Michael Hilberer von den Piraten. (Foto: Pasquale D'Angiolillo/SR)

Wahlkampf wie bei House of Cards

Das Gespräch führte Lisa Betzholz   01.08.2017 | 12:14 Uhr

Allein mit Online-Wahlkampf bringe ich jeden Kandidaten in jedes beliebige Parlament, behauptet Ex-Piratenchef Michael Hilberer. Der Schlüssel: eine Story erzählen, ähnlich wie bei der US-Serie „House of Cards“.

„Gebt mir einen überzeugenden Kandidaten und ich bringe euch jede Partei zu 10-20% der üblichen Kosten mit 20% in jedes beliebige deutsche Parlament. Und das nur mit Online-Wahlkampf.“ Diese kühne Wette hat Michael Hilberer auf Twitter geäußert. Im Interview verrät der frühere Saar-Piratenchef, wie das funktionieren soll und was die Parteien in seinen Augen falsch machen.

SR.de: Herr Hilberer, Ihre Wette ist ja eine recht provokante Behauptung. Was würden Sie denn tun, wenn wir Sie beim Wort nehmen?

Michael Hilberer: Es kommt darauf an, welches deutsche Parlament gefragt ist. Es ist mit Sicherheit schwieriger, einen Kandidaten in den Bundestag zu bekommen. Bei einem Landesparlament ist das schon einfacher, weil die den regionalen Bezug haben. Im Grunde geht es um Aufmerksamkeit. Ich brauche die Aufmerksamkeit der Leute. Das heißt, ich muss sie dort abholen, wo sie sind, wo sie ihre Zeit verbringen - und das ist Social Media. Deshalb ist die Behauptung, Social Media würde beim Wahlkampf keine Rolle spielen, nicht wirklich haltbar. Das hat mich motiviert zu sagen: Es geht völlig anders. Nur weil niemand richtiges Social-Media-Marketing macht, heißt das nicht, dass es nicht funktioniert.

SR.de: Wie würde Sie es denn machen?

Hilberer: Wir müssen eine Story erzählen und die muss immer zu dem Medium passen. Facebook ist im Moment so ziemlich das interessanteste Medium. Da kann ich mir beispielsweise bestimmte Zielgruppen raussuchen. Das heißt, ich überlege mir zuerst, wer meinen Kandidaten wählen soll. Dann hole ich mir diese Zielgruppe und mache genau die Art von Content, der für die Leute interessant ist. Ich bezahle ein bisschen Geld, dass sie das auch sehen und erzähle eine Geschichte. Das ist ganz wichtig.

Ich brauche eine Geschichte, die sich auch über Episoden erzählen lässt. Nehmen wir mal Martin Schulz. Bei ihm könnte man die Geschichte „Zero to Hero“ erzählen. Dieses Klassische „vom Alkoholiker zum Bundeskanzler“. Ich würde die Geschichte so interessant erzählen, dass die Leute ihn allein deshalb wählen, weil sie wissen wollen, wie die nächste Folge weitergeht.

SR.de: Wie eine Art Serie mit Cliffhanger?

Hilberer: Genau. Ich kann nicht verstehen, wie jemand, der Bundeskanzler werden möchte, nicht die US-Serie „House of Cards“ als Beispiel nimmt und diese Art von Bildern und von Erzählung für Social Media benutzt. Das kennen die Leute, das wollen sie sehen.

SR.de: Warum sollte man das online machen? Ist die Reichweite hier tatsächlich größer?

Hilberer: Reichweite ist ein interessantes Wort. Fernsehen zum Beispiel hat eine große Reichweite, es guckt nur keiner hin. Ich überlege mir beispielsweise, dass ich einen Wahlkampfwerbespot im Fernsehen machen möchte. Den will ich vor der Tagessschau schalten. Was passiert dann? Die Leute warten auf die Tagesschau, davor kommt ein Werbeblock und sie nehmen ihr Handy in die Hand und machen Facebook auf. Mit Fernsehen habe ich zwar Reichweite, aber keine Aufmerksamkeit. Deshalb gehe ich nur nach Aufmerksamkeit. Es ist mir wichtiger, die Leute zu treffen, die ich wirklich treffen möchte und zwar dort, wo sie sind.

SR.de: Aber es bekommen ja nicht alle Facebook-Nutzer alle Inhalte angezeigt. Die Fachwelt spricht hier von sogenannten „Filter-Blasen“. Wie wollen Sie diese Blasen zerplatzen lassen?

Hilberer: Ich kann dafür bezahlen, dass jeder Nutzer meine Inhalte sieht. Facebook hat alle Daten. Das ist das Schöne für Facebook und das Bedenkliche für Europa. Wenn Sie eine Facebook Werbung schalten, bekommen Sie ein Formular, wo Sie eingeben können, welche Nutzer Sie erreichen wollen. Da können Sie runtergehen bis zu: „Ich möchte alle Leute haben, die bei Saarstahl arbeiten.“ Oder ich ärgere meinen politischen Gegner und sage, ich will alle CDU-Mitglieder erreichen. So lassen meine Inhalte jede Filter-Blase zerplatzen und ich bekomme denjenigen, für den ich bezahlt habe.

SR.de: Warum haben Sie das bei der Piratenpartei nicht genutzt?

Hilberer: Ich hätte das gemacht, wenn ich nochmal für die Wahl angetreten wäre. Aber mit der Piratenpartei war kein Staat zu machen. Die Gründe dafür würden wieder andere Interviews füllen.

SR.de: Kann man Ihre Äußerung auf Twitter als Comeback in die Politik verstehen?

Hilberer: Nicht wirklich. Ich gehe nicht davon aus, dass demnächst einer um die Ecke kommt und sagt: „Berate uns mal in der Richtung.“ Ich bin gerade wieder in die IT-Welt eingestiegen. Darauf konzentriere ich mich jetzt hauptsächlich. Aber wenn ich wieder die Stimmen der alten Welt höre, die sagen, politischen Wahlkampf kann man abschreiben, verfehlt das schon etwas die Realität. Das hat mich angestachelt auch Position zu beziehen, weil ich glaube eine solche Haltung ist einfach falsch.

Da ist das Medium an der Stelle einfach nicht verstanden worden. Ich kann auf ein beliebiges Politiker-Profil gehen und wir werden immer das gleiche sehen: Bilder von ihm oder ihr, die mit einer Gruppe von Leuten nett in die Kamera lächeln und Pressemitteilungen der Partei. Das funktioniert nicht. Das will auch kein Mensch lesen. Was mich interessieren würde, ist die Story, wie sie dahingekommen sind, wo sie hin möchten. Richtig spannend wird es dann wenn man es entsprechend für das Medium umsetzt.

SR.de: Wie sehen jetzt Ihre weiteren Pläne aus?

Hilberer: Ich lasse nach fünf Jahren in der Politik meine Karriere wieder aufleben. Darauf liegt momentan mein Fokus.

SR.de: Werden Sie überhaupt wieder in die Politik gehen?

Hilberer: Momentan nicht. Ich habe gesagt, dass ich mir ein halbes Jahr Pause nehme, um mal runterzukommen. Politik ist ganz viel vom Alltagsgeschäft geprägt, ganz viel Tagespolitik, ganz viel Hamsterrad. Ich nehme mir jetzt eine Auszeit und bleibe auch erstmal dabei.

SR.de: Vielen Dank für das Gespräch.

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