Aufziehen einer Spritze mit dem Pfizer BioNTech Impfstoff gegen das Coronavirus  (Foto: IMAGO / ANE Edition)

"Sozial Gefährdete sind die Nächsten bei der Impfung"

Melina Miller   01.05.2021 | 09:13 Uhr

Voraussichtlich im Juni soll die Priorisierung bei der Impfung gegen Covid-19 aufgehoben werden. Wolfram Henn, Humangenetik-Professor an der Uniklinik in Homburg und Mitglied des Deutschen Ethikrates, erklärt im Interview, wie es dann seiner Meinung nach in der Impfreihenfolge weitergehen sollte und wie man am besten mit Neid auf Geimpfte umgeht.

SR.de: Wie kann eine gerechte Impfstoffverteilung aussehen, wenn die Priorisierung endet?

Wolfram Henn: Wir müssen auch das Auslaufen der Impfpriorisierung steuern. Wenn die gesundheitlich Gefährdeten, zum Beispiel die Älteren geimpft sind, sind die sozial gefährdeten Menschen an der Reihe. Dazu zählen etwa Schülerinnen und Schüler ab dem entsprechenden Alter, Eltern, Menschen, die aufgrund ihres Berufs besonders gefährdet sind, etwa im Einzelhandel, oder Menschen in beengten Wohnsituationen. Wir müssen verhindern, dass Bessergestellte - finanziell oder technisch oder auf welche Art auch immer - nach einer Aufhebung der Impfpriorisierung schneller an einen Termin kommen als Schwächere. Im Sinne der Solidarität müssen wir bewusst auf Benachteiligte zugehen.

Bevor wir die Starken einfach auf die Impfung loslassen, müssen wir die Schwachen an die Hand nehmen und sie zur Impfung führen.

SR.de: Wie lässt sich das umsetzen?

Prof. Dr. med. Wolfram Henn (Foto: Rüdiger Koop/UKS)
Prof. Dr. med. Wolfram Henn, Humangenetiker und Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Wolfram Henn: Eine Möglichkeit sind zum Beispiel mobile Impfteams, die genau dort impfen, wo es Bedarf gibt. Und auch die Hausärzte haben da viele Steuerungsmöglichkeiten. Aber auch Menschen, für die die Schwelle zum Hausarzt zu groß ist, muss es einen Zugang zu einer Impfung geben. Das ist auch die Aufgabe des öffentlichen Gesundheitssystems, da aktiv auf die Menschen zuzugehen.

SR.de: Was empfehlen Sie Menschen, die in dieser Reihenfolge erst sehr spät für eine Impfung infrage kommen und deshalb neidisch auf bereits Geimpfte blicken?

Wolfram Henn: Da muss man zwei Fälle unterscheiden. Zum einen gibt es ja dieses offensichtlich unfaire Vordrängeln, zum Beispiel durch einige Kommunalpolitiker. Das bedarf harter Kritik. Zum anderen gibt es ja aber auch diesen sozialen Neid - zum Beispiel auf die Nachbarin, die schon geimpft ist, während ich noch darauf warte. Diese kleinen Ungenauigkeiten lassen sich in so einem komplexen Ablauf wie dem der Durchimpfung nicht vermeiden. Was aber sicherlich helfen kann, ist, sich vor Augen zu führen, dass mir auch die Impfung der Nachbarin hilft - nämlich im Sinne der Bevölkerungsimmunität.

In Zukunft wird sich diese Sachlage sowieso drehen: Aktuell müssen wir Menschen, die geimpft werden wollen, eher bremsen, weil es noch nicht genügend Impfstoff für alle gibt. Sobald genug Impfstoff da ist, wird sich das umkehren, und wir müssen die Menschen motivieren, sich impfen zu lassen. Da stehen wir noch vor einer großen Aufgabe.

Impfen nutzt einem selbst und es nutzt anderen. Wir stehen noch vor einer großen Aufgabe.
Beschluss des Ministerrates
Geimpfte und Genesene seit Montag von Testpflicht befreit
Menschen, die vollständig gegen das Coronavirus geimpft sind, sind ebenso wie Genesene von der Test-Nachweispflicht seit Montag befreit. Sie brauchen beispielsweise für den Besuch des Einzelhandels oder des Frisörs keinen negativen Schnelltest mehr vorzulegen.

SR.de: Der Ethikrat hat sich selbst noch vor einigen Monaten gegen mehr Freiheiten für Geimpfte ausgesprochen - zuletzt haben aber auch Sie gesagt, dass sich diese Einschätzung verändert hat. Woran liegt das?

Wolfram Henn: Diese ursprüngliche Zurückhaltung der Politik und auch des Ethikrates bezüglich der Freiheiten für Geimpfte lag vor allem daran, dass die Studienlage zur Infektiosität von Geimpften noch sehr dünn war. Mittlerweile wissen wir da mehr und können sagen: Nach der zweiten Coronaschutzimpfung gibt es keine Grundlage mehr für die Beschränkungen. Das ist nicht gleichzusetzen mit Privilegien für Geimpfte, sondern eine schlichte Rückgabe von Grundrechten und Freiheiten, die ihnen zustehen.

SR.de: Gibt es diese Bestrebungen auch für Genesene?

Wolfram Henn: Ja, die gibt es. Allerdings wissen wir hier noch nicht sicher genug, wie lange der Immunschutz von Genesenen anhält und ab wann sie das Coronavirus wieder weitergeben können. Im Sinne aller müssen wir deshalb vorsichtig mit den nächsten Schritten sein.

Deshalb sehe ich auch die "milderen" Einschränkungen wie die Maskenpflicht und das Abstandsgebot für alle Bürgerinnen und Bürger noch bis weit in den Sommer hinein - zur Sicherheit.

SR.de: Sind Sie zuversichtlich, dass das Versprechen der Politik, bis Ende des Sommers jedem Bürger und jeder Bürgerin ein Impfangebot machen zu können, eingehalten werden kann?

Wolfram Henn: Das bin ich. Natürlich hängt das aber von den Impfstofflieferungen der Hersteller ab. Das gilt auch für das Aufheben der Priorisierung. Wir schätzen, dass es noch circa zwei Monate dauert, bis bei der Impfung nicht mehr priorisiert werden muss - wenn die Impfstoffe wie angekündigt geliefert werden.

Eine wichtige Rolle spielen auch die Betriebsärzte, die bald mit ins Boot geholt werden sollen. Unter anderem, weil sie einen leichten Zugang zu den Menschen direkt in den Unternehmen und damit einen guten Überblick haben. Ich bin zuversichtlich: Bis Ende des Sommers werden alle durchgeimpft sein können.

Das Interview führte Melina Miller.

Über dieses Thema hat auch der aktuelle bericht am 29.04.2021 berichtet.

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