Gemeinsamer Unterricht von behinderten und nicht behinderten Schülern.  (Foto: dpa/Uli Deck)

Bildungsministerium sieht Erfolge bei Inklusion

Christian Leistenschneider   04.09.2018 | 11:07 Uhr

Nach all den Klagen über gestiegene Belastungen der Regelschulen durch die Inklusion klingt die Nachricht recht verwunderlich: Eine aktuelle Bertelsmann-Studie wirft dem Saarland vor, beim gemeinsamen Leben und Lernen keinerlei Fortschritte zu machen. Das Bildungsministerium widerspricht dem Befund.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie begründen ihr Urteil mit der sogenannten Exklusionsquote. Das ist der Anteil der Schüler, die in speziellen Förderschulen unterrichtet werden. Dieser liege im Saarland aktuell bei 4,22 Prozent – und damit nur geringfügig unter dem Wert von 2008/09 (4,23 Prozent). Bundesweit sei der Anteil hingegen deutlich geschrumpft (von 4,92 auf 4,34 Prozent).

Das saarländische Bildungsministerium wehrt sich gegen diese Deutung der Zahlen. Die Schlussfolgerung der Bertelsmann-Studie sei „unseriös, eindimensional und schlicht falsch“. Tatsächlich sei das Saarland bei der Inklusion erfolgreich: Die Exklusionsquote liege hierzulande unter dem Bundesdurchschnitt – wie bereits 2008/09.

Keine Zahlen zur Inklusion

Genau umgekehrt verhalten sich die Zahlen beim Förderschwerpunkt Lernen, bei dem der Anteil der Förderschüler am höchsten ist. Hier ist die Quote im Saarland zwar zurückgegangen (von 2,03 auf 1,67 Prozent), liegt aber über dem Bundesschnitt (1,34). Das Bildungsministerium erklärt das damit, dass im Saarland das Förderschulangebot in allen Förderschwerpunkten erhalten geblieben ist, während andere Bundesländer ihre Förderschulen Lernen geschlossen hätten.

Dennoch: Wenn die Quote der Schüler in Förderschulen nahezu gleich geblieben ist, wie lässt sich dann von gelingender Inklusion sprechen? Zahlen dazu, wie viele Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Saarland an Regelschulen unterrichtet werden, gibt es nicht. Seit dem Schuljahr 2016/17 werden dazu keine statistischen Daten mehr erhoben. Die Begründung des Bildungsministeriums: Inklusion setze voraus, dass Schüler nicht nach Förderschwerpunkten etikettiert werden. Darum könne es auch keine Inklusionsquote geben. Der Rückgang der Förderschüler im Bereich Lernen zeigt jedoch indirekt, dass an den Regelschulen Inklusion praktiziert wird. Dafür ist der Anteil in anderen Bereichen wie Sprache oder emotionale und soziale Entwicklung leicht gestiegen.

Mehr Mittel für Regelschulen gefordert

Beim gegenwärtigen Zweisäulenmodell aus Regel- und Förderschule kann die Politik die Exklusionsquote allerdings nur indirekt beeinflussen. Grund ist die Wahlfreiheit: Im Saarland können die betroffenen Eltern entscheiden, welche Art von Schule ihr Kind besucht. Für Traudel Hell von der Organisation Miteinander Leben Lernen (MLL), die sich für die schulische Integration behinderter Kinder einsetzt, haben viele Eltern derzeit allerdings keine echte Wahl. „Die Ausstattung der Förderschulen hat momentan immer noch Vorrang vor der Ausstattung der Regelschulen. Unter diesen Bedingungen sagen viele Eltern, dass sie ihr Kind lieber auf die Förderschule schicken.“ Sie fordert darum deutlich mehr Mittel für die Regelschulen. Im Übrigen müsse nicht das Wahlrecht der Eltern, sondern das Recht des Kindes auf inklusive Bildung im Mittelpunkt stehen. Dafür müsse alles getan werden.

Aus Sicht der stellvertretenden Landesvorsitzenden des Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (SLLV), Michaela Günther, besteht an Regelschulen vor allem ein Bedarf an sonderpädagogischem Personal. Inklusion könne nur gelingen, wenn Lehrer entsprechende Unterstützung erhalten. Günther spricht sich auch für den Fortbestand von Förderschulen aus.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten vom 03.09.2018 berichtet.

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