Eine Schülerin sitzt im Unterricht mit Maske (Foto: dpa/Alex Käsle)

Jugendliche häufiger infiziert als der Durchschnitt

Melina Miller und Thomas Braun   13.11.2020 | 15:09 Uhr

Die Zahl der an saarländischen Schulen gemeldeten Coronafälle ist zuletzt deutlich gestiegen. Kinder und Jugendliche sind mittlerweile deutlich häufiger von einer Infektion betroffen als andere Altersgruppen. Umstritten ist, welche Rolle dabei die Schulen und das schulische Umfeld spielen.

Jugendliche häufiger infiziert als der Durchschnitt
Audio [SR 3, Thomas Braun, 14.11.2020, Länge: 00:49 Min.]
Jugendliche häufiger infiziert als der Durchschnitt

Deutlich mehr saarländische Schüler und Lehrer haben sich zuletzt mit dem Coronavirus infiziert. Dennoch hält die saarländische Bildungsministerin Christine Streichert-Clivot (SPD) an der Öffnung der Schulen fest, auch aufgrund der schlechten Erfahrungen mit den Schulschließungen im Frühjahr. Streichert-Clivot hatte auch immer wieder betont, dass die Infektionsrate an Schulen "sehr niedrig" sei.

Anteil Jugendlicher an allen Neuinfektionen gestiegen

Tatsächlich liegt der Anteil der Infektionen von jüngeren Menschen an allen Coronafällen im Saarland nur bei 15 Prozent. Dieser Anteil ist in der vergangenen Woche aber gestiegen.

Bezogen auf die jeweilige Altersgruppe haben sich zuletzt deutlich mehr jüngere Menschen angesteckt als in anderen Altersgruppen. Insgesamt gab es 251 Fälle pro 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen bei den 15- bis 20-Jährigen. Das liegt deutlich über dem Landesschnitt. Nur in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen gibt es aktuell einen noch etwas höheren Wert bei dieser Sieben-Tage-Inzidenz.

Infektiosität von Kindern umstritten

Die Äußerung von Bildungsministerin Streichert-Clivot, Schulen seien keine Infektionstreiber, ist umstritten. In der aktuellen Ausgabe des NDR-Podcasts "Coronavirus-Update" sagte der Virologe Dr. Christian Drosten mit Blick auf die aktuelle Studienlage: "Der Eindruck wird einfach härter, dass die Schuljahrgänge genauso zum Übertragungsgeschehen beitragen wie andere Altersgruppen auch." Quellen, die zuvor noch betont hätten, dass Kinder keine Infektionstreiber seien, würden mittlerweile ergänzen, dass die Schulen sicher seien, solange in der Umgebung die Zahl der Neuinfektionen gering sei. Dieser dazugekommene Nachsatz ist für Drosten im Prinzip eine Rücknahme der lange kommunizierten Aussage, Kinder seien bei der Verbreitung des Virus nicht relevant und die Schulen seien sicher.

Das Robert Koch-Institut weist hierzu außerdem darauf hin, dass die meisten frühen Studien zum Infektionsgeschehen bei Kindern und Jugendlichen während oder im Anschluss an Kontaktbeschränkungen beziehungsweise in Lockdown-Situationen durchgeführt worden seien. Deshalb könne man die Studien nur begrenzt auf den Alltag übertragen.

Zahlen steigen seit den Herbstferien

Im Saarland zeigt sich, dass mit dem generellen Anstieg der Coronazahlen in der Bevölkerung auch die Zahl der Neuinfektionen an Schulen in den vergangenen Wochen in fast allen Landkreisen zugenommen hat. So wurden beispielsweise im Landkreis St. Wendel im Zeitraum vom 10. Oktober bis zum 06. November insgesamt 37 Coronafälle an Schulen bekannt. Darunter befinden sich laut Landkreis 25 Indexfälle, also Erstfälle an der betroffenen Einrichtung, und zwölf Folgeinfektionen. Vier dieser Folgefälle zählen zu einem größeren Ausbruchsgeschehen am Cusanus-Gymnasium St. Wendel. Zum Vergleich: Zwischen den Sommer- und Herbstferien hat es im Landkreis insgesamt nur drei Indexfälle und keine Folgefälle gegeben.

Ähnlich die Entwicklung auch im Regionalverband Saarbrücken und im Kreis Merzig-Wadern. Auch hier ist nach den Herbstferien die Zahl der Coronafälle an Schulen gestiegen. Im Saarpfalz-Kreis gab es ab Mitte Oktober zwar ebenfalls an mehr Schulen Coronafälle als vorher: Die Zahl der betroffenen Personen ist aber relativ gleich geblieben, da im Zeitraum vor den Herbstferien bereits knapp ein Dutzend Schüler und Lehrer bei einem einzigen Ausbruchsgeschehen positiv getestet wurden. Nach den Herbstferien hingegen war nach Angaben des Landkreises kein größerer Ausbruch mehr entdeckt worden.

Verlässliche Gesamtzahlen fehlen

Insgesamt gestaltet es sich schwierig, das Infektionsgeschehen an den Schulen genau zu erfassen, wie sich unter anderem am Beispiel des Saarpfalz-Kreises zeigt. Das größere Ausbruchsgeschehen, auf das sich der Landkreis in seiner Antwort auf die SR-Anfrage bezieht, betraf das Berufsbildungszentrum BBZ in St. Ingbert. Dort wurden kurz vor den Herbstferien nach einem Coronafall in einer zwölften Klasse alle Kontaktpersonen getestet, acht Tests bei Schülern und zwei bei Lehrern fielen positiv aus. Allerdings gab es schon Ende September insgesamt vier Coronafälle an der Schule, die aber laut den Kontaktermittlungen des Gesundheitsamtes nicht mit den neueren Fällen in Verbindung stehen und entsprechend in der Statistik nicht auftauchen.

Auch die Datenlage beim Bildungsministerium wirkt unübersichtlich: Im Zeitraum von Schulbeginn am 17. August bis zu den Herbstferien ging das Ministerium von insgesamt nur zwölf Folgeinfektionen an Schulen aus, während die dem SR vorliegenden Daten aus den Landkreisen mindestens 19 Fälle in dem Zeitraum zeigen. Die Zahl könnte sogar noch höher sein: Der Landkreis Saarlouis ließ eine entsprechende SR-Anfrage mit Verweis auf die hohe Arbeitsbelastung des Gesundheitsamtes unbeantwortet, der Landkreis Neunkirchen konnte nur eine unvollständige Zahlenübersicht bereitstellen.

Auch das Ministerium verweist auf die überlasteten Gesundheitsämter, die für die Nachverfolgung der Infektionen zuständig seien. Die Landkreise wiederum verweisen zum Teil auf das Bildungsministerium.

Ansteckungsort in vielen Fällen unklar

Zwar wurden bei den zahlreichen Coronafällen an Schulen bislang nur selten Folgeinfektionen entdeckt, unklar ist allerdings oft, wo sich die positiv getesteten Schüler und Lehrer angesteckt haben. Nach der Ministerpräsidentenkonferenz Ende Oktober, bei der der Teil-Lockdown beschlossen wurde, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betont, dass man mittlerweile bei 75 Prozent der Infektionen nicht mehr wisse, woher sie kommen. Man könne daher nicht mehr sagen, "dass ein bestimmter Bereich überhaupt nicht zur Infektion beiträgt."

Empfehlungen des RKI nur begrenzt umgesetzt

Die Situation an den Schulen bleibt schwierig - nicht nur wegen der unübersichtlichen Datenlage, sondern auch, weil es teils deutliche Kritik am aktuell eingeschlagenen Weg gibt. So werden etwa die am Dienstag beschlossenen neuen Quarantäneempfehlungen von der Gewerkschaft GEW und vom Saarländischen Lehrerinnen- und Lehrerverband stark kritisiert. Nach den Empfehlungen sollen künftig bei einem Coronafall nicht mehr die ganze Klasse, sondern nur noch die direkten Kontaktpersonen in Quarantäne geschickt werden, um die Gesundheitsämter zu entlasten.

Die Gewerkschaft GEW sowie der SLLV haben auch bereits mehrfach die mangelnden Schutzmaßnahmen in Schulen kritisiert und eine Verschärfung gefordert - beispielsweise eine Rückkehr zum sogenannten Hybridunterricht, wie es auch das Robert Koch-Institut empfiehlt. Ab einer Inzidenz von 50 Fällen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen empfiehlt das RKI weitreichende Maßnahmen, um größere Ausbrüche zu vermeiden. Dazu zählt die kürzlich eingeführte Maskenpflicht ab Klassenstufe fünf, die nach den Richtlinien des RKI bereits länger überfällig war. Außerdem spricht sich das Institut für Klassenteilungen und - wenn nötig - Distanz- statt Präsenzunterricht aus. Die Maßnahmen der saarländischen Regierung erfüllen die Empfehlungen also nur teilweise.

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