Kristina Hänel (Foto: dpa)

Abtreibung: Ein politischer Eingriff

Jakob Hartung, das Interview hat Jochen Erdmenger geführt   18.11.2019 | 21:15 Uhr

Die Ärztin Kristina Hänel wurde angezeigt und rechtskräftig verurteilt, weil sie auf ihrer Webseite Informationen über Schwangerschaftsabbrüche anbot. Allein ein solcher Hinweis gilt in Deutschland als Werbung und ist verboten. Hänel hält das für „staatliche Zensur“.

Das Thema Abtreibung wird in Deutschland sehr kontrovers diskutiert. Erst am letzten Wochenende demonstrierten in Saarbrücken Gruppen für und gegen Schwangerschaftsabbrüche. Nach ihrer Verurteilung vor zwei Jahren steht Kristina Hänel im Mittelpunkt dieser Diskussion.

"Tagebuch einer Abtreibungsärztin"
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger, 18.11.2019, Länge: 09:15 Min.]
"Tagebuch einer Abtreibungsärztin"

Die Ärztin informiert bereits seit über zehn Jahren auf ihrer Webseite über Abtreibungen und wurde, wie viele andere Ärzte, mehrmals dafür verklagt. Üblicherweise wurden diese Klagen fallengelassen, dieses Mal passierte das jedoch nicht. Der Kläger setzte sich durch und Hänel erhielt eine Geldstrafe. Sie nennt das im SR-Gespräch „staatliche Zensur“ und kritisiert die Politik, die eigentlich nur aus gravierenden Gründen Bürgerrechte einschränken dürfte.

Patientinnen aus allen sozialen Schichten

Statistisch gesehen würden die meisten ungewollten Schwangerschaften ausgetragen, sagte Hänel. Die Patientinnen, die sich von ihr behandeln ließen, seien 13 bis 47 Jahre alt und aus allen sozialen Schichten. Erst die eigene Betroffenheit lasse viele Menschen die Notwendigkeit von Abtreibungen nachvollziehen. Es rede jedoch niemand über Abtreibungen, und die gesetzliche Lage würde die Situation noch erschweren, so Hänel.

Schon im Kaiserreich und der Weimarer Republik wurden in Deutschland Abtreibungen gesetzlich erschwert. Der Paragraph 219a, der Ärzte daran hindert, Informationen über Schwangerschaftsabbrüche anzubieten, wurde 1933 von den Nationalsozialisten verabschiedet. Der Bundestag hat den Paragraphen kürzlich reformiert. Die Liberalisierung geht vielen Ärzten, Politikern und Aktivisten nicht weit genug, sie wollen den Paragraphen abschaffen. Hänel will auch weiter gegen das Gesetz kämpfen und hat zu diesem Zweck das Buch „Das Politische ist persönlich – Tagebuch einer ‚Abtreibungsärztin‘" veröffentlicht.

Ein Thema in der SR 2-Sendung "Der Nachmittag" vom 18.11.2019.

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