Ein Lehrer betreut einen Schüler in einer Inklusionsklasse, während eine zweite Lehrerin den Rest der Klasse unterrichtet. (Foto: Imago Images/Michael Gottschalk/photothek.net)

Noch kein Geld für inklusive Bildung

Kai Forst   11.01.2020 | 08:45 Uhr

500.000 Euro wollte die Landesregierung 2019 eigentlich in die sogenannten multiprofessionellen Teams und damit in inklusive Bildung investieren. Doch von der halben Million sind erst 50.000 Euro verwendet worden – und zwar für die Exklusion. Die Gewerkschaft GEW und die Arbeitskammer sind verägert.

Die Notwendigkeit der sogenannten multiprofessionellen Teams an Regelschulen - also die Zusammenarbeit von Lehrern, Sonderpädagogen, Erziehern, Sozialarbeitern und Schulpsychologen - ist unbestritten. Ende Oktober 2018 hatte die Landesregierung in einem Spitzengespräch mit den Gewerkschaften daher erklärt, nachträglich 500.000 Euro in den Haushalt 2019 einzustellen.

Ziel verfehlt

Bündnis kritisiert Landesregierung
Stillstand in der Inklusion
Bildung – egal ob ein Mensch eine Behinderung hat oder nicht – sollte ein Recht für alle sein. Doch zehn Jahre nach der UN-Behindertenkonvention sieht es im Saarland ganz anders aus. Statt die Regelschulen inklusiv gut auszustatten, werden Förderschulen aufgebaut. Laut dem Bündnis für inklusive Bildung verstößt die Landesregierung damit gegen die UN-Behindertenrechtskonvention.

Das Geld solle zum Aufbau der besagten Teams an Schulen – und damit für inklusive Bildung - eingesetzt werden. „Damit steigen wir ein Jahr früher als geplant in den Ausbau multiprofessioneller Teams ein“, hatte der damalige Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) gesagt.

Doch dieser Plan ist bislang nicht eingehalten worden. Bis dato ist noch nichts von diesen 500.000 Euro für multiprofessionelle Teams an Regelschulen eingesetzt worden. Auf SR-Anfrage teilte das Bildungsministerium mit, dass 2019 lediglich 50.000 Euro für Schulsozialarbeit an einer Förderschule für soziale und emotionale Entwicklung in Neunkirchen gebunden worden seien. Eine Investition also in exklusive Bildung. Das verbleibende Geld soll in ein multiprofessionelles Modellprojekt ab dem Schuljahr 20/21 investiert werden.

GEW: „Kein Verständnis“

Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sorgt das für Irritation. Dort hatte man sich im vergangenen Jahr stark gemacht für die zusätzlichen Mittel. „Ich bin überrascht und auch verärgert, dass erst 2020/2021 die 500.000 Euro ausgegeben werden“, sagte die GEW-Vorsitzende Birgit Jenni. Das Geld sei gefordert worden, um die Kollegien im Regelschulsystem zu entlasten -  insbesondere mit Blick auf die Dringlichkeit bezüglich Inklusion und Integration. „Ich habe kein Verständnis, wenn aus diesem Topf Beträge für die Exklusion verwendet werden“, so Jenni.

Unverständnis auch bei der Arbeitskammer, die wie die GEW und der Verein „Miteinander Leben Lernen“ Teil des Bündnisses für inklusive Bildung ist. „Dass bislang noch kein einziger Cent zur Förderung der Multiprofessionalität an inklusiven allgemeinen und beruflichen Schulen aus dem Topf geflossen ist, führt natürlich in den Schulen zu reichlich Verdruss“, sagte der Leiter des Referats für Bildung, Mattias Kremp. Mit dem „Kollegium der Zukunft“ und den „Kompetenzzentrum Inklusion“ sei viel versprochen, aber bislang wenig geliefert geworden.

"Landesregierung bleibt Antwort schuldig"

Das so genannte „Kollegium der Zukunft“ ist im Koalitionsvertrag der Landesregierung festgeschrieben. Darin heißt es: „Fachkräfte aus den Bereichen Pädagogik, Förderpädagogik, Eingliederungshilfe, Sozialarbeit und Psychologie bilden ein „Kollegium der Zukunft“, das durch neue Strukturen bei der Bearbeitung von Verwaltungstätigkeiten, IT und EDV unterstützt wird.“ Da die Definition des Kollegiums der Zukunft aber sehr unbestimmt sei, lasse sich „alles und nichts hineininterpretieren“, so Kremp. „Bislang bleibt die Landesregierung die Antwort schuldig, was sich dahinter verbirgt und welche konzeptionellen Vorstellungen sie selbst damit verbindet“.

Auch für die GEW-Vorsitzende Jenni ist der Begriff bislang nur unzureichend erklärt. „Zuerst einmal ist das „Kollegium der Zukunft“ eine Definitionssache. Welche Personen gehören dem Kollegium an? Was heißt das für die Zukunft?“.

Fragen, die möglicherweise schon bald zufriedenstellender beantwortet werden könnten. Denn jüngst hatte die Landesregierung bekannt gegeben, dass die Schulsozialarbeit künftig im Bildungsministerium angesiedelt sein wird. Bisher teilten sich Sozial- und Bildungsministerium die Zuständigkeiten, was in der Vergangenheit offenbar zu Komplikationen führte. „Es war immer wieder von Unstimmigkeiten zwischen den unterschiedlich parteipolitisch geführten Ministerien zu hören“, sagte Kremp.

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