Schülerinnen und eine Integrationshelferin in einem Klassensaal (Foto: picture alliance / Oliver Berg/dpa | Oliver Berg)

Integrationshelfer arbeiten unter prekären Bedingungen

Martina Kind   02.07.2022 | 13:25 Uhr

Im Saarland gibt es zu wenig Integrationshelfer. Gleichzeitig kündigen immer mehr ihren Job, weil sie nicht angemessen bezahlt werden oder fürchten müssen, in den Sommerferien in die Arbeitslosigkeit entlassen zu werden. Doch nicht nur die Beschäftigten leiden unter dieser Situation, sondern auch die Kinder, die sie betreuen, und deren Eltern.

Integrationshelferinnen und -helfer leisten einen wichtigen Beitrag zur Inklusion. Kindern mit Behinderung oder Förderbedarf bieten sie Orientierung im Schulalltag, indem sie lebenspraktische Hilfestellungen leisten und sie bei der sozialen Interaktion unterstützen.

Konkret bedeutet das etwa, bei Konzentrationsschwächen im Unterricht Impulse zu geben oder bei Konflikten mit Mitschülerinnen und -schülern lenkend einzugreifen. Zu ihren Tätigkeiten gehört aber auch, bei Bedarf beim Essen und Trinken oder bei Toilettengängen zu helfen.

Das sind anspruchsvolle Aufgaben, die viel pädagogisches Wissen, aber auch soziale Kompetenzen wie Empathie und Fingerspitzengefühl erfordern. Dass es sich bei allen Integrationshelferinnen und -helfern um ausgebildetes Personal handelt, das professionelle Erfahrung mit Kindern, die besonderen Unterstützungsbedarf haben, vorweisen kann, ist allerdings ein Trugschluss.

Hilfskräfte ohne Ausbildung

Denn diese Tätigkeit üben bundesweit wie auch im Saarland seltener pädagogische oder pflegerische Fachkräfte aus, als vielmehr Hilfskräfte ohne entsprechende Ausbildung. Nicht selten werden diese auch vom Jobcenter vermittelt. "Die Leistungen werden größtenteils durch Hilfskräfte unter Anleitung qualifizierter Fachkräfte erbracht", bestätigt Bernhard Müller, Landesvorsitzender der Lebenshilfe Saarland.

Beim saarländischen Landesbehindertenbeauftragten Daniel Bieber und dem Sozialverband VdK Saarland stößt das auf Kritik. Demnach seien Integrationshelferinnen und -helfer "keine Babysitter". Vielmehr hätten sie "eine große Verantwortung, weil sie zahlreiche Barrieren abbauen, von denen Kinder mit Behinderungen leider immer noch stark eingeschränkt werden", wie VdK-Landesvorstandsmitglied Karin Lawall sagt.

Eigentlich sollten Integrationshelferinnen und -helfer eine Unterstützung für die Lehrkräfte sein, die für die Aufgaben teilweise nicht ausreichend ausgebildet seien und die im regulären Unterricht auch nicht die Kapazitäten dafür hätten. Dafür müssten diese aber auch um die Bedarfe und Bedürfnisse der Kinder, die sie betreuen, wissen und entsprechend auf diese reagieren können.

Schlechte Arbeitsbedingungen

Deshalb seien nicht nur eine umfassende Schulung sowie regelmäßige Fort- und Weiterbildungen zur ausreichenden Qualifizierung der Beschäftigten erforderlich. Auch müssten die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert werden, um den Beruf, der insgesamt mehr Wertschätzung verdiene, attraktiver zu gestalten. Denn schon heute sei es zunehmend schwieriger, den Bedarf an Integrationshelferinnen und -helfern im Saarland zu decken.

Dass sich kaum mehr qualifizierte Menschen für die Arbeit als Integrationshelferin oder -helfer entscheiden, verwundert Bieber nicht. Die Bezahlung sei schlecht, ebenso die Perspektiven. Pädagogisch qualifizierte Mitarbeitende schauen sich da lieber nach anderen, besser bezahlten und sichereren Jobs um.

Vergütung nach Mindestlohn

Integrationshelferinnen und -helfer bekommen dagegen meist nicht mehr als den Mindestlohn. Das bestätigt auch eine Anfrage bei dem Träger "Miteinander Leben Lernen" (MLL), der derzeit 455 Integrationshelferinnen und -helfer im Saarland beschäftigt. Ihr Beschäftigungsumfang richte sich dabei an den Bewilligungen durch die zuständige Fachbehörde, wie die Vorsitzende Manuela Spies erklärt.

Im Saarland gehen nach Angaben des Sozialministeriums jährlich rund 1500 Anträge auf Kostenübernahme für Integrationshilfen in der Schule ein. Bewilligt werden diese nicht nur vom Landesamt für Soziales, sondern im Rahmen der Jugendhilfe auch von den Landkreisen.

"Fehler im System"

Ein großes Problem ist neben der geringen Vergütung der Beschäftigten, dass das Sozialministerium den Trägern nur die Kosten für die Betreuungsstunden erstattet, die tatsächlich abgeleistet werden. Bei einem Ausfall der Stunden wegen Krankheit des Kindes oder der Integrationshilfe wird demnach nichts an den Träger gezahlt. Gleiches gilt für die Ferienzeit.

"Dennoch laufen die Kosten für die Träger weiter, mit der Folge, dass der Großteil der Assistenzkräfte in den Sommerferien in die Arbeitslosigkeit entlassen wird", erklärt der VdK. Denn diese könnten die Integrationshelferinnen und -helfer nicht aus eigener Tasche bezahlen. "Das ist ein Systemfehler", urteilt der Landesbehindertenbeauftragte Bieber.

Die Situation sei sowohl für die Integrationshelferinnen und -helfer, als auch die Kinder und Eltern sehr belastend: Viele der Hilfskräfte müssen damit rechnen, in den Sommerferien arbeitslos zu werden und sich neu bewerben zu müssen. Deshalb orientieren sie sich lieber gleich neu.

Auch Kinder leiden

Doch auch die Kinder und Eltern, die auf verlässliche Betreuung angewiesen sind, leiden unter der Situation. Für die Kinder, die besonders Stabilität benötigen, bedeutet ein Wechsel ihrer Betreuungsperson oft viel emotionalen Stress. "Gerade sie brauchen eine verlässliche Bezugsperson, die ihre Bedürfnisse erkennt und die Sicherheit vermittelt“, sagt Lawall.

Aufgrund des Personalmangels könne es zudem zu wochenlangen Versorgungslücken kommen, was fatale Folgen für das Kind und seine Eltern haben kann: Immer wieder schließen Regelschulen Schülerinnen und Schüler mit Behinderung oder Förderbedarf vom Schulbesuch aus, wenn die Anwesenheit einer Integrationshilfe nicht gewährleistet ist. Und bis ein Ersatz gefunden ist, kann es dauern. So sucht allein der Träger MLL nach eigenen Angaben aktuell noch etwa 150 Integrationshelferinnen und -helfer.

Das löst vor allem bei den Eltern Frust aus, die nicht wissen, ob sie mit der vertrauten Integrationshilfe planen können beziehungsweise ob ihr Kind im nächsten Schuljahr überhaupt eine Regelschule besuchen kann. "Eltern müssten sich darauf verlassen können, dass das Land den gemeinsamen Unterricht aller Kinder fördert und die Inklusion nicht halbherzig umsetzt", beklagt der VdK.

Pool-Lösung an Schulen

Der VdK fordert das Sozialministerium deshalb dazu auf, Sorge dafür zu tragen, dass die Vergütung für die Beschäftigten an die Träger auch dann gezahlt werde, wenn das Kind krankheitsbedingt nicht in die Schule kann.

Darüber hinaus setzt sich der Verband für eine sogenannte Pool-Lösung an den Schulen ein. Das bedeutet, dass es flächendeckend multiprofessionelle Teams gibt, die sich aus Hilfs- und Fachkräften zusammensetzen, welche für die Betreuung mehrerer Kinder mit Behinderung oder Förderbedarf zuständig sind.

Dies hätte unter anderem den Vorteil, dass eine Kraft nicht an ein bestimmtes Kind gebunden ist. Damit könnten sich die Integrationshelferinnen und -helfer im Krankheitsfall gegenseitig vertreten, sodass auch eine Betreuung der Kinder durchgängig gesichert sei.

"Prinzipiell gute Lösung"

An den Förderschulen soll dieses Modell nach einer Testphase im kommenden Schuljahr starten. Eine Anfrage des SR, wann beziehungsweise ob es überhaupt an den Regelschulen eingeführt werden soll, hat das Sozialministerium bisher noch nicht beantwortet.

Das Poolmodell sei "prinzipiell eine gute Lösung", sagt Daniel Bieber. Er gibt allerdings zu bedenken, dass Kinder, die eigentlich einen rechtlichen Anspruch auf Individualbetreuung hätten, dadurch auf der Strecke blieben.

Zukunft ungewiss

Ob sich an der Situation zeitnah etwas ändert, ist also ungewiss. Dass der Bedarf an Integrationshelferinnen und -helfern in Zukunft weiter steigen wird, daran besteht jedenfalls kaum Zweifel. Wohl aber, ob dieser in den kommenden Jahren nur ansatzweise gedeckt werden kann. Hier ist das Land gefragt.


Ziel der Integrationshilfe ist es, Kindern mit Behinderung oder Förderbedarf einen Besuch an einer Regelschule zu ermöglichen. Dabei geht es nicht nur um Kinder mit körperlicher oder seelischer Behinderung, sondern auch um solche mit diagnostizierten Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen oder psychischen Belastungen, etwa durch traumatische Ereignisse.

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