsloses Darlehen den allermeisten Betroffenen nicht weiter, moniert Lang: „Das können sich Arbeitnehmer mit normalen Gehältern nicht leisten.“ Dass ein Arbeitgeber spätestens acht Wochen vor dem gewünschten Beginn die Pflegezeit schriftlich ankündigen und im Umfang festlegen müsse, sei abwegig: „Ein Notfall tritt überraschend auf und ist nicht planbar.“ Und dass ein längerfristiger Freistellungsanspruch nicht gegenüber Arbeitgebern mit weniger als 25 Beschäftigten besteht, schließe einen Großteil der Arbeitnehmer aus, etwa viele Verkäuferinnen, Friseurinnen oder Mitarbeiter in Arztpraxen.

Pflegezeit und Pflegegeld gefordert

Um die Situation pflegender Angehöriger zu verbessern, müsse ein „tatsächlicher Rechtsanspruch“ auf Familienpflegezeit und -geld her, so der VdK-Vorsitzende. Er fordert ein analoges Modell zu Elternzeit und Elterngeld. „Momentan können Eltern zuhause bleiben, wenn sie ihre Kinder erziehen, Kinder wiederum können es zur Pflege ihrer Eltern nicht. Das ist gesellschaftspolitisch schwer zu ertragen.“

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