Tobias Hans. (Foto: picture alliance/Oliver Dietze/dpa)

Hans warnt vor Kollaps in den Kliniken

  01.11.2020 | 19:49 Uhr

Ministerpräsident Tobias Hans hat mit Blick auf die steigenden Coronazahlen vor einem Kollaps in vielen Krankenhäusern gewarnt. Dem SR sagte er, es drohten Verhältnisse wie im Frühjahr in Italien.

Schon bald könne es zu einem Kollaps in vielen der 1900 Krankenhäuser in Deutschland kommen, sagte der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) in dem Bericht. Gerade jetzt, wo in der zweiten Corona-Welle jeder Intensiv- und Beatmungsplatz dringend benötigt werde, würden Kliniken aus der Versorgung fallen und Stationen geschlossen. Viele Notaufnahmen würden abgemeldet.

Video [aktueller bericht, 01.11.2020, Länge: 2:03 Min.]
Hans fordert Bundeshilfen für saarländische Kliniken

Grund sei fehlendes oder erkranktes Pflegepersonal. Hans forderte aufgrund der Situation einen Rettungsschirm und Unterstützung für die Kliniken. So sollte dringend die Freihaltepauschale für leerstehende Betten wieder eingeführt werden.

Kollaps mit neuen Maßnahmen verhindern

Hans warnt vor Kollaps
Audio [SR 3, (c) SR, 01.11.2020, Länge: 00:49 Min.]
Hans warnt vor Kollaps

Auch der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Hermann-Josef Scharf forderte den Bund in einer Pressemitteilung dazu auf, in die Erstattung leerer Betten einzusteigen, damit diese für Corona-Patienten bereitstehen. Die Höchstzahl der stationär aufgenommenen Patienten habe im März im Saarland bei 222 gelegen - nun, drei Wochen nach Beginn der zweiten Welle, seien bereits wieder 153 Menschen in Krankenhäusern. Es müsse jetzt gehandelt werden.

Zuspruch für die Forderungen des Ministerpräsidenten kommt auch von der SPD: Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses Magnus Jung (SPD) bekräftigt die Forderungen an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), allerdings sei eine Warnung nicht ausreichend. Das saarländische Gesundheitsministerium müsse nun die Maßnahmen benennen, die den Kollaps verhindern sollen. Der Landkreistag Saarland fordert, den Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst vorzuziehen um so den Gesundheitsämtern früher finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen.

Lafontaine sieht Fehler bei Landesregierung

Der Fraktionsvorsitzende der Linken im Saarland, Oskar Lafontaine, sieht die Schuld für den Mangel an Pflegekräften auch bei der Landesregierung. Bereits vor zwei Jahren hätten nach Angaben der saarländischen Krankenhausgesellschaft rund 3000 Pflegekräfte in den saarländischen Kliniken gefehlt. Der Grund dafür liege in der schlechten Bezahlung - vor allem auch im Vergleich zu anderen Ländern wie Luxemburg.

Viele ausgebildete Pflegekräfte, die derzeit in anderen Berufen arbeiten, seien bereit, bei besserer Bezahlung und besseren Arbeitsbedingungen zurück in den Pflegeberuf zu wechseln. Lafontaine fordert Ministerpräsident Hans deshalb auf, in der kommenden Woche im Rahmen der Regierungserklärung konkrete Maßnahmen auf Grundlage verlässlicher Zahlen Maßnahmen der Landesregierung vorzustellen, um den Pflegenotstand zu mildern.

Grundlage für ausreichend Personal sind auch für Marc Speicher, arbeits- und industriepolitische Sprecher der CDU-Fraktion im saarländischen Landtag, ordentliche Löhne und Arbeitsbedingungen sowie Wertschätzung. Deshalb fordert er einen flächendeckenden allgemeinverbindlichen Tarifvertrag. Jedoch lehnt er die Kritik von Lafontaine ab - die Landesregierung hätte in den vergangenen Jahren vieles auf den Weg gebracht, zum Beispiel den Pflegepakt oder die Neuausrichtung der Pflegeausbildung.

Auch Saar-Kliniken betroffen

Im Marienkrankenhaus in St. Wendel mussten geplante Operationen bis Mitte kommender Woche abgesagt werden. Außerdem wurden hier und im Caritasklinikum auf dem Saarbrücker Rastpfuhl die Notfallambulanzen abgemeldet. An der Uniklinik in Homburg fehlt es einem Zeitungsbericht zufolge an Personal, viele Intensivbetten sind dort derzeit belegt.

Bundesweit sind offenbar weniger freie Intensivbetten einsatzbereit als angenommen. Ein Sprecher des Intensivregisters sagte im Bericht, bundesweit meldeten Kliniken freie Betten als verfügbar an, obwohl einige wegen des Personalmangels gar nicht genutzt werden können. Patientenschützer riefen unterdessen dazu auf, im Ernstfall nicht nur Covid-19-Patienten deutschlandweit auf freie Kliniken zu verteilen. Dies müsse gegebenenfalls auch für alle Schwerstkranken gelten.

Lage in Deutschland besser als in anderen Ländern

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sagte dem „Tagesspiegel am Sonntag“, die Lage in Deutschland sei zwar „angespannt“, aber besser als in einigen anderen Ländern. Dennoch seien die neuen Maßnahmen, die ab Montag gelten, notwendig.

Erneute Grenzschließungen schloss Maas aber weiterhin aus: Auch wenn sich die Coronapandemie weiter verschärfen sollte, bleiben die Grenzen zu den Nachbarstaaten geöffnet. Man habe im Frühjahr genügend Erfahrungen gemacht, wie Kontrollen organisiert werden müssten, falls sie notwendig würden. Kilometerlange Staus werde es nicht geben.

Über dieses Thema haben auch die SR-Hörfunknachrichten am 01.11.2020 berichtet.

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