Solarzellenfeld von Greencells (Foto: SR)

Ungeplant zum erfolgreichen Solarunternehmen

Peter Sauer   18.10.2021 | 11:19 Uhr

Die Saarbrücker Firma Greencells entwickelt, finanziert und baut weltweit Solarparks. Die Gründung nennt Geschäftsführer Andreas Hoffmann „einen Zufall“. Elf Jahre danach zählt Greencells zu den erfolgreichsten Solarunternehmen Europas.

Der Werdegang von Greencells-Gründer und -Geschäftsführer Andreas Hoffmann ist bemerkenswert. Systemtechnik und Jura hat Hoffmann studiert, aber nie abgeschlossen. Stattdessen ist er in die Werbebranche eingestiegen, machte sich selbstständig, gründete eine Agentur. „Als wir die Werbeagentur verkauft hatten, standen die Leute aus dem Event-Teil quasi auf der Straße“, erläutert Hoffmann.

Ende der Nuller-Jahre startete der Solaranlagenbau in Deutschland gerade durch – rund 130.000 Menschen arbeiteten 2010 in der Photovoltaikbranche. „Für unsere Event-Mitarbeiter haben wir dann eine Solarbaustelle als Ersatzarbeit gefunden. Das war die Geburtsstunde von Greencells. Die Gründung war eigentlich Zufall.“

Top10-Solarunternehmen in Europa

Mittlerweile hat Greencells weltweit 300 Mitarbeiter und Photovoltaik-Anlagen in 25 Ländern. Die 131 installierten Solaranlagen erzeugen eine Gesamtleistung von 2,3 Gigawatt. Damit zählt Greencells zu den zehn erfolgreichsten Solarkonzernen Europas. Der Umsatz hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdreifacht – auf aktuell knapp unter 100 Millionen Euro. „In diesem Jahr rechnen wir mit einem Umsatzplus von 30 Prozent“, so Hoffmann.

Um das Wachstum zu finanzieren, verkauften Hoffmann und sein Mitgründer Marius Kisauer vor drei Jahren 50 Prozent ihrer Anteile an die saudi-arabische Investorengruppe Zahid. Ein Investor aus einem Ölstaat bei einem nachhaltigen Solarunternehmen?

„Wir mussten beim Anlagenbau mit viel Geld in Vorlage treten. Da haben wir einen strategischen Investor benötigt. Die saudische Familie hat ihren Wohlstand durch Infrastrukturprojekte gemacht. Durch bereits bestehende Investments in diesem Bereich ergeben sich für alle Beteiligten Synergieeffekte“, begründet Hoffmann. 

Erst international, dann national

Bangladesch, Malaysia, Malawi, Ecuador, Niederlande oder Polen – überall hat Greencells Photovoltaik-Anlagen. Den Großteil der Umsätze macht das Saarbrücker Unternehmen aber seit jeher im Ausland. „Dieser frühzeitige Fokus auf die internationalen Märkte hat unsere Existenz Anfang der Zehner-Jahre gesichert“, sagt Hoffmann.

Zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts brach die Solarbranche in Deutschland zusammen. Greencells hat als eine der wenigen Firmen überlebt. Mittlerweile ist der deutsche und europäische Markt auch wieder im Fokus. So hat Greencells auch in Landsweiler-Reden bereits einen Solarpark gebaut, in Bliesransbach laufen Planungen.

Hybride Energieanlagen

Mit dem Konzept sogenannter „hybrider Kraftwerke“ will Greencells die Grundstromversorgung mit erneuerbaren Energien gewährleisten. „Solarenergie ist bei diesen hybriden Kraftwerken natürlich immer der zentrale Baustein. Das kombinieren wir mit Windkraftanlagen und Energiespeichersystemen, vornehmlich Batteriespeichersystemen“, erläutert Hoffmann.

Technische Überwachung der Solaranlagen bei Greencells (Foto: SR)
Technische Überwachung der Solaranlagen bei Greencells

Auch andere Erzeugungsformen wie Wasser und Biomasse könnten integriert werden. So will man gegen ein Grundproblem erneuerbarer Energien vorgehen: Denn Photovoltaikanlagen funktionieren nur bei Sonneneinstrahlung, Windkraftanlagen nur bei Wind.

„Mit dem hybriden Ansatz können wir die erneuerbaren Energien leichter in die bestehenden Netze integrieren und so auch dauerhaft Strom zur Verfügung stellen.“ Und somit die Grundlast erzeugen, also die Menge Strom, die ein Industrieland wie Deutschland permanent benötigt.

Digitalisierung hilft gegen Fachkräftemangel

Wie viele Firmen hat Greencells nicht erst seit Corona mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen. Deshalb setzt man auf neue digitale Werkzeuge wie Augmented-Reality-Brillen. Die Arbeiter vor Ort – zum Beispiel an einer Baustelle in Ungarn – tragen diese Brillen. Das, was die Arbeiter sehen, wird als Live-Video an die Ingenieure in Saarbrücken übertragen.

Weltweite Wartungsarbeiten können von den Fachleuten so aus Saarbrücken durchgeführt werden, Baupläne oder Anleitungen aus der Firmenzentrale direkt ins Sichtfeld der Arbeiter vor Ort geschickt werden. „So reduzieren wir unsere Reisekosten, unseren CO2-Fußabdruck und minimieren sozusagen die unproduktive Zeit“, erläutert Cyrus Hecker, der zuständige Projektleiter bei Greencells.

Statt mehrere Stunden im Flugzeug zu verbringen, können die Mitarbeitenden effizient aus dem Homeoffice arbeiten. Entscheidend hierfür ist eine stabile und schnelle Internetverbindung – am besten 5G.

Kooperation soll Digitalisierung forcieren

Greencells ist einer von sieben kleinen und mittelgroßen Betrieben der saarländischen Industrie, die am Forschungsprojekt ViSAAR teilnehmen. Praktische Anwendungen für virtuelle Arbeitsplätze in Industrie und Produktion sollen durch die Kooperation in den kommenden drei Jahren entwickelt werden.

Koordiniert wird ViSAAR von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft saaris. Das August-Wilhelm-Scheer-Institut (AWSi), das Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZeMA) und das Saarbrücker ISO-Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft sind als weitere Projektpartner an Bord. Die Erforschung dieser Remote-Arbeitsplätze – also quasi ferngesteuertes Arbeiten – fördert das Bundesforschungsministerium mit 3,4 Millionen Euro. „Der Austausch ist bisher sehr gut und alle Beteiligten profitieren von der Zusammenarbeit“, sagt Cyrus Hecker.

Augmented-Reality-Brillen oder Drohnen gehörten schon vor der Corona-Pandemie zum Arbeitsablauf von Greencells und werden nach Angaben von Geschäftsführer Andreas Hoffmann in Zukunft noch stärker eingebunden. Sie sollen auch dabei helfen, die gut gefüllten Auftragsbücher abzuarbeiten.

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