Ein Beatmungsgerät steht neben einem Krankenbett in einem Behandlungszimmer eines Krankenhauses. (Foto: picture alliance/dpa/dpa/Pool | Axel Heimken)

Intensivmediziner blicken mit Sorge auf Corona-Entwicklung

  09.11.2021 | 12:07 Uhr

Bundesweit steigt die Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen derzeit wieder deutlich an. Im Saarland ist die vierte Welle noch nicht in den Kliniken angekommen. Intensivmediziner schauen allerdings mit etwas Sorge auf die kommenden Wochen.

Die deutschlandweite Inzidenz hat am Dienstag erneut einen Höchstwert seit Beginn der Pandemie erreicht. Auch im Saarland gab es in der vergangenen Woche ein Plus von 50 Prozent.

Philipp Lepper ,  leitender Oberarzt auf der Intensivstation an der Uniklinik Homburg (Foto: SR)
Philipp Lepper , leitender Oberarzt auf der Intensivstation an der Uniklinik Homburg

Der leitende Oberarzt auf der Intensivstation an der Uniklinik Homburg, Professor Philipp Lepper, zeigt sich deshalb besorgt. „Die Zahlen steigen an und man merkt jetzt schon eine Veränderung“, sagte er im SR-Interview.

Er rechnet damit, dass man spätestens in sieben bis zehn Tagen auch auf den Intensivstationen das schnell ansteigende Infektionsgeschehen sehen werde. „Ich fürchte, dass es nochmal ein heißer Herbst wird.“

Vor allem Ungeimpfte betroffen

Derzeit seien es vor allem junge, ungeimpfte Menschen, die in Folge einer Corona-Infektion auf der Intensivstation landen. „Wir sehen auch junge Menschen, die ungeimpft an der Erkrankung sterben.“

Dr. Schwarzkopf: "Wir warten auf die vierte Welle"
Audio [SR 3, Nadine Thielen, 09.11.2021, Länge: 04:37 Min.]
Dr. Schwarzkopf: "Wir warten auf die vierte Welle"

Das bestätigt auch der Chefarzt der Klinik für Intensivmedizin vom Klinikum Saarbrücken auf dem Winterberg, Dr. Konrad Schwarzkopf. "Die ganz schweren Fälle, das sind fast durchgehend Ungeimpfte oder Menschen, die zu lange ihre zweite Impfung hinter sich haben."

Schwarzkopf sieht aktuell in den ungeimpften Menschen die "Treiber" der Pandemie. "Wenn wir vernünftige Impfquoten hätten, dann wäre diese Geschichte in zehn oder zwölf Wochen vorbei." Auch das Boostern nach sechs Monaten sei unbedingt notwendig - und laut Schwarzkopf auch gar nichts ungewöhnliches. "Das gehört zu ganz vielen Impfungen dazu", so der Intensivmediziner.

Stationen voll mit Nicht-Covid-Patienten

Auf seiner Station am Klinikum Saarbrücken liegt derzeit ein Covid-Intensivpatient - ein jüngerer Mensch, der sich nach vier Wochen Aufenthalt jetzt aber langsam erhole.

Zur Lage auf den Intensivstationen im Saarland
Audio [SR 3, Studiogespräch: Dorothee Scharner/Steffani Balle, 09.11.2021, Länge: 03:05 Min.]
Zur Lage auf den Intensivstationen im Saarland

Voll ist die Intensivstation trotzdem. "Unter der Woche ist die Station eigentlich immer ausgebucht", so Schwarzkopf. Es sei in Deutschland üblich, dass bei Maximalversorgungskrankenhäusern die Intensivstationen immer zu 95 Prozent ausgelastet seien.

Corona-Behandlung zu Lasten anderer Patienten

Das Problem ist aber: "Wir haben keine Möglichkeit mehr, zusätzlich zum Normalgeschäft Corona on top zu machen", so Schwarzkopf. "Alles was wir im Bereich Corona machen müssen, hat die Folge, dass aufschiebbare Operationen und aufschiebbare Behandlungen, die einen Intensivaufenthalt beinhalten, verschoben werden."

Lage auf Intensivstationen wird angespannter
Audio [SR 1, Jessica Ziegler, Christian Balser / Philipp Lepper, 09.11.2021, Länge: 01:50 Min.]
Lage auf Intensivstationen wird angespannter

Nur lässt sich eben nicht jede Operation aufschieben, wie sein Homburger Kollege Professor Lepper anmerkt. Pandemiebedingt habe man bereits viele Eingriffe vor sich hergeschoben, die nun nicht mehr weiter aufschiebbar sind. Die Kliniken könnten deshalb jedes Bett, das sie nicht an einen Covid-Patienten geben müssen, gut gebrauchen.

Noch moderate Entwicklung im Saarland

Im Saarland bewegt sich die Zahl der stationären und der Intensivpatienten seit mehreren Wochen ungefähr auf dem gleichen Niveau. Am Montag wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums 67 Covid-Patienten in saarländischen Kliniken behandelt, davon 17 auf Intensivstation.

Bundesweit hingegen verläuft die Entwicklung deutlich rasanter: Alleine am Sonntag wurden nach Angaben des Divi-Intensivregisters rund 240 Patienten neu auf Intensivstation aufgenommen - der höchste Wert seit mehreren Wochen. In besonders betroffen Bundesländern wie Thüringen, Bayern und Sachsen liegt bereits in jedem fünften Intensivbett ein Intensivfall.

Zahlen könnten sich verdoppeln

Derzeit werden bundesweit rund 2600 Menschen wegen einer Corona-Erkrankung intensivmedizinisch behandelt. Zum Höhepunkt der zweiten Welle im vergangenen Winter waren es etwas mehr als 5700.

Der Leiter des Divi-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, rechnet damit, dass sich die Patientenzahl in den kommenden Wochen voraussichtlich fast verdoppeln werde, wenn die Zahl der Neuinfektionen weiter so steige wie bisher. Deutschlandweit seien 5000 Patienten zwar vielleicht zu schaffen, regional könnte es dann aber dennoch "absolut größte Schwierigkeiten" geben, noch einen Platz für einen Covid-Patienten zu finden.

Kontakte um 20 bis 25 Prozent reduzieren

Auch der Saarbrücker Professor für Klinische Pharmazie, Thorsten Lehr, rechnen damit, dass in diesem Winter noch einmal hohe Patientenzahlen erreicht werden könnten - wenn nicht bald gegengesteuert wird.

Dabei bräuchte es noch nicht einmal gravierende Einschränkungen. "Zwischen 20 und 25 Prozent würden beim derzeitigen R-Wert von knapp über eins ausreichen. Damit würde das schnelle Wachstum durchbrochen, die Zahlen würden wieder sinken", sagte er dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel. "Aber wir müssen schnell handeln."

Über dieses Thema wurde auch in der Sendung „Guten Morgen“ am 09.11.2021 auf SR 3 Saarlandwelle berichtet.

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