Gusswerke in Saarbrücken (Foto: imago images/Becker&Bredel)

Insolvenzantrag bei Gusswerke Saarbrücken

mit Informationen von Karin Mayer   21.09.2019 | 10:05 Uhr

Bei den Gusswerken Saarbrücken wird ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung durchgeführt. Trotz ausstehender Löhne läuft die Produktion vorerst weiter. Bis das Insolvenzgeld gezahlt wird, vergehen allerdings noch einige Tage.

Das Insolvenzgericht Sulzbach setzte Rechtsanwalt Franz Abel als vorläufigen Sachwalter ein. Im Amt bleibt aber auch der Geschäftsführer der Gusswerke Saarbrücken, Michael Capitain. Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD) sprach von einer weisen Entscheidung. Zuvor hatte er den Insolvenzantrag als "rechtlich mittlerweile leider unvermeidlich" bezeichnet.

Video [aktueller bericht, 20.09.2019, Länge: 4:27 Min.]
Saarbrücker Gusswerken müssen in Insolvenz

Die IG Metall Saarbrücken hatte sich gegen ein Verfahren in Eigenverwaltung ausgesprochen und ein klassisches Insolvenzverfahren gefordert: "Wir glauben, dass ein Insolvenzverwalter in einem Regelverfahren hier schneller zu Ergebnissen kommen kann, als das in der bisherigen Konstellation gelungen ist", sagte Patrick Selzer von der IG Metall.

Gusswerke Saarbrücken gehen in Insolvenz
Audio [SR 3, Karin Mayer, 20.09.2019, Länge: 03:21 Min.]
Gusswerke Saarbrücken gehen in Insolvenz

Die rund 1000 Beschäftigten der Gusswerke Saarbrücken haben bisher ihre Löhne für den Monat August nicht bekommen. Zudem steht seit dem 1. September die Zahlung von Abfindungen für weitere rund 200 ehemalige Beschäftigte aus, die zuvor Aufhebungsverträge unterschrieben hatten. Die Mitarbeiter in Leipzig haben ihr Geld bereits erhalten. Am Freitagvormittag fand vor dem Saarbrücker Werkstor eine Informationsveranstaltung des Betriebsrates für die Belegschaft statt.

Das bedeutet die Insolvenz

Karin Mayer zu weiteren Schritten nach Insolvenzantrag
Audio [SR 3, (c) SR, 21.09.2019, Länge: 03:35 Min.]
Karin Mayer zu weiteren Schritten nach Insolvenzantrag

Das Unternehmen kann nun Insolvenzgeld beantragen. Dieses wird in Höhe des Nettolohns gezahlt. Zulagen werden allerdings nicht gewertet, wodurch das Insolvenzgeld etwas niedriger ausfällt als der Lohn. Das Geld dürfte innerhalb weniger Tage auf dem Konto sein, sobald die Bundesagantur für Arbeit den Antrag geprüft hat. Weil der Insolvenzantrag erst am Freitagmittag gestellt wurde, können die Maßnahmen aber erst am Montag eingeleitet werden.

Weit schlechter sieht es für die 200 Beschäftigten aus, die im August noch Auflösungsverträge unterschrieben haben. Sie haben in der Insolvenz kaum Chancen, ihre zugesagten Abfindungen zu bekommen. Sie sind jetzt quasi Gläubiger des Unternehmens und müssen hoffen, dass überhaupt etwas beglichen wird. Die IG Metall will deshalb die Betroffenen kontaktieren und klären, wie die Situation ist.

Unterschiede bei Auflösungsverträgen

Bei diesen Beschäftigten gibt es Unterschiede, da sich 80 von ihnen für eine Transfergesellschaft entschieden hat. Diese ist gesichert, da dort das Geld geflossen ist. Sie bekommen dadurch noch zwölf Monate lang Lohn. Wer nur eine Abfindung genommen hat, das sind etwa 60 Mitarbeiter, dem rät die Gewerkschaft, den Auflösungsvertrag anzufechten. Diese Beschäftigten könnten dann wenigstens Insolvenzgeld erhalten.

Darüber hinaus gibt es noch 50 Grenzgänger, die erst im März betroffen sind. Dort erwartet Patrick Selzer von der IG Metall Saarbrücken, dass der Sachwalter die Auflösungsverträge rückabwickelt.

Produktion läuft weiter

Unterdessen läuft die Produktion bei den Gusswerken weiter, die Mitarbeiter seien nach der Informationsveranstaltung am Vormittag zurück an die Maschinen gegangen, sagte der Betriebsratsvorsitzende Bernd Geier. "Wir sind halt Halberger. Wir haben gesagt: Wir beliefern einen Deutz. Wir beliefern einen GM. Das werden wir weiter tun, weil wir nur hierin eine Chance sehen, das Werk für das Kommende zu stabilisieren", sagte Geier.

Staatssekretär Barke betonte, dass das Land auch im nun folgenden Verfahren alles versuchen werde, um "zu retten, was zu retten ist". Die Landesregierung sei weiter an einer Lösung interessiert. "Aber dafür müssen alle Beteiligten zum Wohle der Beschäftigten und des Unternehmens an einem Strang ziehen", so Barke.

SPD kritisiert Großkunden VW

Der SPD-Fraktionschef im Landtag, Ulrich Commerçon, macht für die aktuelle Entwicklung insbesondere den Gusswerke-Kunden VW verantwortlich. "Dass ein Unternehmen sich so aus der Verantwortung stehlen will, ist ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten", sagte Commerçon. Bis zuletzt hatten Eigentümer, Kunden und das Land um eine Lösung gerungen. Der CDU-Landtagsabgeordnete Marc Speicher sagte, nun müssten alle Möglichkeiten zur Fortführung des Betriebes ausgeschöpft und über das Insolvenzgeld den Mitarbeitern zu ihrem Lohn verholfen werden. Die Linke im Saarländischen Landtag kündigte an, zur aktuellen Situation bei Halberg Guss eine Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses nächste Woche zu beantragen.

Hintergrund

Der Investor One Square Advisors hat die Gusswerke Saarbrücken und Leipzig Ende 2018 übernommen. Das Vorgänger-Unternehmen Neue Halberg Guss war nach langwierigen Streitigkeiten zwischen dem früheren Eigentümer Prevent und Kunden in die Krise geraten.

Die Auftragslage hat sich in der gesamten Branche verschlechtert. Sowohl durch den Abgasskandal als auch durch den Handelskrieg mit US-Präsident Donald Trump werden immer weniger Autos verkauft, vor allem Diesel. Neue Antriebe treffen vor allem die Zulieferer. Deshalb hatten die Gusswerke Saarbrücken auch Kurzarbeit angemeldet.

Dann kam der Personalabbau, 200 Stellen sollten wegfallen, um endlich das versprochene Wirtschaftsgutachten zu bekommen. Es sollte eine positive Prognose für die Gusswerke enthalten und dadurch den Zugriff auf Landesbürgschaften ermöglichen. Das war eigentlich ein wichtiger Schritt. Dabei hat das Unternehmen aber wohl einen Fehler gemacht: Man hat Abfindungen versprochen, ohne das Geld dafür zu haben. Die Kunden hatten es zugesagt, aber nicht gezahlt.

Das Unternehmen muss jetzt das Insolvenzgeld sichern. Außerdem muss der Geschäftsführer zusammen mit dem Sachwalter versuchen, die Zusagen der Kunden zu bekommen, die bislang fehlen. Das wird nicht leicht. Die Beschäftigten hoffen unterdessen weiter, dass ihre Jobs gerettet werden.

Gesellschafter unter Zugzwang
Weiter keine Lösung für Saarbrücker Gusswerke [19.09.2019]
Bei den Gusswerken Saarbrücken stehen die Gesellschafter unter Zugzwang. Bereits seit Anfang September ist das Unternehmen mit der Zahlung von Abfindungen in Rückstand. Nach drei Wochen droht der Vorwurf der Insolvenzverschleppung.

Über dieses Thema wurde auch in den Hörfunknachrichten des SR vom 20.09.2019 berichtet.

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