Junge Menschen sammeln Ideen für Start-ups. (Foto: picture alliance / PantherMedia)

Gründerstandort Saarland ist noch ein zartes Pflänzchen

Daniel Dresen   26.09.2020 | 09:23 Uhr

Die Zahl der Gründungen im Saarland liegt seit Jahren deutlich unter dem Bundesschnitt. Zwar verzeichnete die IHK Saarland in den vergangenen beiden Jahren einen positiven Trend, doch dieser könnte durch die Corona-Pandemie in diesem Jahr abrupt gestoppt werden.

Im Jahr 2019 ist die Zahl der Existenzgründungen im Saarland zum zweiten Mal in Folge gestiegen. Wie aus dem IHK-Gründerreport hervorgeht, haben im vergangenen Jahr im gewerblichen Bereich 2685 Gründer den Sprung in eine hauptberufliche Selbstständigkeit gewagt, 98 mehr als im Jahr zuvor. Dies entspricht einem Zuwachs von 3,8 Prozent. Bundesweit sank die Zahl der Existenzgründungen im selben Zeitraum dagegen um 1,6 Prozent.

Bessere Bedingungen schaffen

"Dadurch konnte die langjährige Gründungslücke gegenüber dem Bund etwas verringert werden", sagt Carsten Meier, IHK-Geschäftsführer im Saarland. Lag die Zahl Gründungen je eine Million Einwohner gerechnet im Schnitt der Jahre 2008 bis 2017 im Saarland noch um 878 Gründungen pro Jahr unter dem Bundesschnitt, verringerte sich dieser Wert 2018 bereits auf 649 und im Jahr 2019 auf 488.

"Der positive Trend der beiden letzten Jahre lässt auf eine neue Gründungsdynamik im Saarland hoffen. Voraussetzung für eine Verstetigung dieser Entwicklung sind aber bessere Rahmenbedingungen für Gründer", fordert Meier. Nur dann werde der "Unternehmerfunke zünden" und sich das Saarland zu einem "Hotspot für innovative Gründungen" profilieren, wie es die Regierungsparteien CDU und SPD im Koalitionsvertrag vereinbart hätten.

Zu wenig junge Tech-Unternehmen

Der Anteil technologieorientierter Gründungen ist nach Auskunft der IHK "noch immer äußerst gering". Das gelte auch für die Zahl der angestrebten Ausgründungen aus den Forschungsinstituten wie dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) oder dem CISPA, die "sehr überschaubar" sei.

Am in St. Ingbert geplanten CISPA Innovation Campus sollen in Zukunft junge Unternehmer und Start-ups ein attraktives Umfeld finden. Die saarländische Landesregierung hofft, so den Technologietransfer aus dem IT-starken Umfeld der Universität des Saarlandes in die Wirtschaft zu verbessern.

"Wir brauchen noch mehr Engagement, andernfalls fehlt dem Saarland das Potenzial innovativer unternehmerischer Lösungen, die gerade in Zeiten des Strukturwandels und der digitalen Transformation notwendig sind, um Wachstum und Beschäftigung zu sichern“, betont der IHK-Geschäftsführer.

Standortnachteile im Saarland

Die Kontaktstelle für Wissens- und Technologietransfer (KWT) der Universität des Saarlandes erklärt, dass der Gründungsstandort Saarland durch seine geografische Lage und Strukturen Nachteile mit sich bringt.

"Das bekommen unsere Gründer besonders auf der Suche nach Finanzierungsmöglichkeiten zu spüren. Finanzierungen zu finden, ist im Saarland nach wie vor ein schwieriges Thema", sagt KWT-Gründungsberaterin Christine Görgen. Kontakte zu einer überregionalen Investorenschaft, die insbesondere für Start-ups wichtig sind, seien bisher nur in Ansätzen vorhanden.

Zudem gebe es bisher noch zu wenig "systematischen Austausch" zwischen regionalen Unternehmen, insbesondere dem Mittelstand und den Start-ups, was jedoch einen äußerst positiven Effekt auf die frühzeitige Geschäftsmodellvalidierung und das Wachstum der Gründungen hätte, so Görgen. Einmal jährlich veranstaltet die KWT deshalb den sogenannten Saarland-Pitch, bei dem Start-ups die Möglichkeit bekommen, sich vor Investoren zu präsentieren und in direkten Austausch zu treten.

Vorteile der Großregion nutzen

Die Vielfalt an Investoren reicht laut KWT von Venture-Capital-Gesellschaften, über die saarländischen Business Angels bis hin zu Family Offices. "Auch immer mehr Unternehmen interessieren sich für ein Investment oder eine Zusammenarbeit mit den Start-ups. Daneben spielen Crowdfunding oder Accelerator-Programme eine immer größere Rolle", so Görgen. An der Universität des Saarlandes selbst gebe es den sogenannten IT-Inkubator, der in erfolgsversprechende IT-Projekte investiere und diese zum Markteintritt bringt.

In Zukunft müsse der Gründungsstandort Saarland in der Großregion stärker beworben werden. "Die Grenznähe zu Frankreich und Luxemburg ist sicher ein Vorteil, jedoch stellen sich positive Effekte nicht automatisch ein, sondern müssen gezielt gefördert werden", sagt Gründungsberaterin Madeleine Selina Adam.

In mehr als 20 Jahren haben nach KWT-Angaben mehr als 400 Start-ups Beratungsleistungen in Anspruch genommen und im Saar-Uni-Umfeld gegründet. "Konkret zählen wir im Jahr weit mehr als 100 Gründungsvorhaben und circa 25 Gründungen. Nicht umsonst hat die Saar-Uni beim Gründungsradar mit ihren Angeboten Platz zwei unter den großen Hochschulen belegt", so Gründungsberaterin Christine Görgen. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft zählt die Universität zu den Hochschulen mit "exzellenter Gründungskultur".

Bei der IHK Saarland haben sich im vergangenen Jahr 550 Gründungsinteressierte beraten lassen. Das waren nach eigenen Angaben 20 Prozent mehr als im Jahr 2018. "Wie viele Gründungsinteressierte tatsächlich den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt haben, ist schwer abzuschätzen. Doch der positive Trend lässt auf eine neue Gründungsdynamik schließen, die nun verstetigt werden muss", sagt IHK-Geschäftsführer Carsten Meier.

Gesetzgeber und Schulen in der Pflicht

Trotz der positiven Entwicklung im Saarland in den vergangenen beiden Jahren sieht die IHK Verbesserungspotenzial bei der Stärkung der Gründerkultur und bei den Rahmenbedingungen für Existenzgründer. "Um den Gründergeist zu wecken und Gründungen anzuregen, braucht es vor allem eine positive Einstellung zu den Themen Unternehmertum, Selbstständigkeit und Gründung. Hierzu können die Schulen und Hochschulen wertvolle Beiträge liefern, denn unternehmerisches Denken und Handeln sind Schlüsselkompetenzen", so Meier.

Mit Blick auf die notwendige Verbesserung der Rahmenbedingungen weist die IHK darauf hin, dass junge innovative Unternehmen darauf angewiesen sind, dass ihre spezifischen Bedürfnisse auch in Gesetzen und Verordnungen Berücksichtigung finden. Die IHK regt daher für das Saarland einen standardmäßigen Start-up-Check mit dem Ziel an, dass der Gesetzgeber die Belange von Gründern und Start-ups bereits bei der Ausgestaltung neuer Normen sowie Novellierungen von Gesetzen und Verordnungen stärker in den Blick nimmt.

Gewinner und Verlierer der Corona-Krise

Aktuell flaut der positive Trend am Gründerstandort Saarland wegen der Corona-Pandemie ab. Die Zahl der Gründungen im Saarland ist nach Auskunft der IHK im ersten Halbjahr 2020 um 17 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen. Im Bundesschnitt war es nur ein Rückgang von acht Prozent.

"Wir sind aber zuversichtlich, dass ein Teil dieses Rückgangs im weiteren Jahresverlauf wieder aufgeholt werden kann. Um hier mehr Dynamik zu entfalten, haben wir unsere Informations- und Beratungsangebote ausgebaut und verzeichnen gerade bei unserer digitalen Plattform Gründungswerkstatt Saarland stark wachsendes Interesse", so Meier.

Die Auswirkungen der Coronakrise auf die Start-ups seien je nach Geschäftsmodell und Alter der Start-ups sehr unterschiedlich, teilt die KWT mit. "Während Start-ups und junge Unternehmen in den Bereichen E-Commerce sowie automatisierte Datenerfassung und Geschäftsabwicklung positive Effekte verzeichneten, hatten Unternehmen, die Digitalisierung als Unterstützung für analog stattfindende Mensch-Mensch-Interaktionen nutzen, stark negative Effekte", erklärt Gründungsberaterin Christine Görgen.

Für Start-ups, deren Finanzierung noch nicht über das Tagesgeschäft gesichert ist und die weiterhin auf starkes Wachstum angewiesen seien, hätten die Kontaktbeschränkungen in der Corona-Zeit stark negative Auswirkungen auf die Investorensuche und den Vertrieb – unabhängig von ihrem Geschäftsmodell.

"Verträge mit Investoren oder Kunden, die kurz vor Abschluss standen, wurden häufig zunächst auf Eis gelegt", so Görgen. Die Vertriebsaktivtäten hätten sich häufig ausschließlich auf die Onlineaktivitäten verlagert. Kosten mussten "drastisch reduziert" werden. Teilweise sei es auch zu Entlassungen von Personal gekommen.

Trotz der Pandemie verzeichnet die KWT keinen Nachfragerückgang an ihren Beratungsangeboten. Auch die Zahl der Gründungsvorhaben sei im Saar-Uni-Umfeld bisher konstant geblieben.

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